Skip to main content

Full text of "Gesammelte Werke"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 




über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 



Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 



-vV.f 



i^^'i:. 



^^- 






*f^^ 












" 'j* 



.sos-tf^,^ 



Jfarbart ^ollt^f ILtbrai-? 




FKOH THE 



SUBSCRIPTION FUND 



BEGUN IN 18S8 



f 




>-- 



\ 



\ 



\ 



VON DIESEM WERK wird zugleich eine VORZUGSAUSGABE 
auf holländischem Büttenpapier, Van Gelder, angelegt: sechzig 
Yom Yer&sser signierte und numerierte Exemplare, mit der 
Hand in bestes Leder gebunden, davon fun&ig zmn Verkan£ 
Preis 12 Mark der Band, bei Subscription auf das zehnbändige 
Gesamtwerk; Einzelbände nicht im Handel. Zu bestellen direkt bei 
S • FISCHER • VERLAG • BERLIN • W • BÜLOWSTR • 90 



GESAMMELTE WERKE 
VON RICHAM) DEHMEL 



IN ZEHN BANDEN 




I- ERLÖSUNGEN n- ABER DIE UEBEinWEIB UND WELT 
IV DIE VERWANDLUNGEN DER VENUS VZWEI MEN- 
SCHEN VI DER KINDERGARTEN VQ- LEBENS- 
BLÄTTER • Vffl • BETRACHTUNGEN ETC • 
IXDER MITMENSCH XLUCIFER 



GESAMMELTE WERKE 
VON RICHARD DEHMEL 



DRITTER BAND 




SÄMTUCHE RECHTE VORBEHALTEN 

S • FISCHER VERLAG • BERLIN 

MDCCCCVn 






O^AJir^/t^*>M^^'^^^i'*^ -VvvvvfL-. 



WEIB UND WELT 

EIN BUCH GEDICHTE 
VON RICHARD DEHMEL 



Dritte, vielfach veränderte 
und sehr erweiterte Ausgabe. 
3. & 4. Tausend. Verlegt 1907 
bei S. Fischer in Berlin 
mit Vorbehalt sämtlicher Rechte. 



ERSTER TEIL 



10 WEIB UND WELT 



INS WEITE 

Die du mir näher bist, als Sinne ahnen können, 

meine Erfiillerin, 

schlummernde: 

o träume dich ein in meine schmachtenden Adern, 

und fühle mein Herz aus meinen Augen brennen, 

und sieh die Sterne sich über mir yerdoppeln, 

und schmecke das Mannah dieser grenzenlosen Nacht, 

die Düfte der Sehnsucht von Wiese zu Wald zu Wolke, 

und höre den W^twind mein heiliges Lied mitatmen, 

mein Echo du! — 



DAS IDEAL 

Doch hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt; 
ich ging nach Liebe aus auf allen "^^^en, 
auf allen kam die Liebe mir entgegen, 
drum hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt. 

Es stand ein Baum in einem Zaubergarten, 
Yon tausend Blüten duftete sein Bild, 
und eine leuchtete vor allen mild; 
es stand ein Baum in einem Zaubergarten. 

Und aus den tausend pflückte ich die eine, 
sie war noch schöner mir in meinen Händen, 



ERSTER TEIL H 



sodaß ich kniete, Dank dem Baum zu spenden, 
Yon dem aus tausend ich gepflückt die eine. 

Ich hob die Augen zu dem Zauberbaume, 
und wieder schien Yor allen Eine licht, 
tmd meine welkte schon — ich dankte nicht; 
ich hob die Augen zu dem Zauberbaume. 

Doch hab ich meine Sehnsucht nie verlernt; 
ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen, 
auf jedem reifte mir ein andrer Segen, 
drum hab ich meine Sehnsucht nie verlernt. 



BEICHTGANG 

Ich war der Herr der Welt vor dir, 

im Traum; 

wie eine Sonne warst du mir, 

im Tramn. 

Ich schmückte dich mit allen guten 

Glücksehnsuchtsgluten 

in diesem Traum, 

und hieß dich leuchten, ließ dich schweben. 

Und habe mich in den Staub gebogen 

vor dir, im Traum, 

und dich belogen und betrogen 

im Staub, im Traum — 

komm, laß uns leben! 



12 WEIB UND WELT 



NARZISSEN 

"^^^ißt du nodi, wie weiß, wie bleich 

in den Maiendämmerungen, 

wenn ich lag, von dir umschlungen, 

dir zu Fußen hingerissen, 

um uns schwankten die Narzissen? 

Weißt du noch, wie heiß, wie weich 
in den blauen Juninächten, 
wenn wir, müde von den Küssen, 
um uns flochten deine Flechten, 
Düfte hauchten die Narzissen? 

Wieder leuchten dir zu Füßen, 
wenn die Dämmerungen sinken, 
wenn die blauen Nächte blinken, 
wieder duften die Narzissen. 
Weißt du noch, wie heiß? wie bleich? 



DREI RINGE 

JEleg-ie 

Ihr Ringe, drei Ringe, um Einen Finger, 
und jeder ein toter, gebrochener Schwur; 
und seid mir so heilig, ihr flimmernden Dinger, 



ERSTER TEIL 13 



seid mir ein treuer, 

stiU wachsender, neuer, 

einziger, willig gesprochener Sdbwur. 

Was glühst du, Rubin, von versunkenen Stunden? 

Was blickst du, Perle, so bleich im Gold? 

Du Reif dazwischen, schlicht gewunden, 

was schimmerst du so scheu und hold? 

Ach! immer die Treue treuwilBg versprochen, 

und immer treuwillig die Treue gebrochen. 

So hat es das Leben, das Leben gewollt. 

Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken, 

und dennoch ein neuer dämmernder Schwur? 

O Abendsonne, wie trüb dein Blinken, 

und Nebel winken, 

bald wirst du sinken. 

Du blasse Perle, wie war*s doch nur? 



War wohl ein Morgen, fiühlingsmild; 

die alte Kirche stand voll Glanz. 

Blaß flammte imis Erlöserbild 

der Osterkerzen weißer Kranz. 

Der Orgel Hallelujah quoll; 

uns war das Herz von Gott so voll, 

das Kinderherz, voll Bebens. 

O Schwur des Glaubens! O Gebot: 

mm seid getreu bis in den Tod, 



14 IVEIB UND WELT 

dann wird euch die Krone des Lebens, 
die ewige Krone des Lebens. 

Und mit der Mutter still durchs Feld; 
wie glänzte weit, wie glänzte grün 
und war ein Sonntag all die W^lt! 
Die "Weidenbüsche wollten blühn; 
ein Zweiglein brach der Knabe. 
Doch feierlich im leeren Land 
als wie ein Kreuz die Mühle stand; 
und sinnend weiter still feldein. 
O Försterhaus am Eichenhain! 
O Vaterwort-und-Gabe! 

O Gartenzaun am Eichenhain! 
da nahm mein Vater meine Hand 
und legte einen Bing hinein, 
der hatte einen schwarzen Stein, 
drin eine goldne Krone stand, 
und sprach zu seinem Sohne, 
und all sein Blick war Ein Gebot: 
Nun sei dir treu bis in den Tod, 
dann wird dir die Krone zum Lohne, 
des Lebens Siegeskrone! 



Ihr Binge, drei Binge, an meiner Linken, 
und jeder ein neuer, ein toter Schwur; 



ERSTER TEIL 16 



was wird so zitternd euer Blinken? — 

Du trübe Sonne, laß dein Winken. 

O weite Flur! 

Die Nebel gleißen wie blutende Wunden; 

ich habe die Freiheit, die Freiheit gewollt! 

O Sonnenblut. O gleißend Gold 

Was glühst du, Rubin, von rersunkenen Stunden? 



Es war ein Mittag, firühlingswild. 

Von der Bergeskrone, rot zuckend, kroch 

die W>lkenschlange ins Gefild. 

Der Donner jagte yon Joch zu Joch. 

Sturm weinte das Dunkel, ein stürzendes Meer. 

Triefend sausten die Bäume; und grell und spitz, 

Licht sdileudemd, über ims, um uns her 

— mein bebendes Mäddien, weißt du noch? — 

flocht flatternde Netze Blitz auf Bhtz. 

Und die Bäume bogen und schlugen sich, 
blendend nieder krachte der steile Strahl 
und warf im Taumel irr dich und midi 
zu Boden, glutschwer, ein flackernder Wall; 
und da lag im Taumel irr Brust an Brust, 
jung hing und glutsdiwer Mund an Mund 
und Auge in Auge im Moose, und 
rauschend schludizte der Regen in unsre Lust, 
stumm lohte der feuergetaufle Bund. 



16 WEIB UND WELT 

Und dann auf! Oh, standest du bleich und bang. 
Und da hab ich den Donner des Hinunels bedroht, 
von der Faust mir peitschend das 'Wasser sprang, 
durch die sausenden Bäume mein Lachen klang: 
o lauter, mein Bruder, dein wild Gebot! 
Und riß mir vom Finger den Knabenring: 
ich bin mir selbst mein Herr und Gott! 
und nahm deine zitternde Hand, dran hing 
im Blitzlicht funkehid der rote Rubin, 
imd Yom Himmel gebadet, yom Himmel umloht 
— ich fühlte dich weinen, ich sah dich glühn — 
schwur ich: gib her! sei treu! nimm hin! 



Ihr Ringe, drei Ringe, um Einen Finger, 

und jeder ein doppelt gebrochener Schwur. 

Wie der Nebel raucht! ein brennender Zwinger 

vermauert die fliehende Sonnenspur. 

Noch glänzt ein stiller Streifen Gold; 

idi habe fi*eiwillig die Freiheit verschworen. 

Was glimmst du schlichter Reif so hold? 

Die Freiheit verschworen, die Freiheit verloren. 

So hat es die Liebe, die Liebe gewollt 



Es kam ein Abend, frühlingsmild; 

bang steht, in Schleiern, bleich, die Braut. 



ERSTER TEIL 17 



Ernst rauschen die Geigen; herb duftend schwillt 

der Myrte grünes, weißblühendes Kraut* 

Und Andacht wird, und Schweigen; nur 

durchs Fenster flüsterte der MaL 

Und nun: nun will ich stolz und frei 

uns segnen — da: roll Bebens, 

horch, die Stimmen der Freunde — o Lied, o Schwur, 

o ihr rauschenden Geigen, o Gebot 

— blaß zuckten die Kerzen im Abendrot — : 

Nun seid getreu bis in den Tod, 

dann wird euch die Krone des Lebens! 

Da flocht ich ihr still Tom Haupt den Kranz, 

still küßte ich ihr dunkles Haar; 

glutüberhaucht vom fernen Glanz 

hielt ihre Hand ein Rosenpaar, 

still zitterten die Blüten. 

Und hoch ins schweigende Gemach 

hob ich den goldnen Ring und sprach 

und sprach — wie war das Herz mir weit, 

von Glauben weit und Seligkeit — : 

Nun will ich dein sein alle Zeit, 

Ein Leib, Eine Seele, in Glück und Leid 

dein Gott, meine "Welt, dich hüten. 

Und draußen wiegte ein Lindenbaum 
goldgrün sein jung Gefieder; 
sanft glühte der Rosen rot schwellender Saum, 
und durch den Schimmer, den Duft:, den Traum 

/// 



18 WEIB UND WELT 

rausdbten die Geigen wieder. 
Da gab sie mir an meine Hand, 
an meine Rechte zurück mein Pfand, 
den Ring mit der leuchtenden Krone. 
Stumm bat ihr Blick yoU seliger Not: 
nun sei mir treu bis in den Tod, 
dann wird uns die Ejx>ne zum Lohne, 
des Lebens Friedenskrone. 



Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken: 
was blickst du, Perle, so trüb im Gold? 
O Sonne, du müde, nun magst du sinken; 
o schwere Pflicht, wie schienst du hold! 
Gelb taucht ins Moor der letzte Funken, 
das Land wird fahl, der Nebel rollt 
Ich habe die Wahrheit, Klarheit gewollt 
Ich war der Liebe so satt — so trunken — 



Und eine Nadit kam, frühlingswild, 
kam schwül. Ums Licht der Lampe lag, 
vom lauten Regen dunstTerhüllt, 
das Dunkel dumpf und dufterfiillt; 
hohl scholl und hart das Laubendach. 
Es klang so einsam, was ich sprach 
Ton meinem großen Überdruß; 



ERSTER TEIL 19 



es klang so bang, als ob ich log, 

als ich mich flüsternd zu ihr bog. 

Und ich hielt ihre Hand. Weißt du wohl nodi, 

du blasse Andre?! Wolltest du's? 

Wie war die Hand Ton Arbeit rauh! 

Wie saßest du so scheu und still 

mit deinen Augen groß und grau, 

als horchtest du dem Tropfentau, 

der durch die Epheublätter fieL 

Und ich hielt deine Hand. Und es war so schwüL 

Was ließest du es denn geschehn?! 

Ich wollte dir nur ins Innre sehn, 

in diese Augen stolz und stumm. 

Du aber — ? Und wir sanken xxra. 

Die Epheublätter zitterten. 

Ich nahm dein einziges Eigentum. 

Und dann: im dunkeln Grase hing 

und flimmerte etwas wie Gold. 

Das war dein lieber Perlenring, 

der war dir in den Sand gerollt. 

Und da hast du trotzig aufgelacht, 

von deinem Vater war auch er; 

blaß langtest du ihn zu mir her, 

aus deinen Augen sah die Nacht, 

und nahmst meine Hand — besudelt glomm 

der Kronring dran — und während hohl 

der Regen rauschte wie ein Strom, 



20 WEIB UND WELT 



sprachst du: vergiß! nimm! gieb! leb wohl! 



Ihr Ringe, drei Ringe, tmd doch der neue, 

aus scheuer Seele bang d'ammemde Schwur? 

Dahin der Glaube, dahin die Treue; 

o dunkle Flur. 

Starr durch die kahlen Pappeln schauen 

die Sterne ins verhüllte Feld. 

Klarheit?? Im Moor die Nebel brauen. 

O ja: die Erde ist voll Grauen. 

Doch — voll von Sonnen steht die Welt! 

Raum! Raum! brich Bahnen, wilde Brust! 
Ich fiihl's und staune jede Nacht, 
daß nicht blos Eine Sonne lacht; 
das Leben ist des Lebens Lust! 
Hinein, hinein mit blinden Händen, 
du hast noch nie das Ziel gewußt; 
zehntausend Sterne, aller Enden, 
zehntausend Sonnen stehn und spenden 
uns ihre Strahlen in die Brust! 

Uns in die Brust . • • Was willst du, Schweigen, 

du graue Erde, immer noch? 

Und ich sehe die Krone, die eine, steigen 

— ihr Ringe, drei Ringe, wie war es doch? — 

die Krone steigen, die Krone sinken, 



ERSTER TEIL 21 



wie eine Sonne sinken, winken: 
mir nach! nichts ist yergebens! 
fest steht mein flammendes Gebot: 
aus Abendrot wächst Morgenrot! 
dem bist du treu bis in den Tod, 
du trägst die Krone des Lebens: 
die Schöpferkrone des Lebens! 



DER STIEGLITZ 

Die Sonne sticht; ein Distelfeld 
blitzt durch die stille Mittagswelt. 
Im starrgezackten Blättermeer 
glühn purpurlockig kreuz und quer 
die Blütenköpfe« 

Und durch den eisengrauen Busch: 
ein bimter Vogel, hupp, hup husch, 
hüpft durch das wilde Staudenheer, 
als ob es ohne Stacheln war: 
ein junger Stieglitz. 

Wie wirr! wie wunderlich geschweift! 
Ein leichtes Lüftchen kommt tmd greift 
von Blütenspeer zu Blütenspeer 
und wirft die Schatten hin und her; 
weg ist der Stieglitz. 



22 WEIB UND WELT 

Nun will ich stille weitergehri 
und mir die sonnige Welt besehn, 
und durch das Leben kreuz und quer, 
als ob es ohne Stacheln war; 
das liebe Leben. 



SINNIGE FAHRT 

An kleinen ruhigen Dörfern vorbei, 
durch eilende Felder und Leutegeschrei* 

Die Axen dröhnen; ich denke still 
an Eine, die mir treu sein wilL 

Sie denkt wohl auch: was wohl die Welt 
so im stillen zusammenhält? 

Und plötzlich seh ich zwei Schafe stehn, 
die dem rollenden Zug nachsehn. 



SO IM WANDERN 

Ein silbern klein Herze, 
von Gold einen Ring, 
die gab sie mir, als ich 
wandern ging, 



ERSTER TEIL ^ 

und tat in das Herze 
ihr Bild hinein; 
so einsam der Morgen, 
bin nicht allein. 

Arme Padde im Gleise, 
zerquetscht liegst du! 
Ich wandre meine Straße 
und wandre immer zu. 

Schon teilt sich der Nebel, 
mm schimmert die Welt; 
im Sonnenschein glitzert 
das Ahrenfeld. 

Die Hummeln summen, 
die Lerchen klingen; 
die Birken wehen, 
die Zweige schwingen. 

Die Pappeln, die schütteln 
die Blätter im Wind; 
sie flüstern mir Grüße, 
die voll Erinnrung sind. 

Das Herzelein nehm ich 
Yom seidenen Band 
und leg's in das Ringlein 
in meiner Hand, 



24 WEIB UND WELT 

so schreit ich und schau 
ab ein Zeichen mir*s an: 
so will ich in Treuen 
ohn Ende Dich umfahn! — 

Was rennst, Meisler Lampe? 
heut jag'ich nicht 
Ich wandre, ich schreite; 
die Sonne sticht. 

In Dorfes Mitten, 
wo sich der Friedhof hebt: 
wie wird's gar kühl sich ruhen, 
wenn man mich einst begräbt: 

zwei weiße Rosen biegen 

ums Grabkreuz die Ast, 

drauf steht mein Nam geschrieben, 

bis der Regen ihn löscht. 

Hinterm Kirchlein die Schenke 
heißt „Zu den drei Linden"; 
da wird sich wohl auch noch 
ein Ruheplätzchen finden. 

Ei Tausend, mein Schätzchen, 
so schmuck, und allein? 
Ei konmi doch, rück näher; 
trink nüt, schenk ein! 



ERSTER TEIL 25 



Es sitzen zwei Spatzen 
im Lindenbaam; 
sie schnäbeln, sie schwatzen, 
es ist wie Traum. 

Anf *m Kirchhof stehn Kreuze, 
mehr als hundert, schwarz und weiß; 
aber Du hast zwei Lippen, 
die sind rot und heiß! 

Na Mädel, was weinst denn? 
Ja, die Welt ist hohl. 
Die Welt ist ein Weinfaß: 
tiink aus — leb wohl! — 

Was wackelt der Pfahl da? 
der ist wohl betrunken! 
Ich wandrC, ich schreite, 
in Sinnen yersunken. 

Sie saß ja so alleine; 
imd die Liebste wohnt so weit! 
Ich will ihr Alles schreiben, 
bis sie mir yerzeiht 

Und am End meiner Reise 
steht mein elterlich Haus, 
da schaut mein lieb Mutterherz 
am Fenster nach mir aus; 



26 IVEIB UND WELT 

und drinnen sitzt mein ^^ter, 
wie'n König auf sei*m Thron, 
und will's nicht verraten, 
daß er wart't auf seinen Sohn. 

Nun will ich nicht sinnen, 
ob man glücklich kann werden; 
der Himmel ist hoch, 
und wir leben auf Erden! 
Sela! — 



SCHÜTZENGEL 

Nicht Tom Kirchhof will ich Epheu pflücken, 

glänzt das ganzß Dörfchen doch von Epheu; 

davon will ich pflücken 

für mein Kämmerchen! 

spricht der junge, junge Jägersmann. 

Guten Tag, du schönes, schönes Mädchen, 

gieb mir doch dein liebes, liebes Händchen! 

Weißt, ich suche Epheu 

für mein Kämmerchen; 

darf ich wohl von deinem Epheu pflücken? 

Komm herein, du schöner, schöner Jäger, 



ERSTER TEIL 27 



will dir vielen, vielen Epheu geben. 

Hinten tun mein Fenster, 

tun mein Kämmerchen, 

schlingt sich dicht der dunkle, dmikle Epheu. 

Kommt das kleine Brüderchen gelaufen: 

Schwesterchen, was will der große Jäger?! 

Und ich küßt es auf die scheue Stime 

und ging still nach Hause 

in mein Kämmerchen: 

ich, der junge, junge Jägersmann. 



BEGEGNUNG 

Ich sah dich schon. 

Im Sonnenschein 

beim Roggenfeld am Wiesem'ain 

stand wilder Mohn; 

die Kelche blühten blutrot breit, 

den Schooß voll blauer Dunkelheit, 

und jäh aus einer Knospe quoll 

ihr glühendes Seelchen, unruhvolL 

So sah ich Dich, du knospiges Ekind, erglühn, 
gestern im Feld am stillen Fichtenhain, 



28 IVEIB UND WELT 

als im Vorübergehn mein Blick dich küßte; 
mit allen Adern schienst du aufzublühn, 
so scheu und rein, 
als ob ich um Verzeihung bitten müßte. 

VV^'s ein Erglühn? W^'s nur ein Widerschein? 
das Rot des roten Sommerkleids um dich? 
das Abendrot, das fem yerglomm im Tann? 
War's ein Erglühn, das erste war es dann, 
das deine jungen Schläfen so beschlich; 
so bang, so schwer sahst du mich an, 
so fast Toll Angst zurück nach mir, 
als du yerschwandest sacht im dichten 
Gewühl der silbergrünen Fichten, 

Doch meine Seele folgte dir, 
dein blautief Auge blieb in mir. 

Ich sah dich schon, 
du flüchtendes Kind: 
heiß durch den Roggen strich der Wind 
und bebend neigte sich der Mohn. 
Ich hab eine rote Blüte yerwehn, 
zwischen den Halmen zerflattem sehn, 
und habe den Blättern nachgeträumt; 
und immer ist mir noch, ich schaue 
in ihren Kelch, der glutumsäumt 
sich jäh vertieft ins Dunkle, Blaue . . • 



ERSTER TEIL 29 



UNTERM JUNGEN BIRNBAUM 

Unterm jungen Birnbaum standest du« 
An die ersten kleinen grünen Früchte 
rührtest du entzückt mit zartem Finger; 
letzte Blüten wehten um dich nieder. 

Unterm jungen Birnbaum stand auch ich. 
Meine harten Hände rühilen nicht 
an die kleinen grünen ersten Früchte; 
letzte Blüten wehten um mich nieder« 



VERKÜNDIGUNG 

Du tatest mir die Tür auf, 

ernstes Ekind. 

Ich sah mich um in deinem kleinen Himmel, 

lächehide Jungfrau. 

Du sollst einst einen großen Himmel hüten, 

Mutter mit dem Kind. 

Ich tu die Tür mit ernstem Lächeln zu. 



EINST 

Ich ruhe; helle Wolken fliehn; 

mein Herz rauscht wie das weite Feld. 



30 IVEIB UND WELT 

Flügel leuchten — 

und über die Wolken steigt ein Lied: 
Einst brauchst du keinen Menschen mehr, 
du Herz der Welt! — 



STIMiME DES ABENDS 

Die Flur will ruhn. 
In Halmen, Zweigen 
ein leises Neigen, 
Dir ist, als hörst du 
die Nebel steigen. 
Du horchst — und nun: 
dir wird, als störst du 
mit deinen Schuhn 
ihr Schweigen. 



MANCHE NACHT 

Wenn die Felder sich verdunkeln, 
fühl ich, wird mein Auge heller; 
schon versucht ein Stern zu funkeln, 
und die Grillen wispern schneller. 

Jeder Laut wird bilderreicher, 
das Gewohnte sonderbarer. 



ERSTER TEIL 31 



hinterm Wald der Himmel bleicher, 
jeder Wipfel hebt sich klarer. 

Und du merkst es nicht im Schreiten, 
wie das Licht yerhundertfältigt 
sich entringt den Dunkelheiten. 
Plötzlich stehst du übei*w'altigt. 



HIMMELFAHRT 

Schwebst du nieder aus den Weiten, 
Nacht mit deinem Silberkranz? 
Hebt in deine Ewigkeiten 
mich des Dunkels milder Glanz? 

Als ob Augen liebend winken: 
alle Liebe sei enthüllt! 
als ob Arme sehnend sinken: 
alle Sehnsucht sei erfüllt — 

strahlt ein Stern mir aus den 'Weiten, 

alle Ängste fallen ab, 

seligste Versunkenheiten, 

strahlt und strahlt und will herab. 

Und es treiben mich Gewalten 
ihm entgegen, und er sinkt — 



32 IVEIB UND WELT 

und ein Quellen, ein Entfalten 
seines Scheines nimmt und bringt 

und erlöst mich in die Zeiten, 
da noch keine Menschen sahn, 
wie durch Nächte Sterne gleiten, 
wie den Seelen Rätsel nahn. 



AUS BANGER BRUST 

Die Rosen leuchten immer noch, 
die dunkeln Blätter zittern sacht; 
ich bin im Grase aufgewacht, 
o kämst du doch, 
es ist so tiefe Mittemacht 

Den Mond verdeckt das Gartentor, 
sein Licht fließt über in den See, 
die Weiden warten still empor, 
mein Nacken wühlt im feuchten Klee; 
so liebtlch dich noch nie zuvor! 

So hab ich es noch nie gewußt, 
so oft ich deinen Hals umschloß 
und blind dein Innerstes genoß, 
warum du so aus banger Brust 
aufstöhntest, wenn ich überfloß. 



ERSTER TEIL 33 



O jetzt, o hättest du gesehn, 

wie dort das Glühwurmpärcheii kroch! 

Ich will nie wieder von dir gehn! 

O kämst du doch! 

Die Rosen leuchten immer noch. 



HELLE NACHT 

\^ch küßt die Zweige 

der weiße Mond. 

Ein Flüstern wohnt 

im Laub) als neige, 

als schweige sich der Hain zur Ruh: 

Geliebte du — 

Der Weiher ruht, und 

die Weide schimmert. 

Ihr Schatten flimmert 

in seiner Flut, und 

der Wind weint in den Bäumen: 

wir träumen — träumen — 

Die \^iten leuchten 

Beruhigung. 

Die Niederung 

hebt bleich den feuchten 

Schleier hin zum Himmelssaum: 

o hin — o Traum 

/// 



34 WEIB UND WELT 



AUFSTIEG 

Als Engel durch die Finsternis, 
so wollten wir zu hohem Sonnen; 
doch hab ich dich erst ganz gewonnen, 
als Gott uns aus dem Traume riß. 

Blau fuhr sein Blitzstrahl durch die Weiten 
und zwang uns zur Hinunterschau; 
da lag die Erde grell und grau 
mit allen ihren Wii*ldichkeiten« 

Wie lachte Satan auf zu mir, 
als du mich zu yerheren meintest 
Wie schrie er selig, als du weintest: 
Sie träumt nicht mehr, sie lebt mit dir! 



DRÜCKENDE LUFT 

Der Hinmiel dunkelte noch immer; 
ich fUhlte tief bis in mein Zimmer 
der fahlen Wolken vollen Schooß. 
Die Esche drüben drehte schwer 
die hohe Krone um sich her; 



ERSTER TEIL 36 



zwei Blätter trieben wirbelnd los. 

Laut tickte durch die schwüle Stube, 
wie durch die stille Totengrube 
der Holzwurm ticken mag, die Uhr. 
Und durch die Türe hinter mir 
klang dünn und schüchtern ein Klarier 
über den Flur. 

Der Himmel lastete wie Schiefer; 
ihr Spiel klang immer trauertiefer, 
ich sah sie wohl. 

Dumpf rang der Wind im Eschenlaub, 
die Luft war grau von Glut und Staub 
und seufzte hohl. 

Und blasser tönten durch die Wände 
die tastenden verweinten Hände, 
sie saß und sang; 

sang sich das Lied, in sich gebückt, 
mit dem sie mich als Braut entzückt; 
ich fühlte, wie ihr Atem rang. 

Die Wölken wurden immer dumpfer, 
die wunden Töne immer stumpfer, 
wie Messer stumpf, wie Messer spitz; 
und aus dem alten Liebeslied 
klagten zwei Kinderstimmen mit — 
da fiel der erste Blitz. 



36 WEIB UND WELT 



AUFBLICK 

Über unsre Liebe hängt 

eine tiefe Trauerweide. 

Nacht und Schatten um uns beide. 

Unsre Stirnen sind gesenkt. 

Wortlos sitzen wir im Dunkehi. 
Einstmals rauschte hier ein Strom, 
einstmals sahn wir Sterne funkeln. 

Ist denn Alles tot und trübe? 

Horch — : ein femer Mund — : yom Dom - 

Glockenchöre . . . Nacht . . . Und Liebe . 



STILLER GANG 

Der Abend graut; Herbstfeuer brennen. 
Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei. 
Kaum ist mein W^g noch zu erkennen. 
Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen« 
Ein Käfer surrt an meinem Ohr yorbeL 
VorbeL 



ERSTER TEIL 37 



EIN GRAB 

Das sind die Abende, die bleich yerfiühten. 
Die Georginen, die im Sonnenscheine 
wie rot and gelbe letzte Rosen glühten, 
stehn fahl, Rosetten aus yerfärbtem Steine« 
Der Nebel klebt an unsem Hüten. 

Komm, Schwester. Dort der Zami von Erz 
umgittert Eine, die zu früh verblich. 
Komm heim; mich fixiert Sie liebte mich. 
Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz; 
still tat sie wohl, still litt sie Schmerz. 



KLAGE 

In diesen welken Tagen, 
wo Alles bald zu Ende ist, 
sturmzerfetzte Sonnenblumen 
über dunkle Zäune ragen, 

Wolken jagen 

und den Boden flammenfarbne 

Blätterstürze schlagen: 



38 IVEIB UND WELT 

da müssen wir nun tragen, 
was wir uns mußten sagen 

in diesen welken Tagen. 



DER GESUNDE MANN 

Meine Frau ist krank, sie 

wird wohl bald sterben; 

dann kann ich lachen, 

dann werd*ich was erben. 

O, wie lieb mir das Leben im Leibe schlägt, 

wenn ihr Husten mir das Herz zersägt; 

hilf Gott 

Da sitzt sie am Ofen 

und lächelt ins Feuer; 

die Flammen röcheln 

so ungeheuer. 

Es kocht die Glut, ein Sdieit zerspringt, 

und eine ferne Glocke klingt: 

hilf Gott 



BEFREIT 
Du wirst nicht weinen. Leise, leise 



ERSTER TEIL 39 



wirst du lächeln; und wie zur Reise 

geh ich dir Blick und Kuß zurücL 

Unsre lieben vier Wände! Du hast sie bereitet, 

ich habe sie dir zur Welt geweitet — 

o Glück! 

Dann wirst du heiß meine Hände fassen 
und wirst mir deine Seele lassen, 
läßt tmsem Kindern mich zurück. 
Du schenktest mir dein ganzes Leben, 
ich will es ihnen wiedergeben — 
o Glück! 

Es wird sehr bald sein, wir wissen*s Beide. 

Wir haben einander befreit vom Leide; 

so geb'ich dich der Welt zurück. 

Dann wirst du mir nur noch im Traum erscheinen 

und mich segnen und mit mir weinen — 

o Glück! 



KALTE FRAGE 

Wo bist du nun? Die Täler sind verschneit; 
es starrt der Fluß, der gestern noch sich regte. 
Ich staune in die bleiche Dunkelheit 
wie dort das Licht, das ferne, unbewegte. 



40 WEIB UND WELT 



TROST 

Du sahst eine Sternschnuppe fallen; 
was hebst du scheu die Hand? 
Sieh, kein Stern verschwand: 
alle leuchten noch allen. 



WINTERWÄRME 

Mit brennenden Lippen, 

unter eisblauem Himmel, 

durch den glitzernden Morgen hin, 

in meinem Garten, 

hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied. 

Alle Bäume scheinen zu blühen; 
von den reifrauhen Zweigen 
streift dein Frühwind 
sclmnmemde Flöckchen nieder, 
gleichsam Frühlingsblendwerk; 
habe Dank! 

An meiner Dachkante hängt 
Eiszapfen neben Zapfen, 
starr; 



ERSTER TEIL 41 



die fangen zu schmelzen an. 

Tropfen auf Tropfen blitzt, 
} jeder dem andern unvergleichlich, 

^ mir ins Herz. 



KEIN BLEIBEN 

Immer dichter 
flüchtet der Schnee - 
ich steh und seh 
die Flocken treiben, 
um Straßenlichter, 
stumme Gesichter, 
inuner dichter — 
nur nicht bleiben, 
iiveiter, weiter, 
einsamer Schreiter! 



HEIMWEH IN DIE WELT 

O wie lange litt ich*s nun, wie stumm! 
soll ich denn mein Herz, mein Herz noch töten? 
War doch dein, nur dein, in Glut und Nöten; 
weißt warum? 



ii WEIB UND WELT 

yVeil mein Herz so wild, 

weil es Meere braucht, 

wenn der Sturm ins Blut mir taucht, 

weil es deine Tiefen so gefühlt! 

Doch wenn mm der Frühling wieder sprießt 

— o, ich fuhl*s, ich fuhl*s, so stumm ich blieb — 

imd im warmen Sturm der junge Trieb 

schwillt und schießt: 

wird mein Herz so wild, 

weil es Meere braucht, 

wenn der Sturm ins Blut mir taucht, 

weil es so in alle Weiten föhlt! 

Hast es doch gewußt! damals im Mai: 

als uns auf der Bergwand der Blitz umlohte, 

als ich jauchzte imd dem Donner drohte, 

adlerfrei: 

gabst mir deine Hand, 

mein in Glut und Schmerz, 

sankest mir ans wilde Herz, 

unten glänzte fem das deutsche Land. 

Und wenn nun der Frühling blühen will 
und die herrlichen Blitze wieder glühn 
und im Sturm die Meere wieder sprühn: 
dann — (Ak still — 
gieb mir deine Hand, 
Einmal noch ein Schmerz, 



ERSTER TEIL 43 



Einmal noch ein deutsches Herz, 

dann leb wohl, mein Weib, mein "Vaterland! 



ÜBER FREI FELD 

Über firei Feld, mein Hmid imd ich; 
die Frühlingsluft ist dunkeL 
Fem staut sich ein Gewitterstrich; 
mein Teckel knurrt, er furchtet sich. 
Komm, TeckeL 

Er will nicht sehn die Himmelswand, 
die Sonne sticht durch Wolken; 
blendende Streifen ziehn durchs Land, 
ein Scherben blitzt wie Diamant. 
Komm, TeckeL 

Am Saum der Saat, von Stiel zu Stiel, 
schleicht ungewiß sein Schatten; 
ein Regen sprüht wie Mückenspiel, 
die Tropfen flinmiem ohne Ziel. 
Komm, TeckeL 

Da: jäh am Horizont hin zuckt 

der erste Blitz im Jahre. 

Ein kurz entschlossner Donner ruckt; 

mein Teckel hat sich scheu geduckt 

Hundsseele! 



ZWEITER TEIL 



46 IVEIB UND WELT 



DER FRÜHLINGSKASPER 

\^il nun wieder Frühling ist, 

Leute, 

streu ich butterblumengelber Kasper 

lachend 

lauter lilablaue Astemblüten 

hei ins helle Feld! 

Lilablaue Astern, liebe Leute, 

Astern 

blühn im deutschen "Vaterland bekanntlich 

blos im Herbst. 

Aber Ich, ich butterblumengelber Kasper, 

streue, 

weil mm wieder heller Frühling ist, 

tanzend 

tausend dunkelblaue Astemblüten 

hei in alle Welt! 



ENTLADUNG 

Ich kam mit meinem Alpenstocke 
und o&er Brust vom Berg geschlendert; 
begegnet mir im Ordensrocke 



ZWEITER TEIL 47 



ein Zug von Nonnen, grau bebändert, 
zehn schwarze Paare. 

Den Blick zu Boden, steif und stumm, 
so kamen sie dahergestiegen; 
ich seh die Täler ringsherum 
in leichenhaftem Glänze liegen, 
Gewitter drohte. 

Fem tmten, wo noch Sonne gährte, 
zog durch den wolkendunkeln See 
ein Dampfschiff seine blanke Fährte, 
und Tücher winken hell Ade; 
ich schau nach Oben. 

Wie sieht die Bergwand düster aus! 
Ein greller EJrchturm steht davor 
imd fordert firech den Blitz heraus; 
die Tannen sträuben sich empor 
wie Vl^amungszeichen. 

Und herrisdi kommt der Wind gesaust, 
die Straße her, mit Staub und Frische, 
und nimmt die Birken in die Faust 
und sdiüttelt sie wie Flederwische; 
es donnert schon. 

Die strengen Ordensröcke stieben; 

nur rasch vorbei, ihr armen Schwestern! 



48 WEIB UND WELT 

ihr dürft nur tote Heilige lieben. 
Rasch! Eure stumpfen Blicke lästern 
Natur und Leben. 

Ah: wie die Gletscherkanten glühn! 
Vom Dampfer hör ich Juchzer klingen; 
der Regen klatscht ins wilde Grün, 
imd mit dem Wirbelwinde ringen 
Tierzig Nonnenwaden. 

Da hob ich meine Alpenstange 
und schlug ein Exeuz auf ihren Trott, 
imd lachte laut tmd lachte lange, 
und herzlich herzlos, wie ein Gott — 
sie hörten*s. 



ANBETUNG 

Letzter Schritt, tmd hoch mit mir 
strebt der Tm'm ins Licht; 
und vom Steigen auf zu Dir 
bebt mein heiß Gesicht. 

Hier, wo keine Menschen sind, 
sieh mich niederknien! 
Ums Gesimse saust dein Wind, 
und ich föhle ihn. 



ZWEITER TEIL 49 



wie er an das Steingeröst 
seine Hände legt 
und es sdiüUelt und es küßt 
und mein Haar durchfegt 

Durch die Glocken unter mir 
rauscht sein Atemstronu 
Sonne, Sonne, Schöpferin, Dir 
bebt der ganze Dom, 

den o Dein Dom überblaut, 
und den schaffensbang 
einst ein Mensch wie Ich gebaut, 
Mensch im Überschwang! 



AUSBLICK 

Jetzt einen Schritt, dann stürzt Tom Rande 
mein Leben in die Schlucht hinab. 
Wie hängt die Sonne tief im Lande! 
Ich recke mich auf meinem Stande, 
und alle Sehnsucht fallt mir ab. 

Denn dort aus WaM-und- Wolkenkränzen 
ragt mir erreichbar Firn an Firn. 
Die Wirklichkeit ist ohne Grenzen! 
Wie nah die fernen Dörfer glänzen, 
der Strom dazwischen wie ein Zwirn! 



/// 



60 WEIB UND WELT 

Ich lehne mich zurück mit Grauen: 
was ist hier groß, was ist hier klein. 
Da blüht ein Enzian; nun schauen 
zwei Menschenaugen in den blauen, 
einsamen, winzigen Kelch hinein. 

In gelben Pollen reift der Samen, 
Unendlichkeiten ahnen mir; 
und selig ruf ich einen Namen — 
du Mutter meiner Kinder, Amen, 
mein Leben blüht, ich danke dir! 



IDEALE LANDSCHAFT 

Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn, 

und eine hohe Abendklarheit war, 

imd sahst nur immer weg von mir, 

ins Licht, ins Licht — 

und fem verscholl das Echo meines Aufschreis. 



AUF SEE 

Doch hatte niemals tiefere Macht dein Blick, 
als da du, Abschied fühlend, still am Ufer 
standest, schwandest Nur der Blick noch 



ZWEITER TEIL 51 

blieb und bebte über den 'V%ßsem. 

Dunkel folgte der Schein den leuchtenden Furchen. 
Und ich sah den Schaum der tiefen Flut, 
sah dein weißes Klleid zerfließen: 
du Seele — Seele 



GESANG \^R NACHT 

Im großen Glanz der Abendsonne 
schauert die See; sacht steigt die FluL 
Im großen Glanz der Abendsonne 
ergreift auch mich die weite Glut. 
Im großen Glanz der Abendsonne 
braust immer feuriger mein Blut: 
Noch steigt die Flut — 
im großen Glanz der Abendsonne. 



KLARER TAG 

Der Himmel leuchtet aus dem Meer; 
ich geh imd leuchte still wie er. 

Und viele Menschen gehn wie ich, 
sie leuditen alle still für sich. 



52 WEIB UND WELT 

Zuweilen scheint nur Licht zu wehn 
und durch die Stille hinzugehn* 

Ein Lüftchen haucht den Strand entlang: 
o wundervoller Müßiggang. 



DUNKLE GEWALT 

Wieder! Da kommt sie durchs Gewimmel. 
An ihrem Busen, in der Rechten, 
wie Nachtgewölke ruhn am Himmel, 
die aufgeraSlen dunklen Flechten — 

bestricken meinen Blick wie Sdilangen, 
mir träumt von Paradiesesnachten — 
Was ziehst du plötzlich so voll Bangen 
den Mantel, Weib, vor deine Flechten? — 



HERR UND HERRIN 

EIN MANN: 
Da du so schön bist, darf ich dich beschwören, 
errege nicht mein leicht erregtes Blut. 
Da du so schön bist, kann ich dir nicht wehren, 
daß deine Hand zu sehr in meiner ruht 



ZWErrER TEIL 63 



Da du so schön bist, muß ich dich beehren, 
denn alle Schönheit ist mir freies Gut. 
Da du so schön bist, will ich dich zerstören, 
damit es nicht ein Andrer tut • • • 

DAS WEIB: 
Da du so stark bist, darfst du mich begehren, 
doch meine Schönheit bleibt mein freies Gut. 
Da du so stark bist, kannst du mich zerstören, 
wenn dir die Tat nicht selbst zu wehe tut. 
Da du so stark bist, mußt du mir beschwören, 
daß du besdiützen wirst mein schutzlos Blut. 
Da du so stark bist, will ich dir nicht wehren, 
daß deine Hand in meiner ruht • . . 



EIN BÜCK 

Nie werd'ich diesen dunkeln Blick 
Tergessen, der so trüb wie klar 
voll Sehnsucht war; 
dann wandte sich ihr Augenpaar 
zum Fenster. Hohl klang das Getick 
des Regens. 

Mein Freund, du sprachst sehr klug und fein 
von \Mssenschaft. Doch durch das Grau 
des Zimmers flinmierte das Blau 



54 WEIB UND WELT 

des Papagein, 

der auf dem Brusttuch deiner Frau 

still kletterte. 

Es war so schön: so zärtlich lag 

im weichen Seidengelb an ihr 

sein Blau. Doch Du erklärtest mir^ 

daß manches Tier 

am Menschen Ein Geschlecht nur mag: 

Mann oder Weib. 

Da war^s, da sah sie vom Genick 

des Vogels auf, und dann ins Feld, 

so imyerstellt. 

Mein Freund, in diesem einen Blick 

lag eine unentdeckte Welt 

fiir dich. 



VORSPIEL 

Sie ist nur durch mein Zimmer gegangen 
imd hat mir scheu von Träumen erzählt; 
und ich habe sie mit Trost gequält 
und saß imd starb fast vor Verlangen. 

Sie hat geträumt von meinen Händen: 

sie aß von ihres Mannes Brot, 

da kam ich an und drückte sie tot, 

sie hielt ganz still . . . Wie wird das enden . . 



ZWEITER TEIL 56 



TANZLIED 

Ich warf eine Rose ins Meer, 

eine blühende Rose ins grüne Meer. 

Und weil die Sonne schien, Sonne schien, 

sprang das licht hinterher, 

mit hundert zitternden Zehen hinterher. 

Als die erste Welle kam, 

wollte die Rose, meine Rose ertrinken. 

Als die zweite sie sanft auf ihre Schultern nahm, 

mußte das Licht, das Licht ihr zu Füßen sinken. 

Da faßte die dritte sie am Saum, 

und das Licht sprang hoch, zitternd hoch, wie zur Wehr; 

aber hundert tanzende Blütenblätter 

wiegten sich rot, rot, rot um mich her, 

und es tanzte mein Boot, 

und mein Schatten auf dem Schaum, 

und das grüne Meer, das Meer 



BEWEGTE SEE 

Noch Einmal so! Im Nebel durch den Sturm: 
das Segel knatterte, die Schiffer schrieen, 
am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm, 
ich ftihlte deine Angst in meinen Knieen 
tmd sah dein stolz und fremd Gesicht. 



56 IVEIB UND WELT 

Noch Eimnal wollte mir dein Auge dröhn, 
wie eine Flamme stand dein Haar im Winde, 
wid in den Wellen rang ein Ton 
wie das Gewein yon einem Kinde — 
da wehrtest du mir nicht: 

Um meine Lippen lag dein naß wild Haar, 
um deine Schulter lag mein Arm gezogen, 
und unsem Kuß yersüßte wunderbar 
der Schaum der salzigen Sturzwogen — 
da schrie ich laut vor Freude auf. 

Noch Einmal so! Was tust du jetzt so kalt, 

hast du denn Furcht vorm offiien Meere? 

Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald! 

im Hafennebel tanzt die Fähre — 

hinaus! hinauf! 



DER STURM 

Der Sturm ging noch die ganze Nacht, 
ganz daß die Nacht dem Abend glich. 
Ich bin fortwieihrend aufgewacht: 
wie war der Abend schauerlich! 
Uns schnitt der Ton bis unters Herz; 
dann haben wir noch mehr gelacht — 
Du, dein Mann, und ich. 



ZWEITER TEIL 57 



DAS SCHLOSS 

Ich bin arm, du bist reich, 
darum bau ich dir ein Schloß 
aus meinen purpurnsten Träumen. 
Das steht am grauen Nordseedeich, 
wo die funkebidsten Wellen schäumen. 

Denn unsre Liebe ist so groß, 
daß die ganze Welt mir ein Spiel ist; 
nnd alle Meere um unser Schloß 
staunen, was mein Ziel ist. 

Mein Ziel ist eine tiefe Nacht: 
wir schwimmen auf unserm Schlosse, 
und die Wellen springen an unsre Yacht 
wie trunken schreiende Rosse. 

Und ich laß ein wildrotes Nordlicht scheinen, 
du liegst vor mir in Flanunen, 
und unser glühendes Schloß stürzt ein, 
imd wir stürzen mit ihm zusammen 
und ertrinken 



BESCHWICHTIGUNG 

Die Nacht wird kühl; mein Schatten kriecht 
im Sand am Rand des Ozeans. 



58 WEIB UND WELT 

Der Mond vergießt sein fremdes Licht 
und nimmt den Sternen ihren Glanz. 
Die See rauscht« 

Was qu'äl ich mich! Hier trieb vielleicht 
schon manches Paar sein loses Spiel, 
und sind erglüht und sind erbleicht 
und sprachen dann vom Tode viel. 
Die See rauscht. 

Wenn alles Land gefroren ist, 
wenn übers eingeschneite Feld 
die Sonne ihren Glanz ergießt, 
dann wird dir fremd sein, was dich quält. 
Die See rauscht. 



GRÜSS 

Schlaflos liegHch, wie im Fieber 
starr*ich in ein Schattenmeer: 
endlich glänzt vielleicht ihr lieber 
Augenstern darüber her. 

Endlich — und zwei Seelen brächten 
solchen Gruß sich durch die W^lt, 
wie aus hohen Sommernächten 
Stern zu Stern vom Himmel fällt. 



ZWEITER TEIL 59 



MORGENSTÜNDE 

Ob du wohl auch so schlaflos liegst 

und dich in wachen Träumen wiegst 

▼or Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt? 

Ich schau ins dunkle Firmament: 

der Morgenstern, in großem Bogen, 

ist langsam längst heraufgezogen 

und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt 

Vor meinen schwachen Augen 

— nun weiß ich doch, zu was sie taugen — 

strahlt er, je höher her, je flimmernden 

A^^ihnächtig glänzt die graue Stille. 

O zögre, Alltag! Ohne Brille 

sieht man die Welt unendlich schimmernder« 

Schon aber glitzert sein Gezitter blasser; 

mm steh ich auf imd geh der Lilie W^usser, 

die du mir gestern heimlich brachtest. 

Und wenn du mich dafUr auslachtest: 

sanft nehm ich sie yon ihrer Stätte 

und leg sie auf mein warmes Bette 

und fiihle lächelnd, wie du nach mir schmachtest. 



RUF 

Immer stiller stehn die Bäume, 
nicht ein Blatt mehr scheint zu leben, 



WEIB UND WELT 



und ich fiihle Wüstenträume 
durch den bangen Mittag beben, 

bis ins bange Blut mir zittern, 
bis ins Herz, wie Feuerpfeile. 
O, ich lechze nach Gewittern! 
Komm, Geliebte! eile! eile! 



BERÜCKÜNG 

Und du kämest in mein Haus, 
kamst mit deinen schwarzen Blidcen; 
sah ich ferne Palmen nicken, 
und du gabst mir deinen Strauß. 

Gabst die zitternden Narzissen, 
die wir in der Wildnis pflückten; 
deine schwarzen Locken schmückten 
meines Diwans rote Kissen. 

Kehre wieder in mein Ebus, 
laß die wilden Blumen blühen! 
Unsre jungen Lippen glühen; 
gieb mir, gieb mir deinen Strauß! 



ZWEITER TEIL 61 



WIRRSAL 

Weine nicht, mein treues Weib! 
Jene Andre, die mich auch liebt, 
die beglückt wohl meinen Leib, 
aber Du hast meine ganze Seele. 

Und du bist ihr nicht verhaßt 
Mußt du sie nicht mit mir heben, 
die so innig zu mir paßt 
wie mein ganzer Leib zu meiner Seele? 

Sie beglückt doch diesen Leib, 
den sie hebt und der sie auch Hebt, 
wie er Dich beglückt, mein Weib! 
Und dann hat sie meine ganze Seele . • • 



NACH EINEM REGEN 

Sieh, der Hinmiel wird blau; 
die Schwalben jagen sich 
wie Fische über den nassen Birken. 
Und du willst weinen? 

In deiner Seele werden bald 

die blanken Bäume und blauen Vögel 



62 WHB UND WELT 



ein goldnes Bild sein« 
Und du weinst? 

Mit meinen Augen 
seh ich in deinen 
zwei kleine Sonnen. 
Und du lächelst 



DER GUTE HIRTE 

Laßt uns endlich heiter wandehi 
durch die griUen volle Welt! 
Wenn wir unbekümmert handehi, 
ist das Schwerste leicht bestellt 
Glück macht jede Seele fromm; 
eil dich, Rahel! Lea, konun! 

Saht ihr je die Ltunmer streiten, 
wen der Hirte lieber hab? 
Also laßt die Zwistigkeiten, 
zärtlich winkt mein Jakobsstab. 
Seht, schon zieht der Mond herauf; 
eil dich, Rahel! Lea, lauf! 

Mach ich euch nicht glücklich Beide, 
wenn auch meistenteils allein? 



ZWEITER TEIL 63 



Schmachtend schimmern Wald und Weide: 
wer wird heut die Einzige sein? 
O, wie lieblich riecht der Klee; 
eil dich, Rahel — Lea, geh 



STIMME IM DUNKELN 

Es klagt im Dunkeln irgendwo. 
Ich möchte wissen, was es ist 
Der Wind klagt wohl die Nacht an. 

Der Wind klagt aber nicht so nah. 
Der Wind klagt immer in der Nacht. 
In meinen Ohren klagt mein Blut, 
mein Blut wohl. 

Mein Blut klagt aber nicht so fremd. 
Mein Blut ist ruhig wie die Nacht 
Ich glaub, ein Herz klagt irgendwo. 



ÜBER DEN SÜMPFEN 

Wo wohnst du nur, du dunkler Laut, 

du Laut der Gruft? 

Was rinnt und raunt durch Schilf und Duft 



64 WEIB UND WELT 

tmd ghiht wie Augen durch die Luft, 
durdi Rohr und Kraut? 

Es lehnt die Nacht am offiien Tor 

und weint und winkt 

Zwei graue Hunde stehn davor 

und lauschen mit geneigtem Ohr, 

wie*s klingt, 

lockt, blinkt 



ERWARTUNG 

Aus dem meergrünen Teiclie 
neben der roten Villa 
unter der toten Eiche 
scheint der Mond. 

W) ihr dunkles Abbild 
durch das Wasser greift, 
steht ein Mann und streift 
einen Ring von seiner Hand. 

Drei Opale blinken; 
durch die bleichen Steine 
schwimmen rot und grüne 
Funken und versinken. 



ZWEITER TEIL 65 



Und er küßt sie, und 
seine Augen leuchten 
wie der meergrüne Grund: 
ein Fenster tut sich auf. 

Aus der roten Villa 
neben der toten Eiche 
winkt ihm eine bleiche 
Frauenhand • . . 



DROHUNG 

Herrin, Hexe, reich an Aföchten, 
seit ich dir in dunkler Stunde 
lösen durfte deine Flechten, 
quält mich in der flachen Rechten 
eine kleine blaue Wunde, 
die mir deine Nadel riß. 

Bleib mir nicht zu lange ferne, 
denn ich will nicht an dir leiden! 
Eh die Wunde wird zum Brande, 
hier mein Zauberwort zum Pfände, 
laß ich lieber, laß ich gerne 
mir den Arm vom Rumpfe schneiden« 



/// 



66 IVEIB UND WELT 

Wisse, ich bin stark genug, 
dich noch mit der schwachen Linken 
an mein Herz zmückzuwinken. 
Aber dann, verwegne Magd, 
nehm ich Einsam meinen Flug 
zu den hellen Bergeszinken! 



DER WEISE KÖNIG 

Ich will nicht immer küssen; 

ich will nur fühlen, du bist mein! 

Und wenn du noch viel nackter wärst, 

ich würde lieber zu Stein, 

ab heut dich küssen. 

Gieb mir die stillste Stille, 

die du geben kannst. 

Dann will ich wie der Mondschein dort, 

der auf den Blättern tanzt, 

bei dir bleiben. 

So sprach der weise König. 

Da fiel ein Blatt in ihren Schooß, 

der Wind fuhr durdi den Mondschein; 

sie aber nickte blos 

und küßte es. 



ZWEITER TEIL 67 



Er ist bei ihr geblieben, 

er riß ihr das Blatt yom Munde; 

er ist die ganze Nacht geblieben 

und hat sie — Gott weiß wie still — geküßt, 

wohl hundertmal die Stunde. 



IM REICH DER LIEBE 

O Du, dein Haar, wie strahlt dein Haar, 
das ist wie schwarze Diamanten! 
O, weil wir uns als Herrscherpaar 
der ewigen Seligkeit erkannten. 
Du! 



Schmück mir die Stirn du, nackt und bloß, 
mit diesem Band aus blauer Seide! 
Das ging dir los von deinem Schooß, 
ab wir noch strauchelten im Kleide 
jener Welt 

Hier sind wir Gott gleich, sieh mich an: 
oh Gott, wie Eins sind wir geworden! 
Hier kannst du ruhig deinen Mann 
mit mir betrügen, fiir mich morden, 
Du 



68 IVEIB UND WELT 



NUN ERST 

Hab Dank! wir waren Mann und Weib, 

es ist geschehn; 

nun laß uns wieder aufrecht gehn, 

allein und klar« 

Wir wollen uns nicht trüb geberden; 

wir können nun erst Freunde werden, 

ganz und wahr. 

Du weißt ja gut, wie's enden kann; 

am Weg ins Tal, 

du sahst, da lag es, einsam, kahl, 

das alte Liebesgrab im Wald. 

Es war nicht Zufall, was dich führte: 

ich wollte prüfen, wie*s dich rührte: 

du lachtest kalt 

Das tat mir wohl; das klang so frei 
aus dir heraus in mich hinein. 
Doch unten lag im Abendschein 
der dunkle See. 

Im Wasser spielten lange Streifen; 
die schienen glühend sich zu greifen, 
der Nix die Fee. 

Die Sonne sank; die Wasserglut 
ist nun zur Ruh. 



ZWEITER TEIL 



Das war nicht Ich, das warst nicht Du, 
was uns bezwang. 

Denn ob wir unser mächtig waren, 
das soll sich nun erst offenbaren. 
Hab Dank! 



MANNESBANGEN 

Du mußt nicht meinen, 

ich hätte Furcht vor dir. 

Nur wenn du mit deinen 

scheuen Augen Glück begehrst 

und mir mit solchen 

zuckenden Händen 

wie mit Dolchen 

durch die Haare fährst, 

und mein Kopf liegt an deinen Lenden: 

dann, du Wehrlose, 

beb*ich vor dir . . . 



STILLES ZEICHEN 

Mir war ein Rosenblatt im Haar geblieben. 
Ich saß und sann noch über die Geberde, 
mit der ich mich aus deinem Arm befreit. 



70 WEIB UND WELT 

und sah zur Erde; 
da fiel das rote Blatt 
in meine Einsamkeit 



EIN RING 

Ich trug einen Ring mit drei Opalen. 
Viel Märchen schuf der bleiche Stein; 
scheu wie das Glück sind seine Strahlen, 
Wasser soll ihren bunten Schein 
wie Gift zernagen. 

Ich kenn ein Weib, das hat all meine 
bleiche bunte Sehnsucht lieb; 
sie gab mir mehr als edle Steine, 
doch sollt ich alles wie ein Dieb 
heimlich tragen. 

Ich hab eine Frau, die schenkt mir klar, 

wie eine Quelle unverschlossen, 

ihren Frieden immerdar; 

sie weinte, ihre TiiUien flössen 

auf die Opale. 

Ich trug den bleich^i Ring zurück; 

aber das Märchen hat gelogen. 

Noch glänzt der Stein und glänzt mein Glück, 



ZWEITER TEIL 71 



glänzt wie der bunte Regenbogen 
im Wasserstrahle. 



DER FLUSS 

In den abendgelben Fluß 

grub mein Ruder schwarze Trichter; 

ohne Wort und ohne Kuß 

sahn wir auf die Wellenlichter, 

sahn wir eine dunkle Bucht 

still das kahle Ufer spiegeln, 

sahn der Berge starre Wucht 

seine wirbelvolle Flucht 

vor uns, hinter uns verriegeln. 

Als wir dann um Mittemacht 
in der Stadt mit Flüsterlauten 
auf der hohen Brückenwacht 
standen und hinunterschauten, 
schienen uns die schwarzen Mauern 
in dem grauen Wasserschacht 
ihren Einsturz zu belauem. 

Still, die Sonne kommt herauf. 
Klar verfolgen meine Träume 
bis zum Meer hin seinen Lauf; 



72 WEIB UND WELT 

fem durch morgenrote Bäume 
steigt der blaue Nebel auf. 



NÄCHTUCHES ZWIEGESPRÄCH 

,,Was sind das fiir Männer, 
die dort ins Dunkel zeigen?" 
Ich sehe sie nicht 

„Dort bei dem Feuer im Fluß 
die glänzenden Hände!" 
Seltsam. 

„Der Brückenbogen steht voll Menschen!" 
Totenstill 

„Und dort, sieh dort: das leere Boot!" 
Was bebst du — 

„Oh, mein Geliebter, verlaß mich nicht!" 



RÜCKBLICK 

In diesem Jahr verlor ich einen Freund. 
Hier unterm Nußbaum sprachen wir uns aus. 



ZWEITER TEIL 73 



Das Laub wird gelb; es wartet auf den Wind. 
Ist das der Schluß? 

Hier unterm Nußbaum gab mir eine Frau 
in diesem Jahr errötend ihre Hand. 
Still weht ein Blatt imd treibt ins welke Gras. 
Ist das der Schluß? 

In diesem Jahr . . . \ov meine Füße fallt 
ein dumpfer Schlag zu Boden und zerplatzt, 
und aus der Kapsel rollt die rauhe Frucht 
Das ist der Schluß! 



MEIN WALD 

Der Herbst stürmt seine Tänze. 
Durch dürre Blätter muß ich gehn; 
in meinen Wald. 

In meinem lieben Wald, 
wo nicht ein Baum mein eigen ist, 
gehn fremde Leute durch den Wind 
und sagen: es ist kalL 

Und da steht auch mein Stein, 
auf dem ich manchmal sitze, 
wenn mein Herz stürmt 



74 fVEIB UND WELT 



DIE HARFE 

Unruhig steht der hohe Kiefemforst; 
die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen« 
Lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst; 
dumpf tönt die Waldung aus den braunen Asten, 
und dumpfer tönt mein Schritt 

Hier über diese Hügel ging ich schon, 

als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte, 

noch nicht bei euerm urweltlichen Ton 

die Arme hob und ins Erhabne spannte, 

ihr Riesenstämme rings. 

In großen Zwischem^äumen, kaum bewegt, 
erheben sich die graugewordnen Schäfte; 
durch ihre grüngebliebnen Ejonen fegt 
die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte 
wie damals. 

Und Eine steht, wie eines Erdgotts Hand 

in fünf gewaltige Finger hochgespalten; 

die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand 

und langt noch höher als die starren alten 

einsamen Stämme. 

Durch die fiinf Finger geht ein zäher Kampf, 



ZWEITER TEIL 75 



als wollten sie sich aneinanderzwängen; 
durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf, 
als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen 
einer verwunschnen Harfe. 

Und von der Harfe kommt ein Himmelston 
und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen. 
Den kenn ich tief seit meiner Jugend schon: 
dumpf tönt die Waldung aus den braunen Asten: 
komm, Sturm, erhöre mich! 

Wie hab ich mich nach einer Hand gesehnt, 
die mächtig ganz in meine würde passen! 
wie hab ich mir die Finger wund gedehnt! 
die ganze Hand, die konnte Niemand fassen! 
Da ballt* ich sie zur Faust 

Ich habe mit Inbrünsten jeder Art 
mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen. 
Ich steh und prüfe die bestandne Fahrt: 
nur Eine Inbrunst läßt sich treu ertragen: 
zur ganzen Welt. 

Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst! 
schüttelst auch mich, du urwelüiches Treiben. 
In scheuen Haufen ziehn die Ki^n zu Horst 
Gieb mir die ELraft, einsam zu bleiben, 
Welt! — 



DRITTER TEIL 



78 IVEIB UND WELT 



GEHEIMNIS 

In die dunkle Bergschlucht 
kehrt der Mond zurück. 

Eine Stimme singt am Wassersturz: 

O Geliebtes — 
deine höchste Wonne 
und dein tiefster Schmerz 
sind mein Glück 



AM SCHEIDEWEG 

Ich wollt dir die Stirn küssen 

und dir sagen: hab Dank! 

Aber da war ein Lacht in deinen Augen 

wie Morgenglut auf unerklonunenen Bergwäldem; 

und dem haben wir folgen müssen, 

schweigend. 



HOCH IN DER FRÜHE 

Sieh, wie wir zu den Sternen aufsteigen! 
Unsem glückstrahlenden Augen 
leuchtet der Schnee der Gebirge, 



DRITTER TEIL 79 



bald blitzt dort unten die Sonne durch. 

O! schon röten sich 

Tiefen und Höhen; 

durch den Rauch unsrer Atemzüge, 

bis über das fernste Fünkchen dort oben 

fem hinauf, 

schimmert die Nacht deiner Geburt, 

glänzt der Tag unsrer Himmelfahrt. 



IMMER WIEDER 

Ehe wir uns trennen konnten, 
o, wie hielt mich dein Gesicht, 
sahen wir noch Einmal, dicht, 
dicht an deinem mein Gesicht, 
in den Winterwald zurück, 
wo die Bäume sich noch sonnten, 
wo die Abendwolken prangten, 
wo ins feuergoldne Licht 
die verwormen Zweige langten, 
und wir baten Gott um GlücL 



IM ZWIELICHT 

Laß uns noch die Nacht erwarten, 
daß wir alle Sterne sehn. 



WEIB UND WELT 



Fall die Hände; in den harten 
Steigen durch den stillen Garten 
kommt das Heimweh auf den Zehn. 

Kommt und bringt die Anemone, 
die du einst ans Herzchen drücktest; 
kommt umklimgen von dem Tone 
einst des Baums, aus dessen Elrone 
du dein erstes Femweh pflücktest. 

Und du schüttelst aus den Haaren, 
was dir an der Seele frißt; 
selig Eand mit dreißig Jahren, 
Alles wirst du noch erfahren. 
Alles, was dir heilsam ist. 



GLÜCKWUNSCH 

Ich wünsche dir GlücL 

Ich bring dir die Sonne in meinem Blick. 

Ich fühle dein Herz in meiner Brust; 

es wünscht dir mehr als eitel Lust. 

Es fühlt und wünscht: die Sonne scheint, 

auch wenn dein Blick zu brechen meint. 

Es wünscht dir Blicke so sehnsuchtlos, 

als trügest du die Welt im Schooß. 

Es wünscht dir BUcke so Toll Begehren, 



DRITTER TEIL 81 



als sei die Erde neu zu gebären. 
Es wünscht dir Blicke voll der ELraft, 
die aus Winter sich Frühling schafft. 
Und täglich leuchte durch dein Haus 
aller Liebe Blumenstrauß! 



EIN BLÜTENBLATT 

Von deinen Tulpen fiel das erste Blatt. 

Es liegt am Fuß der stolz geschwungnen Vase 

und lehnt sich auf am gletscherblauen Glase, 

und drüber flammt der Strauß mit dreizehn Bränden« 

Und eine von den Blüten züngelt so 

in sich gekrünmit, als suche farbensatt 

ihr Leben eine kalte Ruhestatt 

und rette sich aus halbyerbrannten W^änden. 

Doch eine andre ist so lichterloh 

geöffnet, daß wie zwischen Feuerwiegen 

die gelbgekrönte Samenpuppe prangt, 

die nach der Blüte nicht zurückverlangt, 

wenn alle Blätter abgefallen liegen. 



STÖRUNG 

Und wir gingen still im tiefen Schnee, 
still mit unserm tiefen Glück, 



/// 



82 IVEIB UND WELT 

gingen wie auf Blüten, 

als die arme Alte 

uns anbettelte. 

Und du sahst wohl nicht, 

als du ihr die Hände drücktest 

und dich liebreich zu ihr bücktest, 

wie durch ihr zerrissenes Schuhzeug 

ihre aufgeborstnen 

blauen Füße glühten. 

Ja, ein Mensch geht barfuß 

im eignen Blut durch Gottes Schnee, 

und wir gehen auf Blüten. 



ZUKUNFT 

Du reiche Frau, du edle Frau, 
mit deiner Hoffiiung unterm Herzen, 
du möchtest jubeln und erschiickst; 
ich sehe dich in deinen Schmerzen, 
wie du beim Schein der Ambrakerzen 
die seidne Wiegendecke stickst 

Du zählst die Fäden, silbergrau 

und schwarz und blutrot, und dir schweben 

viel tausend Hände vor, die weben, 

viel tausend graue Mutteiii'ände, 

die weben, weben ohne Ende; 



DRITTER TEIL 83 



ich seh dich, wie du grausig nickst 
und dunkel durch dein Zimmer blickst. 

Und tausend Eander siehst du stehen, 
die still an einem Stricke drehen, 
firüh alt vor Hunger und Gebrest. 
Und siehst die Vater sich erheben, 
alle, die häßhch müssen leben, 
damit es Schönheit könne geben, 
sie stürmen dein geschmücktes Nest: 

Madam! dies blutige Garn, wer spann es?! 
Da würdest du in Todeswehen 
entzückt sein, könntest du dich sehen, 
wie sich zum mörderischen Fest 
die schmutzige Faust des Arbeitsmannes 
um deine weiße Kehle preßt. 



ENTHÜLLUNG 

Du soUst nicht dulden, daß dein Schmerz dich knechte; 

du bist so gern vor Freude wild. 

Komm vor den Spiegel! — O, wie schwillt 

dein düstres Haar, wie lebt dein Bild, 

wie blüht dein Mund — : als wenn durch Nächte 

der Blitze bläuliches Geflechte, 

der Honigdufl der roten Disteln quillt! 



84 WEIB UND WELT 

Dein weißes Kleid ist wie zum Hohne 

mit türkischen Märchenblumen toll durchzackt 

Ich träume dich auf schwarzem Throne. 

Du bist verschleiert bis zur Krone. 

Doch wärst du keusch wie Magelone, 

wir Träumer sehen alles nackt! 

Gib her, gib her den Trauerschleier, 

ich reiß ihn lachend dir entzwei! 

Ich bin dein Einziger, dein Befreier, 

dein Herr! — Was starrst du so ins Feuer, 

so schmerzhaft? — O verzeih — verzeih — 



BESCHWÖRUNG 

Du bist nicht hier. Ich fühle schwer, 
wie deine blasse Hand mich preßte; 
und wie Todfeinde sind mir plötzlich 
die lachenden Geburtstagsg'äste. 

Immer verdrehter wird das Fest, 
die Blumen welken in den Kränzen. 
Um meinen Bart sind die Gerüche 
der Medizinen und Essenzen 

von deinem Krankenbette her; 
es ist vielleicht dein Sterbelager. 



DRITTER TEIL 85 



Ich seh dein glanzlos Haar daliegen 
und dein Gesicht, blutleer und mager. 

O sieh nicht so die Bäume hoch, 
warum sie mit den kahlen Zweigen 
so starr und schwarz vor deinem Fenster 
ins graue Hinmaelsdiddcht zeigen. 

Sieh tief in deine Nacht hinab! 
da glänzt mein Bild mit Gottesfarben 
und läuft vom Blute derer über, 
die Dir zum Opfer in mir starben. 

O sieh, sieh, wie mein Bhck dich tränkt 
und meine Lippen nach dir beben 
und meine Hände zu dir beten 
und dich beschwören: bleib mir leben! 



AUS SCHWERER STÜNDE 

Ich konnte nur noch lächeln; 

ich war so traurig im Grunde, 

daß meine eigne Stimme mir fremd klang. 

Da traf mich Deine Stimme, 

und ich konnte wieder ladien wie als Kind, 

und einmal weinten wir vor Glück. 

O, ich danke dir. 



86 WEIB UND WELT 

in dieser schlaflosen Nacht, 

wo du fem von mir 

zwischen Tod und Leben liegst. 

Sieh, ich falte wie als Kind die Hände: 

bleib mir, laß mich nicht allein, 

ich habe Furcht bekommen 

vor den einsamen Nächten. 

"Wenn du stürbest, 

nein, ich würde nicht weinen, 

meine Seele ist geübt im Trauern; 

aber ich würde nie mehr ladien können. 



ZUVERSICHT 

Ich hab dich seUg gemacht, 

mein Geliebter, 

und du mich, du bist mein, 

und darfst nicht bei mir sein 

in meinen furchtbaren Schmerzen. 

Bis in Mark und Bein 

bin ich dein, 

und darf nicht nach dir schrein 

vor den Mensdien, 

wenn ich sterben muß 

ohne deinen Kuß. 

Nein nein nein. 

Du hast mich selig gemacht! 

Tag und Nacht 



DRITTER TEIL 87 



fiihl ich mich an deinem Herzen 
leben^ das an mein Herz schlag! 
Ja, ich fiihrs, ich bleibe leben, 
hab dir noch soviel zu geben, 
all mein Leben, 
gab dir nie, noch nie genug! 



EVA UND DER TOD 

Der Wintermorgen schien ein Frühlingsmärchen; 
der Reif der Zweige sproß im Sonnenschein 
zum blauen Himmel auf wie Blütenpärchen« 

Ein Lüftchen, das sich hob und stumm verfing, 
trieb Silberflocken Ton den hohen Ulmen 
des langen ^^^es, den ich einsam ging. 

Ich hörte noch, daß fem ein Schlitten schellte; 
dann wurde Schweigen auf dem schweren Schnee. 
Ich schritt und sann, und fühlte nichts von Kälte. 

Denn gestern war mir ein geliebtes "Wesen 

nach heißer Seelennot und Leibesqualen 

yon einem Sohn, nicht meinem Sohn, genesen. 

Und der das Kind von ihr entgegennahm, 
empfing ein Pfand des Lebens, nicht der Liebe; 



WEIB UND WELT 



sie aber gab es mit zu später Scham. 

Ich suchte tief nach trübem Dankesworte, 
da sah ich fem am Ende meines Weges 
auf einmal eine sdiwarze Gitterpforte. 

Zu ihren Seiten dehnten sich zwei Mauern; 

die waren überwipfelt von Cypressen. 

Dir starrer "Wuchs bedrohte mich mit Schauem. 

Und aus der Pforte traten schwarz und groß 
und langsam nach einander sieben Männer; 
die kamen langsam, schweigsam auf mich los. 

Aus fremdem Lande schienen sie zu sein, 
die langen Mäntel, breite weiße Kragen. 
Und plötzlich rief ich außer mir: Nein! Nein! 

Denn aus der Pforte trat da noch ein achter, 
der war ganz dürr und größer als die andern, 
und stand und nickte, sacht, und immer sachter. 

Und eisig lief es mir durch Blut und Bein: 
die sieben wollen sich mein Liebstes holen. 
Ich stand und bettelte und bebte: Nein! 

Und seh durch Tränen, wie die schwarzen Schemen 
den Sonnenschein yerdunkeln und den Schnee, 
und glaube fem ein Lachen zu yemehmen. 



DRITTER TEIL 89 



Und als ich mir die Augen mühsam reibe, 

steht hoch ein nadctes Weib vor jenem Gitter, 

mit schwarzem Haar mid Blick mid braunem Leibe. 

Und lacht ganz hell und winkt dem dürren Mann 
und hebt im andern Arm ein zappelnd Kindchen 
und sieht mich fernher lebensselig an. 

O dieses Blickes Herrlichkeit und Hohn! 
Nur Einer hätte das wie ich empfunden: 
der Trotzigste der Dichter: Liliencron! 

Ich seh den Dürren ihr entgegenstelzen: 

er bückt sich — widerwillig — er verschwindet — 

zu ihren Eüßen scheint der Schnee zu schmelzen. 

Die ganze Landschaft schmilzt; das kleine Kind 
schwimmt riesengroß auf sieben schwarzen Strudeln 
imd — hoppla — lacht mich aus. Was! War ich blind? 

Ich selber lache! meine Wimpern tropfen; 
die sieben sind ja nichts als Leichenträger, 
die sonst Schuh flicken oder Hosen stopfen! 

Und jenes Weib, das ist ja nur die Frau 
des Totengräbers, und ihr brauner Kittel 
ist keine Haut, ich seh es ganz genau! 

Du aber lebst mir, und der Himmel blaut, 



90 WEIB UND WELT 

und bald ist Frühling, und du wirst mich küssen 
trotz deines Sohns, du meine braime Braut! 



VERHÖR 

Du liegst sehr blaß in deinen weißen Kissen, 
und deine matten Lippen sind zerbissen; 
hattest du sehr yiel Schmerz? — 
„Ich weiß nicht mehr/^ 

Du siehst sehr träumerisch zur Zinmierdecke, 
sieh nach dem Bettchen drüben in der Ecke: 
liebst du dein Kindchen sehr? — 
„Ich weiß noch m'cht" 

Schriebst du zuweilen, wenn die Wehen kamen, 
mit deinen irren Fingern meinen Namen 
auf deine Bettdecke? — 
„Du weißt es ja." 

Kannst du noch immer, ohne hinzudenken, 
dein Kind und seinen Vater ruchlos kränken 
und mit mir seUg sein? — 
„Weißt du das nicht?" 



ZUR GENESUNG 

Steh auf, steh auf vom Meeresschooß! 



DRITTER TEIL 91 



guten Morgen! 
ich will dich selig machen! 
Hörst du die V^^Jfische lachen? 
hörst du das ^^^Itkonzert schallen? 
Komm, kletter auf die Korallen: 
kuck, alle Engel sind los! 

Jetzt: hopp, einen kleinen Luftsprung! 

Auf doch! 

Guten Morgen! 

Hüh, meine Flügeldelphine: 

hoch, hoch, hoch, Aphrodite: 

in Abrahams Schooß! 

Ach du, hilf mir doch ladien, 

bitte bitte, 

imd guten Morgen und Unsinn machen! 

Denn du lagst sehr bleich, du schlechtes W^ib, 

als du vom Meergott träumtest 

und meine Arme wie Seeschlangen zäumtest; 

das darfst du nie wieder machen, 

hörst du, nie wieder! 

Denn ich will dich ja selig madien, 

ja, du: seeelig! über und über! 

Und darum verbitt ich mir solche Sachen; 

hörst du! 

Denn dazu tut Uns Beiden kein Fieber 

mit Himmelsträumen etcetera not, 

denn du bist mir zehntausendmal lieber 



92 WEIB UND WELT 

als der liebste liebe Gott! 

Also: Auf jetzt! O Gottes Wunder: 

hör doch die Vögel, wie die lachen: 

jeden Tag wird sie gesunder, 

und Vater Abraham ist tot! 

Ja: das ist mein Schooß, 

und das ist dein Schooß, 

imd der Mensch will selig werden auf Erden — 

weißt du noch, wie man das machen muß? 

Auf! — O Liebste! — O guten Morgen: 
sieh mal, da blüht schon bald der FUeder! 
Ach, weißt du noch? Ja, blick nur nieder: 
bald blühst du auch und tust mir wieder 
— endlich wieder — 
den Himmel auf! o Götterkuß! 



SCHNEEFLOCKEN 

Gnädige Frau, es schneit, es schneit! 
Tragen Sie heut Dir weißes Kleid? 

Gnädige Frau, hier in der Feme 
schneit*s bei helllichtem Tage Sterne. 

Und diese Sterne flimmern genau 
wie die Zähne der gnädigen Frau. 



DRITTER TEIL 93 



Oder wie Blüten von weißem Flieder, 
gnädige Frau, an Dero Mieder. 

Oder die Blicke des Herrn Gemahls 
am Tage Ihres Hochzeitsballs. 

Nein, sie flimmern, ich kann mir nit helfen, 
gnädige Frau, wie tanzende Elfen. 

Hänseln jeghchen Farapluie; 

will man sie fassen, z er flimmern sie. 

Flimmern in Wirbeln, flimmern in Bildern, 
die sind wirklich nit zu schildern. 

Gnädige Frau, so wild, so mild 
wie ein opalisch flimmerndes Bild. 

Und, ach Gnädigste, diese Sterne 
tanzen auf manchermanns Nase gerne. 

Und auf solchermanns Nase, gnädige Frau, 
zertanzen sie zu Tiräentau« 

Zertanzen flink wie kichernde Lieder: 
morgen, morgen tanzen wir wieder! 

Gnädige Frau, leb wohl! Schluß, Kuß! 
Frechheit — aber wer muß, der muß. 



94 WEIB UND WELT 



ORIENTALISCHES POTPOURRI 

Gestern Nachmittag, meine bramie Geliebte, 
die du nach Ruhm begehrst vor allen Frauen 
deines Volkes, saß ich in einem Treibhaus, 
und von allen Palmen und andern Gewächsen 
flogen mir neue Gedichte zu. 

Hier ist eins von einem Agavenwildling: 

Meine Geliebte! 

Grau in staubiger Wüste 

stand mein domiges Blattwerk 

jahrlang mit durstig schwellendem Fleisch. 

PlötzUch schoß über Nacht 

ein steiler Schaft, knospengekrönt, 

aus dem staubgrauen Schooß 

in die feurige Morgenluft;. 

Schick mir zu Mittag, Geliebte, 

deine tausend durstigen braunen Bienen: 

viertausend goldgelbe Blütenglöckchen 

haben sich aufgetan und triefen, 

triefen, triefen von Honigsaft« 

Oder eins von einer verschulten Musa: 

Meine Geliebte! 

Wen mit deinen üppig langen 



DRITTER TEIL 96 



Blättern willst du denn umfangen, 
die du überreichlich treibst? 
Fühlst du nicht den Abend glühen? 
Wenn du ohne Blüte bleibst. 
Schönste, kannst du nie verblühen, 
Ärmste, nie mit Früchten prangen. 

CMer von einer seltnen Wasserviole: 

Meine Geliebte! 

Mondblau steht mein Kahn, 

himmeltief der See; 

fem beim hellen Uferschilf 

ziehn zwei weiße Enten 

ihre Bahn. 

Sehnsüchtig und rot 

spiegelt sidi mein Mund: 

tauche auf, Gehebte, Dunkle, 

aus dem blauen Grund, 

hol mich in den Himmel! 

Oder von einem gewöhnlichen Igelkaktus: 

Meine Geliebte! 

Ich bin so rund wie die Erde, 

mein Fleisch hat Heilkraft, 

imd meine Blume ist zum Küssen schön. 

Aber hebe mich nicht aus meinem Erdreich: 

mein Fleisch hat Stacheln, 



96 IVEIB UND WELT 

und leicht entroll*ich deiner Hand 
Willst du mich küssen, 
bitte, knie nieder! 

Solche Gedichte, meine braune Geliebte, 

könnt ich dir noch yiertausend und einige dichten 

an Einem Nachmittag; 

und die würden meine vielen verehrten 

neuen deutschen und neuesten jüdischdeutschen 

lyrischen Brüder sicher furchtbar rühmen — 

Aber du bist mir zu lieb dazu . . . 



JESUS BETTELT 

Schenk mir deinen goldnen ELamm; 
jeder Morgen soll dich mahnen, 
daß du mir die Haare küßtest 
Schenk mir deinen seidnen Schwamm; 
jeden Abend will ich ahnen, 
wem du dich im Bade rüstest — 
oh, Maria! 

Schenk mir Alles, was du hast; 
meine Seele ist nicht eitel, 
stolz empfang ich deinen Segen. 
Schenk mir deine schwerste Last: 



DRITTER TEIL 97 



wiUst du nicht auf meinen Scheitel 
auch dein Herz, dein Herz noch legen — 
Magdalena? 



ERFÜLLUNG 

Daß du auch an Meinem Herzen, 
Herz, nur neue Sehnsucht fühlst 
und dich in die Menschenschmerzen 
schmerzlicher als je yerwühlst: 
ist das nicht Erfüllung, du? 

^^%nn die Erde schmilzt vom Eise, 
daß die Lufl nach Frühling schmeckt, 
und in immer neuer Weise 
wild ihr Grün zum Himmel reckt: 
ist das nicht Erfüllung, du? 

Wenn wir dann noch Ostern feiern, 
weil ein Mensch sein Leben ließ, 
der den Frevlem wie Kasteiem 
gleiche Seligkeit verhieß: 
ist das nicht Erfüllung, du? 

Laß die tragische Geberde, 
sei wie Gott, du bist es schon: 
jedes Weib ist Mutter Erde, 
jeder Mann ist Gottessohn, 
Alles ist Erfüllung, du! 



/// 



WEIB UND WELT 



HEILANDSWORT 

Ich trat in ein Haus, 

da gingen yiel Sünder ein und aus, 

aber auf einer grauen "Wand 

und mit leuchtenden Lettern stand: 

Nur selig! 

Ich sah eine Menschengestalt, 
mit Leidenszügen mannigfalt, 
aber im Gruß der blassen Hand 
und im Lichte der Augen stand: 
Nur selig! 

Ich ging bald fort, 

durch einen trüben, armseligen Ort, 

aber über dem ganzen Land 

und mit leuchtenden Lettern stand: 

Nur selig! 



ZWISCHEN OSTERN UND PFINGSTEN 

Und jeden Abend kannst du so aufatmen: 

du horchst ins Dorf hin, was die Glocken wollen, 

du gehst ins Freie, 

der Rauch der Hütten umarmt die Eichenkronen: 

auf, Seele, auf! 



DRITTER TEIL 99 



Heat aber weht noch heimlich ein Echohauch 

unter den knospenyollen Wipfehi nach: 

ins Freie auf — so frei ins Freie, 

wie dort der Vater mit seinem Kindchen Ball spielt. 

Und über mir, lichtgrün im Blauen, 

spielt eine Birke 

mit einem strahlend blühenden Ahorn Braut 



DIE GLÜCKLICHEN 

Nun will ich mir die Locken 

mit Birkenlaub behängen; 

der Frühling sitzt am Wocken, 

von dem er mit Gesängen 

um meine Wildnis grüne Schleier spinnt. 

Und du auf deinem Throne 

im Astwerk unsrer Linde, 

beglänzt mit deinem Sohne 

Tom goldnen Mittagswinde, 

bist meine Jungfrau mit dem ^^^derkind. 

Ein Lamm mit weißem Felle 
auf unserm Wiesenlande, 
mit einer Silberschelle 



100 WEIB UND WELT 

und blauem Seidenbande, 

bringt uns zum Lachen, wenn wir traurig sind. 

So würden wir uns gerne 

mit aller Welt vertragen, 

nicht Sonne, Mond noch Sterne 

um unser Glück befragen, 

doch — manchmal haben wir kein Brot im Spind* 

Drum stehn im jungen Schilfe 

mit aufgesperrter Miene, 

als schnappten sie nach Hilfe, 

zwei steinerne Delphine 

am Wasser, das um unsre Insel rinnt. 



ERHEBUNG 

Gieb mir nur die Hand, 
nur den Finger, dann 
seh ich diesen ganzen Erdkreis 
als mein Eigen an! 

O, wie blüht mein Land! 
Sieh dir*s doch nur an, 
daß es mit uns über die Wolken 
in die Sonne kann! 



DRITTER TEIL 101 



MIT HEILIGEM GEIST 

Liebe Mutter! mir träumte heute 

Yon der Insel der seligen Leute« 

Da saß auf einem Hügel der Au 

eine nackte gekrönte Frau; 

in ihrem Herzen stak ein Schwert, 

aber sie lachte unversehrt. 

Denn neben ihrem natürlichen Thron 

stand ihr lieber großer Sohn; 

in seinen Fingern, yoll Sonnenglanz, 

hing ein blutiger Domenkranz. 

Der begann sich mit grünen Spieren 

und raschen Blüten zu verzieren; 

und umringt von den seligen Leuten, 

die sich an dem Wunder freuten, 

suchte mir Er die Blumen aus 

zu einem leuchtenden Osterstrauß. 

Den umflocht er mit blauem Bande 

von seiner Mutter früherm Gewände 

und gab ihn mir imd sprach dazu: 

Sag Deiner lieben Mutter du, 

weil ihr auf Erden niemals wißt, 

wann die Zeit erfüllet ist, 

sollt ihr immer glauben und hoffen, 

der Tag sei endlich eingetroffen. 

Und bis einst jedes Weib gewinnt 

den rechten \ater für ihr Kind, 



102 IVEIB UND WELT 

soll jede Irrende die Treue 

dem falschen brechen ohne Reue, 

soll ihre Sehnsucht nicht verfluchen, 

ihren Qualen den Heiland suchen 

und seinen liebenden Gewalten 

so Leib wie Seele offen halten. 

Wenn das mit heiligem Geist geschehn, 

wird sie seUg auferstehn, 

wie meine Mutter auferstand 

mit mir einst im Gelobten Land. 



BÖSER TRAUM 

Was kannst du gegen Traume, Mensch, die tückisch 

selbst auch den M'annlichsten, mit Engelshänden 

oder mit Teufelsfäusten, in den Himmel 

samt Hölle seines Kinderglaubens fuhren? 

In solchem Traum erschien mir heute Nacht 

der böse Feind und sah mich furchtbar an. 

Er hatte das Gesicht von einem Freimde, 

dem ich sein Weib in aller Freundschaft nahm, 

und setzte auf mein wehrlos Herz ein Messer 

und sprach — nein, was er sprach, vergaß ich schon. 

Er sah mit Wollust, wie die rostige Spitze 

auf meiner Haut im Takte meiner Pulse 

sidi hob und senkte, sah mich gierig an. 

Ich aber bohrte meine blauen Augen 



DRITTER TEIL 103 



in seine braunen tief empor und sagte: 

Wenn du mich kenntest^ zögertest du nicht. 

Und als sein Blick ineins mit meinem sank 

und bläulich wurde, dacht^ich: Wärst du nicht 

der böse Feind, so müßtest du mich lieben, 

ich habe dich von einer Last erlöst. 

Was ich dir nahm, ist niemals dein gewesen; 

was du mir nehmen kannst, war niemals mein. 

Drum, wenn du mußt, so töte mich! mein Tod 

wird dir viel weher tun als je mein Leben, 

das Keinem weher tat als Mir • . . „Wach auf!** — 



LEISER BESUCH 

Eine treue Seele lag 
still zuhaus mit krankem Leibe; 
zwischen ihren Fingern staken 
zwei drei blühende Weidenzweige, 
imd die Sonne schien aufs Bett. 

Zögernd rührte sich die Hand, 
tastete nach meinem Haupt; 
aus den sanften Blütenfasem 
fiel der gelbe Samenstaub, 
wie am Morgen unsrer Liebe. 

Trat ein Mädchen blaß herein, 
brachte eine blasse Rose, 



104 IVEIB UND WELT 

legte die gebeugte Blume 
nieder neben meinem Schooße, 
wie zum Abend unsrer Liebe. 

Folgte eine hohe Frau; 
rot von Nelken eingefaßt 
duftete in ihrem Arme 
goldgelb eine Ananas, 
wie der Mittag unsrer Liebe. 

Und die treue Seele sprach: 
Sieh, aus allen Himmelsstrichen 
bringt mir heute deine Liebe 
Frucht und Blüten imd Gerüche. 
Und ihr stiller Auf blick stach 
uns ins Herz. 



DER STRAÜSS 

Nim nimm drei weiße Nelken du, 
mein Weib. Und du, Geliebte, nimm 
diese drei roten noch dazu. 
Und in die nickenden Nelken tu 
ich eine dunkelgelbe Rose. 

Seht: ist es nicht ein lockender Strauß, 
ganz Eins auf diesem schwarzen Tuch? 
Und sieht so farbenfriedsam aus. 



DRITTER TEIL 105 



Und nur von doppeltem Geruch: 
die je drei Nelken und die Rose. 

Nein, laßt! entzweit den Stengelbimd 
nicht! laßt! Sonst scheint so kalt und tot 
blos Gelb zu Weiß, und glüht so heiß 
imd brennt so wild blos Gelb zu Rot; 
dann, ja, dann hass ich wohl die Nelken! 

Dann hass ich wild das zahme Weiß 
und hasse kalt die rote Glut, 
wohl bis zur Mordlust! Ja, es tut 
mir weh, daß yon Geruch und Blut 
so reizend gleich sind alle Nelken! 

Was willst du so entsetzt? Nein, bleib, 
Geliebte, ninmi: still seh ich zu: 
nimm jetzt die weißen Nelken Du! 
und die drei roten Du, mein Weib! 
und ich die dunkelgelbe Rose. 



FINALE 

Da hast du dich yon meiner Brust gelöst 
Doch als ich fürchtete, das Fest sei aus, 
hobst du mir meinen Kranz auf, 
meinen Kranz auf. 



VIERTER TEIL 



108 WEIB UND WELT 



EINSIEDLER, SCHMETTERLING UND 
TEMPELHERR 

Du weißt, Poet — begann der Tempelherr 

und lächelte durch seinen weißen Bart — 

ich las sie auf vom Weg, die jetzt mein Weib ist 

Und daß sie, wider Sitte und Gesetz 

des Ordens, mitging nach Jerusalem 

und nicht den Weg zurückging, den sie kam, 

— ich selber hieß sie mitgehn — : das ging so zu. 

Wir trugen schon das Abschiedswort im Sinn, 
es war an einem heißen Frühlingstag, 
schier blendend flimmerte das junge Gras, 
und die Gefallne ließ es still geschehen, 
daß ich mit ihr den Pfad yom Schloß zum Ufer, 
wo andern Tags das Schiff anlegen sollte, 
gleichsam zur Herzensübung niederstieg. 
Der Pfad bog sehr abschüssig hin und her; 
ich brauchte sie, die stets wie ich gewillt war 

— ihr Herzschlag geht dem meinen völlig gleich — 
kaum mit der Hand zu stützen, so gefaßt 
vermied sie jeden lockern Stein im Gras, 

a]s sie auf einmal fest um meinen Arm griff« 
Dicht vor uns sonnte sich, beinah berührt 
von meinem Schuh, auf einem Blütenkelch 
des gelben Löwenzahns, ein saugender 



VIERTER TEIL 109 



ganz trunkner Schmetterling, ein TrauermanteL 
Nim flog er tamnelnd weg, zmn nächsten Kelch, 
dicht Tor mis her, wir sahn ihn weitersaugen, 
kaum atmend beide, wenn die bleichgesäumten 
tiefschwarsen Flügel Tor Entzücken zuckten, 
und immer weiter so, von Kelch zu Kelch, 
dicht inuner yor uns her den Pfad hinab, 
fast bis zum Fluß; da krigte ihn der Wind 
und blies ihn fort, wir blieben stehn im Wind. 

Und plötzlich steht, durch diesen Schmetterling 

mir Torgerückt, yor meinem innem Blick 

ein jahrelang vergessner Tag: ein Herbsttag. 

Ich bin bei einem Freund, Einsiedler ist er; 

er war*s — man wußte nicht warum — geworden, 

an Jahren könnt er gut mein Vater sein. 

Wir sind verloren in Gedanken; draußen 

zerzaust der Bergwind seinen Blumengarten. 

Er macht sein Bett, ein seltsam ungeschlachtes, 

nach Bauemart bemaltes Ehebett; 

da klopft es an die Tür. Er geht imd öfihet; 

und Tor der Klause steht, bei seinen Blumen, 

zerzaust wie sie, in schlechter schwarzer Tracht, 

ein altes Weiblein, elend, scheu, yerkonunen, 

das blickt ihn bettelnd an. Ich seh ihn noch: 

auf seine große Stime treten Flecken 

wie von Faustschlägen, seine Finger beben, 

die guten blauen Augen glänzen grausig, 

er sagt: geh weg! ich kenne dich nicht mehr. 



HO IVEIB UND WELT 

Er will die Tür zudrücken, sie versperrt sie: 
Ich hab nur Dich geliebet! bettelt sie. 
Er tritt zurück, die rote Stirn wird blaß, 
die Augen kalt, er sagt: geh weg, du lügst. 
Sie schleppt sich nach: Verzeih mir! bettelt sie. 
Er sagt noch kälter: ich verzeih dir, geh. 
Da faßt sie seine Hand, und wieder fliegt 
der grauenhafte Glanz durch seine Augen — 
Du hast mich nit verstanden, Meiner! fleht sie: 
ich war — Doch eh sie enden kann, erbebt 
der ganze breite Mann: Verstanden? schreit er 
und hebt die Faust, ich will zuspringen, da: 
laut schluchzend, Blut ausschluchzend vor ihn hin 
knickt sie zusammen, schluchzt sie auf zu ihm: 
ich war ein armer Schmetterling im Wind! — 
Da hat er sich mit mir gebückt zu ihr 
und nahm das alte Weiblein an sein Herz 
und trug sie weinend in ihr altes Bett; 
drin ist sie lächelnd andern Tags verstorben. 

Nun weißt du — endete der Tempelherr 

und lächelte durch seinen weißen Bart — 

warum, Poet, trotz Sitte und Gesetz 

des Ordens, sie, die jetzt mein Weib ist, nicht 

den Weg zurückging, den sie zu mir kam. 

Ich sagte ihr am Morgen meiner Abfahrt, 

was mir in jenem stillen Augenblick, 

als wir am Fluß im Wind beisanmienstanden 

— sie hatte mich mit keinem Hauch gestört, 



VIERTER TEIL 111 



ihr Atem geht dem meinen völlig gleich — 
Tor meinem innem Blick gestanden hatte, 
und hieß sie mitgehn nach Jerusalem. 



DER VERBANNTE 

Durch die fremde Stadt 

geht mir eisig der Wind nach^ 

der die Birke bewegte, 

der die Schneeglöckchen schüttelte, 

als ich die Heimat verließ. 

Durch die fremde Stadt 
konunt mir sonnig ein Bild entgegen: 
eine Mutter mit ihren Kindern, 
die vor Frühlingsfreude glühn. 



UNTERWEGS 

Vor meinem Lager liegt der helle 
Mondschein auf der Diele. 
Mir war, als jßele 
auf die Schwelle 
das Frühlicht schon; 
mein Auge zweifelt noch. 



112 WEIB UND WELT 

Und ich hebe mein Haupt und sehe, 

sehe den fremden Mond 

in seiner Höhe 

glänzen. Und ich senke, 

senke mein Haupt imd denke 

an meine Heimat 



HEIMATGRUSS 
cai Sans Thoma zu seinem 60. G^urtstag 

Wo die Heimat liegt, 

das ist mir erst aufgegangen 

im fremden Land. 

O, mit welchem Bangen 

schaue ich manchmal yom Fenster herunter 

durch die enge Hafengasse 

wie von einer Festungsterrasse 

auf den kahlen Inselrand 

da mitten in dem grauen Fluß! 

Doch geht die Sonne unter, 

dann steigen durch den Rauch und Ruß 

der lauten Dampfschiffe und dunkeln Schornsteine 

die Nebel wie reine Geister; 

und inmier mahnt midi das an Deine 

Insel, Hans Thoma, 

du heimatseliger Meister. 



VIERTER TEIL 113 



An die Insel, die du gemalt hast 

— wie du mir selbst erzählt hast — aus Heimweh, 
wo hold und heiter, ohne Heimweh, 

unter den schlanken, gen Himmel breiten, 
stillen Bäumen Deines Landes 
Frauen und Männer schlichten Gewandes 
in Eintracht mit stolzen Tieren schreiten, 
geweihten Hirschen, frei laufenden Pferden, 
und rings mit sorglosen Geberden 
schaukeln auf den wirbelnden Wogen 
Liebespaare, von Schwänen gezogen — 
wirklich, dann glaub*ich, so muß es wohl sein 
auf deiner Insel bei Frankfurt am Main, 
oder wo sonst deine Heimat liegt; 
denn daß der Schwarzwald dich großgewiegt, 
das ist mir nicht immer gleich im Klaren, 
denn auf einmal liegt dann zwischen den Stämmen 
meine eigne Heimat, der 'Wald yon Kremmen, 
und ich schaue aufwiesen, worüber sich fem 
im Nebel Himmel und Erde paaren, 
imd suche kindlidi den höchsten Stern — 
bis mich das Heulen der Hafensirenen 
aufstört aus meinem Sinnen und Sehnen. 

Doch Einmal, ja, da sah ich den Stern: 

— noch war in der Luft kein Raudi und Lärm, 
die Morgenröte küßte den Fluß, 

und die kahle Insel schien aufzuleben — 
da sah auch idi den Genius 



/// 



114 WEIB UND WELT 

deiner Heimat darüber schweben: 

leicht aus dem Wölkicht kam er einher 

mit ruhigen Flügehi durchs himmlische Meer, 

kaum die kräftigen Schwungfedern spreitend, 

auf einer durchsichtigen Kugel gleitend, 

drin spiegelte sich die bimte Erde 

samt meiner überraschten Geberde: 

den Stern, den trug er als Blume in Händen, 

kein Gewand um die hellen Lenden, 

eine Einsicht auf dem Jtinglingsgesicht 

wie im Traum, im Halbtraum, ich weiß es nicht • 

so flog er, ohne sich umzuwenden, 

an der fremden Insel yorüber, 

aus der Heimat 

in die Heimat 

hinüber • • • 



HOHER MITTAG 

Da ich nun in Einsamkeiten 
träume Ton dem goldnen Land, 
Yon den fernen Seligkeiten 
unerfüllbar schöner Zeiten, 
und der blaue Kreis der Weiten 
weiter sich und weiter spannt, 

rührt auf einmal mich ein Bangen: 
Sonne, welchem Ziele zu? 



VIERTER TEIL 115 



tief und tiefer ein "Verlangen: 
Urquell meiner Sehnsucht du! 



STIMME IM LICHT 

Dunkles Herz, 

dunkles Herz, 

was bebst du denn? 

Sieh doch die Nacht glänzen; 

Dir lebt ein Licht in den "Veiten, 

zu allen Zeiten, 

über Grenzen, 

da kann kein Mond, kein Stern hinan! 

Dulde nur deine Dunkelheiten 

ohne Schmerz: 

ein andres Herz 

möchte in deinem Schatten ruhn. 

Brauchst kaum durch seine Träume zu beben, 

alle Himmel fiihlt ihr dann in euch schweben; 

dunkles Herz, 

dunkles Herz, 

wie strahlst du nun! 



DURCH DIE NACHT 

Und immer Du, dies dunkle Du, 

und durch die Nacht dies hohle Sausen; 



H6 IVEIB UND WELT 

die Telegraphendrähte brausen, 
ich schreite meiner Heimat zu. 

Und Schritt fiir Schritt dies dunkle Du, 
es scheint von Pol zu Pol zu sausen; 
und tausend Worte hör ich brausen 
und schreite stumm der Heimat zu. 



MASKEN 

Du bist es nicht, du greiser Tempelritter 
im Panzerkleid, auf das die Kerzenstrahlen 
des bunten Saals mit täuschendem Gezitter 
geheimnisvolle Charaktere malen; 
dein Bück ist schwarz, laß das Visier nur zu! 
Du bist es nicht — doch Ich bin Du. 

Du bist es nicht, Zigeuner mit der Geige, 
der wild sein Lied läßt in die Zukunft bluten. 
Dein roter Bart ist kraus wie Urwaldzweige, 
um die rauchprasselnde Frühfeuer gluten. 
Dein Blick ist grau; laß nur die Maske zu! 
Du bist es nicht — doch Ich bin Du. 

Du bist es nicht, Traumkönigin. Seerosen 
trägst du im wolkendunkeln Haargeflechte, 
und keuschen Asphodellos, und Skabiosen, 



VIERTER TEIL 117 



die sanfter blühn als purpursanfte Nächte. 
Dein Blick ist braun; laß deinen Schleier zu! 
Du bist es nicht — doch Ich bin Du. 

Du bist es nicht, mein blonder Puck. Dein Röckchen 
ist viel zu kurz für deine Mädchenbeine; 
man sieht es doch, daß dein hell Klingelstöckchen 
ein Totenköpfchen krönt, du freche Kleine. 
Dein Blick ist stahlblau; laß dein Lärvchen zu! 
Du bist es nicht — doch Ich bin Du. 

Und Du, bist Du*s, du Domino im Spiegel, 
in dessen Bhck die Farben meerhafl schwanken, 
du maskenlos Gesicht? Zeig her das Siegel, 
das mir ausdrückt den Grund deiner Gedanken! 
Bin ich das selbst? Ausdruck, du nickst mir zu. 
Grundsiegel — Maske — Bin Ich Du? — 



NACHT FÜR NACHT 

Still, es ist ein Tag verflossen. 
Deine Augen sind geschlossen. 
Deine Hände, schwer wie Blei, 
liegen dir so drückend ferne. 
Um dein Bette schweben Sterne, 
dicht an dir vorbei. 



118 WEIB UND WELT 

Still, de weiten dir die Wände: 
Gieb uns her die schweren Hände, 
sieh, der dunkle Himmel weicht — 
Deine Augen sind geschlossen — 
still, du hast den Tag genossen — 
dir wird leicht 



DIE STILLE STADT 

Liegt eine Stadt im Tale, 

ein blasser Tag vergeht; 

es wird nicht lange dauern mehr, 

bis weder Mond noch Sterne, 

nur Nacht am Himmel steht. 

Von allen Bergen drücken 

Nebel auf die Stadt; 

es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus, 

kein Laut aus ihrem Rauch heraus, 

kaum Türme noch und Brücken. 

Doch als den Wandrer graute, 

da ging ein Lichtlein auf im Grund; 

und durch den Rauch und Nebel 

begann ein leiser Lobgesang, 

aus Kindermund. 



VIERTER TEIL H9 



GONDELLIEDCHEN 

f 

W Bitte, bitte, "Vbgelchen: 

Schiffchen hat ein Segelchen, 

segelt übers Meer: 

"Vogelchen, komm her! 

Komm und setz dich, laß dich wiegen, 

warum willst du immer ffiegen, 

machst es dir so schwer! 



Singe, kleiner Passagier! 

Wenn die großen Wellen krachen, 

wird dein Lied uns ruhig machen; 

still vergessen wir 

Erde, Mensch und Tier. 



GRIECHISCHE PFINGSTEN 

Wie anders nun! — Ihr blumigen Auen, 
ihr wilden Berge: irrt mein Geist? 
Bin ich m'cht jüngst mit heihgem Grauen 
durchs blaue Meer zu trunknem Schauen 
ins Land der Mythe hergereist? 

Nim grast hier hinter krüppligen Säulenstümpfen, 
vorbei an ausgegrabenen Götterrümpfen, 



120 WEIB UND WELT 

mein müder Ellepper mit Gestöhn. 
Man blickt noch manchmal zurück nach ihnen: 
man sieht, es sind und bleiben Ruinen — 
aber ihr, ihr Berge, seid ewig schön! 

Drum still, du graue Mythe, 
mit deinem trüben Sinn! 
Ganz Hellas steht in Blüte, 
noch heut, so wahr ich bin! 
Hier lernt man heiter schreiten: 
über den Schutt der Zeiten 
geht immergrün die Zeit dahin. 



EINE RUNDREISE IN ANSICHTSPOSTKARTEN 

1. STRASSBURGER MÜNSTER 

Der Ansicht aller Welt zimi Trotz 

steht dieser Turm und krönt — was? — einen Klotz. 

Er stand beim jungen Goethe sehr in Gunst 

als Voll-imd-Höchstbeweis echt deutscher Kunst. 

Er steht, wie ihn der alte Goethe sah, 

noch heut höchst unvollendet da. 

2. RHEINFALL BEI SCHAFFHAÜSEN 

Blickst du ihn an, so wird dir wirr 
von all dem stürzenden Flulgeirr. 



VIERTER TEIL 121 



Doch horch hinein, da steigt vom Grund 
klar ein steter Einklang und 
Aufklang. 

3. GOTTHARD-TüNNEL 
Klange im Eilzug 

Über der Einfahrt grausen verquollen 
eisige Gipfel durch Wolken herab. 
Unter der Ausfahrt weisen die Schollen 
finstrer Felsen zu nebelvollen 
Schluchten und neuen Schachten hinab. 
Immer durchs Dunkel von Stollen zu Stollen 
fiihlst du dich immer dem Licht zurollen, 
und so setzt dich endlich mit tollen 
Sprüngen der Himmel ins Blaue ab. 

4. ISOLA BELLA 

Das könnten wohl die sehgen Inseln sein, 

wenn's nicht auch hier, wenn's regnet, regnete. 

"Wie arme Sünder schaudern die Cypressen 

vor ihrem Spiegelbild im trüben See; 

und während sich des Himmels Gnade reichlich 

auf sie und mich und übers Schiff ergießt, 

steht, einem Engel ähnlich an Geduld, 

mit höchster Höflichkeit mein Haupt beschirmend, 

ein Doganiere neben mir und prüft 

bis auf den Grund mein zollpflichtschuldiges Herz. 



122 WEIB UND WELT 

5. MAILAIHD 

Und ward dir vor den tausend Heiligen schwach, 
die, eitel Marmor, rings den Dom garnieren, 
dann steige auf sein flaches Dach, 
das neunnndneunzig einzelne Türmchen zieren. 
Das wird dich. Alles Marmor, wie ein Hain 
kandierter Weihnachtsbäumchen delektieren — 
auf einmal siehst du fem im Sonnenschein 
die Alpen 

6. CERTOSA BEI PAVIA 

Schmuckkästlein schlichter Einsamkeit; 

hinter der Prachtwand der Fassade 

bat mancher Mönch in weiser Schweigsamkeit 

die Jungfraim Borgognone*s einst um Gnade* 

Jetzt möcht ich in den leeren Klausen 

mit Dir, Geliebte, noch verschwiegner hausen. 

7. GENTA 

Kaufherrin stolze: immer strahlenbreiter 
trägt sie bergan die meerentnommene Krone, 
und ihr geringstes Frachtschiff fährt heut weiter 
als je die kühnste Doria-Traumgallione. 

8. CAMPO SANTO IN PISA 

Geisterhafter Bildertraum 

dehnt den schmalen stillen Raum. 



VIERTER TEIL 123 



Sieh: das Viereck der Arkaden 
strebt den Hunmel einzuladen. 
Horch: der Erde reinsten Hauch 
opfert stumm ein Rosenstrauch 
voUer weißer Blüten. 

9. ORVIETO 

Willst du den Tag der Auferstehung sehn, 
den Signorelli sah? Komm, Seele: dort 
staun sich Gewitterwolken, schon ziehn Schatten. 
Bald werden um dies trotzige Felsennest 
durchs weite Talfeld der Chiana unten 
die schrägen Strahlen der verhüllten Sonne 
fahl wie aus Gräbern aufgescheuchte Schemen 
nach Zuflucht schweifen, taumelnd, und nun fahrt 
der Bhtz dazwischen — o Erleuchtung — ja: 
dort sah der Künstler, was er dann nur malte. 

10. CAMPAGNA VOR ROM 

Hier spannt sich alles, Landschaft, Bäume, Tiere, 
als habe sich die Welt zur Ruh gezwungen; 
erwartungsvoll ist jede Form geschwungen, 
die Homer selbst der silbergrauen Stiere. 
Denn dort am Horizont hebt einsam groß, 
so einsam groß, daß auch die Berge nur 
MitgUeder sind der staunenden Natur, 
das Haupt der Ewigen Stadt sich zum Azur: 
die Peterskuppel Michelangelo's. 



124 WEIB UND WELT 

11. IM PANTHEON 

Wer faßt dein Innres, Rom: du Kirchhof der Kulturen: 
Verwesung glänzt darin mit immer frischen Spuren. 
Im Pantheon zumal, kraft göttlicher Beschlüsse, 
erlebt man wundersame Grundwasser-Überflüsse. 
Durch solch ein Wunder sah ich: auf einer Altarplatte 
saß eine magre Katze, die sich gerettet hatte. 
Kläglich miauend saß sie, begaSl vom Fremdenstrom; 
da hast du deine Göttin, modernes Rom! 

12. IN DEN ABRUZZEN 

Endlich dem Bann der Museen entronnen, 
fand ich Italien auf eigne Faust schön, 
fand ohne Baedeker goldene Sonnen, 
silberne Monde, in Tälern, auf Höhn; 
fand auch ein Räuberpaar, in einer Grotte, 
spät eines Abends, im wilden Wald, 
raubten sich Küsse, die haben geknallt: 
aiamo felici nel cuor della notte! 

13. PONTINISCHE SÜMPFE 

Die Sterne flimmern; schwül schweigt das Moor 
längs der langen Straße zur Nacht empor. 
Längs der langen Straße, schwarz im Düstem, 
ragen und raunen die hohen Rüstern. 
Längs der langen Straße, wie aufgereiht 
von einer zur andern Unendlichkeit, 
raunen die Rüstern fiebertrunken: 



VIERTER TEIL 126 



dreiunddreißig Städte ruhn hier versunken 
längs der langen Straße . . . 

i4. NEAPEL 

,^eapel sehn und sterben" — in der Tat: 

dies Paradies des Pöbels ist zum sterben. 

Sehr sichtbar, echter Lazzaronistaat, 

Kegt*s wie ein blendender Haufen Scherben 

am Riesenmaulwurfshügel des Vesuv, 

den Gott gewiß aus reinem Mordsspaß schuf. 

15. POMPEJI: HAUS DES TRAGISCHEN DICHTERS 

Was klagst du, Menschheit! Sieh, allerseelenvollst 
lacht dir das Leben, und komisch nickt der Tod: 
Da steht zerbröckelt des Dichters Gastgemach, 
sein Werk imd Name verbrannten im Lavaschutt, 
aber das Brautpaar seines Wandgemäldes 
entdeckt noch immer das Nest voll Liebesgöttchen, 
wie's Tausende Paare noch entdecken werden, 
wenn dieses ausgegrabene Machwerk längst 
wieder in Lavaschutt versenkt sein wird 

16. AUF CAPRI 

Trotz aller reisenden christlichen Tugendbünde 
ist hier noch Raum für eim'ge heitre Sünde* 
Trotz Badehose gleicht in der blauen Grotte 
ein schmieriger Fischer einem silbernen Gotte. 
Trotz Zeitung, Polizei und meckernder Ziegen 



126 WEIB UND WELT 

kann noch an mancher Klippe ganz yersdiwiegen 
der Faun die Nymphe beim Sddafittchen kriegen. 

17. BERGSTRASSE VON AMALFI NACH SALERNO 

Em*opas reichste Damen 
karriolen den Felsweg her, 
hoch zwischen Himmel und Meer; 
immerfort wechselt der Rahmen. 
Großartig wechselt der Rahmen; 
hoch zwischen Hinunel und Meer 
erwartet ein BetÜerheer 
Europas reichste Damen. 

18. BAHN NACH POTENZA 

Und keiner ist verächtlich und schwach genug, 

daß nicht auch ihn aufrüttelnd ein Stolz durchzuckt, 

wenn durchs Gebirg auf dröhnender Bahn der Zug 

hinstürmt von Viadukt zu Viadukt 

Denn hier hat Menschenarbeit Bogen an Bogen, 

Triumphbogen durch die Natur gezogen. 

19. VALLE DEL BASENTE 

Straße und Brücke verfallen, 
das steinige Flußbett trocken; 
meine Schritte hallen 
laut auf Trünmierbroc^en. 
Und erschüttert erbeben 
verdorrte Uferbäume — 



VIERTER TEIL 127 



Land, wo ist dein Leben? 

Volk, was träumst du für Träume? 

30. ERSTER KLASSE NACH BRINDISI 

Scuaa, Signora e Monaignore! 
Und ich nehme Platz im Coup6, con amore* 
Der Priester scheint auf Kohlen zu sitzen, 
die Dame strotzt von Juwelen imd Spitzen. 
Der Priester rückt in die äußerste Ecke, 
die Dame bückt sich, und ich entdecke: 
sie versteckt ein besudeltes Etwas. 

21. CORFU 

Also auch hier wühlen Hühner und Schweine 
in verwahrlosten Gärten imd Auen. 
Aber wenn wir's von ferne beschauen, 
läutert der Lichtgeist alles Gemeine. 
Weiter und weiter schreit'ich ins Reine, 
und der Oliven verwilderte Haine 
überrauschen das menschliche Grauen. 

112. PONTIKONISI 

Weiß steht das Kirchlein aus der blauen Flut, 

Cypressen laden ein zur Himmelsreise. 

Sacht naht der Fährmann mit der irdischen Speise; 

ein Glöddein tönt, das Ruder ruht. 

Wärst Du, GeUebte, nicht auf Erden, 

ich könnte Mönch auf diesem Eiland werden. 



128 WEIB UND WELT 

23. BERGWEG BEI PATRAS 

Ein Sdirei — fast stürzt mein Pferd — und aufgebäumt 
ums Felseck biegend seh ich: schluchzend reißt, 
im Staub knieend, mit aufgelöstem Haar, 
und schreiend — oh, so schrie Medea einst — 
reißt sich ein schönes griechisches Bauemmädchen 
die türkische Jacke von den nackten Brüsten 
— Papiergeld fliegt — und weg von ihr bergab 
jagt im Galopp, in klirrender Kutsche hockend, 
ein schlotternder Stadtherr, häßlich wie ein Mops. 

a4. OLYMPIA 

Apollon, der die Tiermenschen bezwang, 
jetzt als ein Giebelbruchstück ausgestellt, 
begleitet mich durchs Tempeltrümmerfeld 
und spricht gen Sonnenuntergang: 
Lapithen und Kentauren ruhn im Sumpf, 
Faustk'ämpfer preist die Menschheit auch nicht mehr, 
noch aber übermannt euch seelenschwer 
der Schatten selbst von diesem Säulenstumpf. 

25. TEMPEL BEI BASSÄ 

Wohl stehn noch stolz die morschen Säulenschäfte 
ob Steingeröll und niedem Krüppel-Eichen 
und sind, indeß Eidechsen und Blindschleichen 
den kletternden Hufen meines Gauls ausweichen, 
in dieser Höhenluft ein rührendes Zeichen 
himmlischen Auf begehrs der irdischen Kräfte, 



VIERTER TEIL 129 



doch rührender rings die tausend Nachtigallen, 
die dnrchs Geläut der käuenden Ziegen schallen. 

26. BURG UND STADT KARYTÄNA 

Schmettert, ihr Nachtigallenheere, 
helft meine Cavalcade befeuern! 
dort oben herrschte einst Ritterehre, 
schuf Herzogskronen aus Abenteuern! 
Aber die griechischen Rosse wollen 
nur noch zur Futterkrippe trollen. 

27. HERBERGE VOR TRIPOLIZA 

Hier gibt es Alles: Wasser, Häcksel, Mist, 
Strohsack und Wanzen — Mos Laternen fehlen. 
Schon aber geht ein frommer griechischer Christ 
ein Licht aus der Dorfkirche stehlen. 

28. NAUPLIA 

Ein toter Esel fault im Straßengraben, 

am Tor ein Hund. 

Ein Stadtsoldat schleckt sich an Honigwaben 

die Zunge wund. 

Mit schmachtenden Blicken hockt ein Rudel Knaben 

am MauerwalL Und jedes Auge laben 

unzählige wilde Blumen, märchenbunt. 

ag. WIESEN BEI ARGOS 
Das sind die Blumen aus dem Morgenland: 



/// 



130 IVEIB UND WELT 

Sie leuchten aus der Feme wie durch Schleier, 

sie schimmern seidner als ein Festgewand, 

sie duften reiner als die Braut dem Freier. 

Sie scheinen in der Nähe dir bekannt; 

es glimmt in ihren Kelchen wie ein Feuer, 

das auch in Dir wohl einst, o einst gebrannt 

Du pflückst davon. Doch scheu und scheuer 

stockt deine Hand: 

du träumst die Blumen heim ins Morgenland. 

30. MTKENÄ 

Auf einmal schleppt mich Frau Historia 
durch wüst Gerumpel und beginnt zu melden: 

das Löwentor — die Burg — die Agora 

Was? Hier, hier hausten die homerischen Helden? 
Weg! In der Dichtung ist*s ein Göttersaal, 
hier wird*s zum HottentottenkraaL 

31. AKROKORDiTH 

Stahlblau erfunkeln mir zwei Meere, 
Waffen funkeln durch meine Gedanken, 
wild sich kreuzend, alle die blanken 
Klingen der Krieger, die dort versanken, 
Griechen, Slaven, Türken, Franken, 
Landeskinder und Söldnerheere — 
funkeln — und um zerstürzte Puläste 
von Strand zu Strand über Tempelreste 
den Berg herauf zur verfallenden Veste 



VIERTER TEIL 131 



brandet BegeistruDg und füllt das Leere. 

32. BEI SALAMIS 
FUcherüed 

Ruhe dich, Schiffchen: hier werfen wir Netze. 
Hier wurden vom Ahnherrn ertränkt die Barbaren. 
Drum schenkt uns das Meer heut fetten Fisch — 
ruhe dich, Schiffchen . . . 
Hundert Heilige wurden für uns gemartert 
Fremde Lords sind gestorben für unsre Freiheit. 
Drum schenkt uns der Eümmel heut weichen Wind — 
ruhe dich, Schiffchen . . • 

33. ATHEN 

Die Muse spricht: Narrt mich ein Fiebertraum? 
Stellt nicht dort unten das Theater noch, 
der Felswand angeschmiegt am heiligen Abhang, 
traut wie ein Schwalbennest den Weltkreis vor? 
Was sucht der Herr da, der den Staub beriecht, 
wo einst der Feldherr saß, der Opferpriester? 
Und hier, wo ehmals steilgestreifle Säulen, 
schwarz wie der Styx, rot wie geronnen Blut, 
dem blauen Äther, der sie bleichte, trotzten, 
hier steht gar einer und studiert den Schutt? 
O Wunder, daß noch Meer und Eümmel leuchten! 

34. FAHRT ZUM PAJRNASSOS 
\^m Dampf des Schiffes, den die Hitze ballt, 



132 IVEIB UND WELT 

verhüllt: was strahlt aus buntem Dunst herbei? 
so weiß! — was träumte mir? — ein Gipfel — drei — 
ein ELranz von Gipfeln strahlt den Dunst entzwei — 
so weiß strahlt nur der ewige Schnee — so fi^ — 
Ist's der Parnaß?! — Flieh, schwüle Träumerei! 
Hinauf! doil oben ist es kalt 

35. DELPHI 

Mein Dämon spricht: Auf Delphi ruht ein Fluch, 
da laß uns stiU vorübergleiten. 
Mir däucht, wir hatten schon zu Olims Zeiten 
an dem Orakel in uns selbst genug. 

36. ZWISCHEN LEÜKAS UND ITHARA 

Durch dieses Meer trieb einst in irrer Not 
Odysseus seinem treuen Weib entgegen. 
Durch dieses Meer trieb wild im Liebestod 
Sappho*s zerbrochner Leib der Nacht entgegen. 
Durch dieses Meer treibt nun im Morgenrot 
mein Herz, Geliebte, Dir entgegen. 

37. ALBANISCHE KÜSTE 

Die Küste weicht; ich seh mein Schiff mit beiden 

Bugseiten durch die Flut, die tiefblau glatte, 

wie durch geschhffnen Stein sich vorwärts schneiden^ 

so undurchsichtig glänzt die spiegelglatte. 

Ich wende mich und seh im Glanz auf beiden 



VIERTER TEIL 133 



KJelseiten ferne Höhenzüge scheiden; 
da schwimmen sie wie sagenhafte satte 
Seekühe, die sich an der Bläue weiden. 

38. EAFEN VON ANCONA 

Zwischen zwei Vorgebirgen lauscht der Wind, 

der sanften Gruß bringt von der Abendsonne, 

ob Stadt und Hafen wohlgebettet sind. 

Er fragt ein Heib'gtum, worob es sinnt, 

einst der Frau Venus Haus, jetzt der Madonne, 

und alle Glocken künden voller Wonne: 

In goldner Wiege ruht ein himmlisch Kind. 

59. ASSISI 

Wallfahrer haben mir den Weg gezeigt; 

im öffentlichen Garten rasten wir, 

und mancher blickt dem heiUgen Dichter gleich 

beseligt auf zum heben Bruder Himmel. 

Ein junges Weib nur blickt verstört ins Land, 

durch das ein Zug lobsingender Mönche wandelL 

Am Rand des Gartenberges die Cjrpressen 

stehn wie erstarrte schwarze Flammen da, 

imd plötzlich regt sich eine wie entsetzt 

vor dieses Himmels blendend blauer Glut. 

4o. PERUGIA 

Sei gesegnet, ruhiger Ort! 
Frommer Ahnen Meistergilde 



134 WEIB UND WELT 

schuf aus rauhem Felsgebilde 

fiir die Enkel dies Gefilde; 

kannst du zürnen, Gott der Milde, 

wenn sie nun ins Ewige fort 

unter den Akazien wandeln, 

nur noch schauen, nicht mehr handeln?! 

4i. AM TRASIMENISGHEN SEE 

Was wohl die Unken klagen 
dort um das alte Kastell? 
Daß da mal Römer lagen 
Ton Hannibal erschlagen? 
Daß da den Troubadouren 
von denen adhgen Huren 
vertrommelt ward das Fell? 
Man muß nicht inmier fragen, 
um was die Unken klagen; 
die Frösche lachen hell. 

42. FLORENZ 

Du Allerschönste, Liebling aller Welt, 
einst manchem Herrn, jetzt jedem Gaffer feil, 
und immer noch von Zier und Reiz geschwellt, 
so lehnst du stolz auf hehrem Ruhebett, 
dein Haupt wie eines Turmes Zinne steil, 
dein Schooß wie offiie Rosen lebensfroh, 
und gar den Busen schmückt als Amulett 
die heilige Kunst des Fra Angelico. 



VIERTER TEIL 135 



43. RAVENNA 

Raveima! rief die Inbrunst: gib mir Raum! 
was brütest du auf Gnibem Tag und Nacht? 
Und Grüfte wölbten sich zu Farbenhimmehi, 
in denen tausend Malerseelen träumen, 
und über denen Dante wacht. 



44. VENEDIG: PUNTA DELLA SALUTE 

Hier möcht ich sterben, alt, wie Tizian starb, 
doch in verhängter Gondel und allein. 
Durch einen Spalt nur glühn im Abendschein 
verwitternde Paläste glorienfarb. 
Schlaftrunken schaut die Wasserfläche drein 
und haucht mir eine Seelenruhe ein, 
die niemals um ein ewiges Dasein warb. 
So möcht ich sterben • . . aber leben: nein! 



45. VERONA 

Auf des Amphitheaters höchstem Rand 
ruht nach vollbrachtem Tagewerk ein Kerl, 
die braune Stirn noch voller Schweißgeperl, 
und läßt sich trocken glühn vom Sonnenbrand. 
Ein simpler Steinmetz, der wohl kaum verstand, 
wozu sein Flickwerk an dem alten Loch, 
und hat wie Herkules geschuftet doch; 
jetzt aber faullenzt er ob Stadt und Land, 
als sei kein Gott so frei wie Er vom Joch. 



136 IVEIB UND WELT 

46. WAI!rt)ERSTRASSE AM ETSCH 

Arbeitsleute schreiten vor mir schwer, 
immer schwerer dröhnt bergan ihr Schritt: 
aus der Feme graut die Fremde her. 
Pfeifend halt ich ihnen gleichen Tritt, 
Strom und Straße schweigen immer mehr: 
aus der Feme blaut die Heimat her — 
und auf einmal pfeifen alle mit. 

47. SIRMIONE AM GAADASEE 

jivanti! — Heiter wie des Südens Luft 

soll dich mein Abschiedsgruß, du liebliche 

Halbinsel, die Catull besang, umwehn. 

Hell greifst du durch den blauen See nach Norden, 

gleich einer gasthch hingestreckten Hand 

gefüllt mit Veilchen, Immergrün und Frucht 

Doch daß auch ernster Schmuck dir wohlsteht, zeigt 

gleich einer Spange am Gelenk das düstre 

Kastell, von dessen Söller mich der Ruhm 

des jungen Bonaparte grüßt — Avanti! 

48. HOGHFEILER AM BRENNERPASS 

Heiß auf kalter Höhe mach ich Rast, 

Ton den Gletschern kommt ein leichter Hauch, 

kommt und geht, und lichter Rauch 

wird mir all die fremde Last, 

von der Völkerstraße her die Hast, 



VIERTER TEIL 137 



und die Sehnsucht nach der Heiniat auch. 

49. INNSBRUCK 

Die Berge glänzen klar im Kreis, 

die Luft im Tal ist menschenheiß. 

Ich trete in den alten Dom, 

ich atme tief den Dämmerstrom. 

Erzbilder schimmern durch den Raum, 

ich träume einen Himmelstraum; 

und langsam neigen sich die Stirnen 

der ehernen Ritter vor den fernen Firnen. 

50. KONSTANZ 

Im offiien Garten ist Konzert am See, 
der Geist Beethovens schwebt von Stern zu Stern; 
tief unter Brücken schweigt die Wasserfee, 
hoch über Türmen schweigt der Alpenschnee, 
schweigt Stern bei Stern, schweigt wie seit je; 
und immer noch Konzert, Konzert am See — 
o Beethoven, wozu der Lärm?! — 

51. SPEZGART BEI ÜBERLINGEN 

Von Schlucht und Halde weichen Morgenschleier, 
die Erde dampft der Sonne ihren Dank. 
Hier trieben wir, Geliebte, Frühlingsfeier; 
es herzte Trieb an Trieb sich frei und freier, 
bis über uhsre Abschiedsfeier 



138 IVEIB UND WELT 

der pfirsichblütne Abend sank. 

Nun sind die Früchte reif zum Willkonuntrank. 

5a. STEIN AM RHEIN 

Klosterfrieden, Weltbehagen; 
lacht hier noch Italiens Glanz? 
Buntbemalte Giebel tragen 
frei Boccaccio*s Fabelkranz. 
Stromschnell naht das beimatstete 
Schiff, mit Gästen angefüllt 
Wenn doch jetzt Gesang herwehte! 
Da: weiß Gott, man singt — man brüllt 
die „Wacht am Rhein** . . . 



Vi 



55. TRIBERG IM SCHWARZWALD 

Stimme der Heimkehr 

Urweltsprache dröhnt im Wasserfall, 
läßt kein Menschenwort herdringen. 
Was denn hör ich durch den Schwall 
doch wie Muttersprache klingen? — 
Nicht ein Vogelsümmchen hallt, 
nur die alten Wipfel schwingen. 
Welt, ich fiihle wieder deutschen Wald, 
höre deutsche Quellen singen! — 

54. HEIDELBERG 

Das alte Schloß • . . Man zankt sich wohlgesinnt 
im Akademischen Kulturverein: 



VIER TIER TEIL 139 



i8t*8 ZU erneuern? — wie! — halb? ganz? — ja! nein! 

Der will das „Wesen** wahren, Der den „Schein*^, 

Jeder lügt Leben in den toten Stein 

und schilt die Andern wahrheitsblind. 

Ich sehne mich nach einem Menschenkind, 

das gamichts will als ganz natürlich sein. 

55. BINGEN AM RHEIN 

Du kleine Stadt am Strom, mir weltengroß, 

dir dank ich meine Mutter, dir das Weib, 

das mir so lieb ist wie mein eigner Leib, 

ich williger Pilgersmann von Schooß zu Schooß. 

Du Strom, du großer, spiegelst du mein Los? 

du kleine Welle, meinen Weltverbleib? 

Eilt nicht auch ihr mit Seel und Leib 

Yon Schooß zu Schooß, 

Yon Bergesschooß zu Meeresschooß?! — 



WIEDERSEHN 

Eh du kamst, schienen mir 
alle Schiffe im Hafen 
Unheil zu brüten 
auf der steigenden Flut. 

Und nun lächelst du ihnen. 



140 WEIB UND WELT 

weil mein Blick drauf geruht bat; 
und ich lache ihnen, 
weil Dein Blick drauf geruht hat; 
und alles ist gut 



SIEGERIN 

Mit deinem Lächeln bewältigst du die Nacht: 
ich fuhl*s um deine Lippen schweben 
und sehe Sterne aufgehn in meiner Seele. 

Mit deinem Lachen bewältigst du den Tag: 
ich seh*s aus deinen Augen strahlen 
und fühle die Sonne in mich versinken. 



WUNDER 

Niemals war es mir ein Wunder, 

daß die Bäume, wenn die Blätter fallen, 

all schon wieder voller Elnospen stehn. 

Immer wird nun, wenn die Blätter fallen. 

Deine Frage mich bewegen: 

Kann man traurig auf dies Wunder sehn? 



VIERTER TEIL 141 



HANS IM GLÜCK 

H'attest du mich doch gesehen, 

wie ich durch den Sommer ging: 

Augen blos für meine Zehen, 

böse jedem SchmetterUng. 

Glück imd Unglück nannt ich dumm; 

gott, wie ging ich Weiser krmnm! 

Jetzt ist Feld und Himmel grau, 
und yiel Unglück wird geschehen, 
treulos Weib, geliebte Frau. 
Doch du hast mich angesehen 
und ich gehe wie ein Licht; 
gott, wie leuchtet mein Gesicht! 



LETZTE BETTE 

Lege deine Hand auf meine Augen, 
daß mein Blut wie Meeresnächte dunkelt: 
fem im Nachen lauscht der Tod. 

Lege deine Hand auf meine Augen, 

bis mein Blut wie Hinunelsnächte funkelt: 

silbern rauscht das schwarze Boot. 



142 WEIB UND WELT 



m GEISTE 

Ich steh im Geiste an ein Grab geführt, 
wo Eine ruht, die so beseelend lebte, 
daß ich nicht glauben kann, ihr Geist entschwebte; 
ich steh wie einst vor ihr, so rein gerührt 

Und dort steht Einer, dessen Auge schürt 
noch reiner an, was damals in mir bebte; 
er war*s, der zart ihr Reinstes mir verwebte, 
und steht nun starr, als hätt er*s nie gespürt 

Du Hüter dieses heiligen Grabes, wehre 

der Andacht nicht, die Geist dem Geist hier weiht; 

es bebt in dir wie mir das seelvoll Leere. 

Die wirren Zeiten haben uns entzweit; 
hier aber rührt uns Klarheit, und ich kehre 
vereint mit dir den Blick zur Ewigkeit 



AM UFER 

Die Welt verstummt, dein Blut erklingt; 
in seinen hell^i Abgrund sinkt 
der ferne Tag, 



VIERTER TEIL 143 



er schaudert nicht; die Glut umschlingt 
das höchste Land, im Meere ringt 
die ferne Nacht, 

sie zaudert nicht; der Flut entspringt 
ein Sternchen, deine Seele trinkt 
das ewige Licht. 



HEILIGE NACHT 

Es steht ein Stern, der leuchtet klar, 
Ton Nacht zu Nacht, schon tausend Jahr. 
Es kommt ein trüber Wandersmann, 
an eine Stalltür klopft er an. 

Wer bist du, Mann? was suchst du hier? 
Ich suche Gott in Mensch und Tier. 
Dann tritt herein, hier kannst du sehn 
Ochs, Esel und ein Länmilein stehn. 

Ein Lämmlein wie im Paradies; 
ein Knäblein streichelt ihm das Vlies. 
Das Knäblein sitzt auf Mutters Schooß, 
hat Augen wie der St^m so groß. 

Es sieht der trübe Wandersmann 
die stolze Magd, den Knaben an. 



144 WEIB UND WELT 

Ja, sieh nur in die Augen sein, 
da siehst du Gottes Gloriensdiein! 

Ich ächzte wie ein Tier fiirwahr, 
indeß ich lag und ihn gebar; 
nun krönt auch mich der Schöpferglanz, 
so schön ist keiner Jungfirau EJranz! 

Es steht der 'Wandersmann und sinnt; 
es lacht die Magd und herzt ihr Kind. 
Das L'ämmlein leckt an ihr hinauf; 
Ochs, Esel stehn und horchen auf. 

O Mutter Gottes, höre mich an, 

mich vielversuchten Gottesmann! 

\br deiner Schönheit könnt ich fliehn, 

vor deiner Wahrheit Ueg*ich auf den Klnien. 

Ich ging auf Erden hin und her: 
es hieß, daß Gott gestorben war. 
Doch siehe da: von jeder Magd 
wird er aufs neu zur Welt gebracht. 

Nun bin auch ich ein Gottessohn; 
o Mutter, nimm dies Lied zum Lohn! 
Es steht ein Stern schon tausend Jahr 
und leuchtet noch wie einst so klar. 



VIERTER TEIL 146 



EVAS BELAGE 

Stern im Abendgrauen, 
laß dein bleich Erschauem; 
laß mich endlich ruhig 
heim gen Eden trauern. 

O Eden, mein Eden, 
Garten meiner Träume, 
warum gab mir Gott den Anblick 
deiner Frühlingsbäume! 

Deine Sommerfluren 
hat er nicht behütet; 
in den stolzen Garben 
hat der Blitz gewütet. 

In dein Herbstgefilde 
ist der Sturm gekommen, 
hat mir von den Asten 
Frucht auf Frucht genommen. 

Warum sang der Frühling, 
sang von seligem Wandern 
nm* auf Blumenauen, 
sang Yon einem seligen Andern! 

/// W 



146 IVEIB UND WELT 

Ach, er kam, der Andre, 
kam mit Glut und Flammen; 
über meinen Blumen 
schlugen sie zusammen. 

Lachend aus der Asche 
hat er mich getragen. 
In der kalten Fremde 
hat ihn Gott erschlagen. 

Winter ist geworden. 
Ach, ich möchte weinen. 
Aber seine Seele 
lacht noch in der meinen. 

Still auf seinem Grabe 
will ich warten, warten; 
meine Eander irren 
suchend nach dem Garten. 

O mein Garten Eden, 
verlornes Eden, 
o Eden, mein Eden, 
stehst du denn noch offen? 
Bis zur letzten Stunde 
will ich auf dich hoffen! 

Magst du, Gott, mich töten, 



VIERTER TEIL 



147 



mag mein Traum verglühen, 
aber meinen Eandem muß er 
neu erblühen! 

Laß dein bleich Erschauem, 
Stern im Abendgrauen! 
Endlich kann ich ruhig 
heim gen Eden schauen. 

Magst du, Stern, versinken, 
mag ich selbst vergehen: 
meine Kinder werden 
Eden wiedersehen. 



EINES TAGES 

Phaniaaieen zweier Liebenden 

MORGEN 

„Auf, mein schwarzer Zaubrer, auf, 
eile, spinne Gold, es tagt, 
schmücke deine stolze Magd! 
Laß die Strahlen nicht verwittern, 
die dem Morgenstern entsplittem! 
Heute Mittag muß die Erde 
sich entzücken am Geschnauf 



KT 



148 IVEIB UND WELT 

deiner wilden Siegespferde! 

Auf, mein goldner Zaubrer, auf!" 

Laß mich träumen, Zauberin, 

sprich mir nicht vom Tag der Schlacht; 

nimm die Strahlen^ spinn sie, spinn. 

Mich verstört das Marktgepränge, 

wo die Erze vor der Menge 

zur verstaubten Sonne dröhnen. 

Überirdisch ist die Nacht, 

wo die heiligen Gesänge 

meiner sieben Schlangen tönen; 

sprich mir nicht vom Tag der Schlacht, 

laß uns träumen, Zauberin, 

nimm den ganzen Himmel hin . . • 

MITTAG 
„Aber jetzt, mein Held, mein Sieger, 
komm, mein König, komm, mein Krieger, 
gib dich nicht den Gaffern preis! 
Wirf sie weg, die blanken Balle, 
die so kalt, so gläsern klingen 
und vor Hitze fast zerspringen; 
führe mich an eine Quelle, 
dies Getünunel riecht nach Schweiß! 
Konun, was stehst du bei den Leuten, 
du ermattest nur im Schwärm; 
und bis Abend muß dein Arm 
noch ein drittes Reich erbeuten !^^ 



VIERTER TEIL 149 



Königin, du störst mein SpieL 
Auf mein Volk herabzusehen, 
warlich, das war nicht mein ZieL 
Schau: in diesem kleinen Ball, 
weiß man ihn nur recht zu drehen 
und das wird man bald verstehen, 
spiegelt sich das große All. 
Spiele mit! Komm, Siegerin, 
nimm den ganzen Erdball hin • • • 

ABEND 
„Ist hier nicht das dritte Reich? 
ach, mein rascher Pilger, säume! 
Bannt dich nicht der dunkle Teich, 
über den die Lilienbäume 
ihren süßen Atem breiten? 
Und schon naht der Elefant, 
drauf der Buddha Ewigkeiten 
über unsre Seelen spannt 
Ja, mein Zaubrer: spiele! träume!'' 

Pilgerin, mir kommt ein Bangen; 
siehst du nicht im bunten Laube 
jene großen Schlangen hangen, 
die mir firemd sind? und ich glaube, 
daß sie Träumern Unheil brüten. 
Ahnst du nicht, wonach ich suche? 
Nicht nach üppigem Gerüche! 
laß uns wachen, Pilgerin! 



150 IVEIB UND WELT 

Brich dir eine dieser Blüten; 
und, im Haar die weiße Blume, 
folge mir zum Heiligtume, 
nimm die Ewigkeit da hin . . • 



NACirr 

„Willst du mich denn nie erhören? 
Nennst du dazu mich die Deine, 
um mich langsam zu zerstören? 
Ich zerfalle fast in Stücke; 
wohin fuhrt nun diese Brücke, 
die der Mond in Schatten legt? 
Immer neue Meilensteine! 
ich bin müde! mich bewegt 
keine Liebe mehr zum Ruhme, 
auch zu keinem Heiligtume; 
nimm mir aus dem Haar die Blume — 
sieh, mein Einziger, ich weine." 

Weine, weine, wein'es aus! 
O, nun darf ich mich dir beugen, 
Weib, dort schimmert unser Haus. 
Hinter jener hellen Scheibe, 
nm' noch Seele, nur noch Sinn, 
die du bist und der ich bin, 
werden wir mit nacktem Leibe 
einen neuen Menschen zeugen — 
o du Meine, nimm mich hin! 



VIERTER TEIL 151 



EINE LEBENSMESSE 

Dichtung fiir ein festliches Spiel 

CHOR DER GREISE: 

Wenn der Mensch, 

der dem Schicksal gewachsen ist, 

sein zerfurchtes Gesicht 

vor der Allmacht der Menschheit beugt, 

nur noch vor der Menschheit: 

dann wird seine Seele wie ein Eand, 

das im Dunkeln mit geschlossenen Augen 

an die Märchen der Mutter denkt* 

ADe Sterne 

werden dann sein Spielzeug; 

durch das wilde Feuerwerk der Welt 

kreist er furchtlos mit den unsichtbaren 

mütterlichen Flügeln, 

sieht er innig und verwundert zu, 

wie das Leben 

aus der Werkstatt des Todes sprüht 

Denn nicht über sich, 

denn nicht außer sich, 

nur noch in sich 

sucht die Allmacht der Mensch, 

der dem Schicksal gewachsen ist. 



162 IVEIB UND WELT 

EINE JUNGFRAU: 

Aber wenn auf Frühlingswegen 
durch den sdieinbar dürren Hain 
alle Kräuter mir entgegen 
wachsen, wenn im Sonnenschein 
jedes Auge Osterkerzen 
aus sich ausstrahlt, Mensdi und Tier, 
und mir geht das so zu Herzen, 
daß mich meine Brüste schmerzen: 
dann gerat ich außer mir! ' 

und ich werf mich zum Erbarmen 
in den rauhen Rasen hin, 
und ich möchte das Schicksal umarmen, 
dem ich doch gewachsen bin! 

CHOR DER VÄTER : 

Eine wandelnde 'Wage 

ist der Mensch. 

Mit Haupt, Herz, Händen 

wägt er sein Wohl; 

nur mit der Rechten gibt er den Ausschlag, 

und seine Zunge schreit nach Gleichgewicht 

Faß festen Fuß, 

du hast die Macht der Wahl. 

Es kommen Viele 

yor Sehnsucht nie zum Ziel; 

gern bis zum Äußersten geht der Mensch 

in seiner Ohnmacht, und Tat wird Untat. 



VIERTER TEIL 153 



Doch immer treibt ihn 

die Sehnsucht nach Ruhe: 

rastlos rast er von Brust zu Brust, 

Schooß zu Schooß, 

und sucht nichts als den Menschen, 

der dem Schicksal gewachsen ist 

EIN HELD: 

Kommt mir nicht mit Euerm Treiben, 

ich weiß kein Ziel, ich will kein Wohl! 

ich habe nur dies mein Herz im Leibe, 

das von jeher überschwoll. 

Ich hatte Freunde, ich gab Gelage, 

und manches Weib war mir zu Sinn; 

aber an einem Sommertage 

zeigte sich mit Einem Schlage, 

wozu Ich gewachsen bin. 

Das Spiel der Homer und der Geigen 

verstummte plötzlich wüst und irr: 

mitten durch den Emtereigen 

kam ein losgerissener Stier. 

Und da riß mich mein Herz vom Platze, 

und man griff nach mir vor Schreck; 

aber mit Einem Satze 

schlug ich dem Freimd in die Fratze, 

stieß ich das Weibsbild weg! 

Und jetzt reit ich von Sieg zu Siegen 

bahnfrei auf meinem Stier dahin. 



154 IVEIB UND WELT 

bis ich dem Schicksal erliege, 
dem ich gewachsen bin. 

CHOR DER MÜTTER: 
Mit Schweiß und Tränen 
und manchem Tropfen Blut 
setzen wir Eander auf diese Erde 
und lehren sie Vorsicht 
und üben Nachsicht, 
bis sie sich selbst mehr lieben als uns. 
Und Schweiß und Tränen 
und Ströme von Blut 
vergießen die Eander dieser Erde 
vor lauter Vorsicht 
und lehren Nachsicht 
und lernen nie, was Liebe ist 
Denn Schweiß und Tränen 
und alles Blut 

vergessen wir entzückt, wenn Einer, 
den Blick der Sonne oder fernsten Sternen zugewandt, 
über die Erde hinstürmt ohne Vorsicht, 
ohne Nachsicht, 
über sich und Andre hin. 
Jeder Lehre zuwider, 
nur dem Leben zu Liebe, 
rühmen wir Eandem und Kindeskindem 
opferselig den Einen, 
schöpferselig den Menschen, 
der dem Schicksal gewachsen ist. 



VIERTER TEIL 156 



EINE WAISE: 
Ich kenne Keinen, 
der mich will leben sehn; 
ich möchte weinen, 
aber um wen! 

Bald kommt der Herbst mit seinen Stürmen, 
die Blätter schwirren; 
wo werd*ich irren, 
wenn sie den winzigsten Gewürmen 
Heimstätten türmen? 
Wohl stehn mir Hütten, 
Paläste offen; 

aber ich möchte mein Herz ausschütten, 
Einem ins Herz zu wachsen hoffen, 
und dann stehn die Menschen betroffen. 
Könnt ich noch weinen, 
wäre mir wohl zu Sinn; 
ich kenne Keinen, 
dem ich gewachsen bin. 

ZWEI ERFAHRENE SONDERLINGE: 
Wenn uns Hilferufe schmerzen, 
können wir nicht abseits bleiben; 
eins und gleich ist unsem Herzen, 
was uns treibt und was wir ti*eiben. 
Sei getrost! 



DER EINE ALLEIN: 
Komm an meinen stillen See, 



156 IVEJB UND WELT 

wenn die Mensdien dich nicht wollen. 

DER ANDRE ALLEIN: 
Komm auf meinen wilden Strom! 
sieh, wie hell die Wellen rollen! 

DER EINE: 
Aber unten ist es dunkel; 
komm an meinen stillen See! 
Bis zum Grunde welch Gefunkel, 
wenn die Sonne taucht ins Feuchte; 
und in Nächten welch Geleuchte, 
Welten flimmern auf wie Schnee! 
Kannst du dich denn noch besinnen, 
wenn dir alle Himmel winken? 
wenn sie dir zu Füßen sinken 
und dich spiegeln und dich trinken! 
Lächelnd gehst du unter drinnen. 

DER ANDRE: 
O, du kannst dich noch besinnen; 
aber komm auf meinen Strom! 
Da rauscht und raunt der Urton drinnen, 
dem Wellen, Wolken, Wälder, Zinnen, 
Berge und Burgen entgegenrinnen, 
und orgelstürmisch Dom auf Dom: 
der Ton des Ursprungs aller Ziele, 
der Tropfenstüi'ze um dich her, 
des Abgrunds unter deinem Kiele — 



VIERTER TEIL 167 



Und so gehst du mit klingendem Spiele 
lachend auf ins große Meerl 

DIE WAISE: 
Auf — ! Ach — : weise — lieb und weise 
lachen sie mich Beide an. 
Ach, wem dank ich für die Reise? 
Bin ich doch nur eine Waise, 
die sich nicht zerreißen kann! 

DIE ZWEI SONDERLINGE: 
Hahahah, du liebes Kind! 
Ohne Einfalt ist am Ende 
alle Weisheit taub und blind. 
Konmi: vereine unsre Hände — 

DIE DREI EINIGEN: 
die dem Schicksal gewachsen sind! 

DER HEXD: 
Wenn ich Euch in Eintracht sehe, 
wird mir plötzlich kalt und heiß; 
durch mein Herz brandet eine Wehe, 
das sich nicht zu lassen weiß. 
Holt mir jene Jungfrau vom Wege> 
der das Land zu eng war hier! 
Schwillt mir Deren Herz entgegen, 
will ich sie an Mein Hers legen, 
und ich Schlacht ihr meinen Stier! 



158 IVEIB UND WELT 

Und wir steigen zu Schiff und lenken 
uns durch Wetter und A^ asser und Wind; 
und sie soll mir Kinder schenken, 
die dem Schicksal gewachsen sind! 

CHOR DER KINDER: 
Dann wird ein 'VS^inter kommen, 
friert alles Wasser zu; 
da haben alle Wellen, 
alle Schifflein Ruh. 
Und ein stiller Weihnachtsengel 
geht Ton Haus zu Haus, 
hebt seine weißen Finger, 
dreht alle Lampen aus . • • 
Bringt ein grünes Bäumchen mit, 
steckt neue Lichter auf; 
das glänzt wie Frühlingsblütennacht, 
und sind auch Früchte drauf. 
Du stiller Weihnachtsengel, 
mach uns geschickt wie Du! 
wir sind ja noch so klein, so klein, 
und wachsen inuner zu . . . 

DIE GREISE: 
— immer zu 

ALLE GROSSEN: 
Seele der Menschheit, 
immer wieder 



VIERTER TEIL 159 



liihrst du uns aus Eandenuund. 

Die du alle Tiere in dir trägst 

und den Blumen ihre Farben giebst 

und mit jauchzenden Jammerlauten, 

daß sich Steine verwandeln, 

Götter gebärst: 

Warum suchen wir Dich, 

die du in uns bist, 

uns in alle Welten schickst, 

uns mit Übergewallen, 

die den weisesten Mann empören, 

zu Eandem machst, 

die sich fromm in Alles schicken, 

AUes, Alles, 

die dem Schicksal gewachsen sind?! — 



AM OPFERHERD 

Komm an mein Feuer, mein Weib, 

es ist kalt in der Welt. 

Komm an mein Feuer und lege 

dein Ohr an mein Herz. 

Komm an mein Feuer und mache aus meinen Händen 

eine leuchtende Schale für die Wärme, 

die wir — o wir, mein Weib — verschwenden 

an die Welt . . . 



IVEIB UND WELT 161 

ÜBERSICHT 

Ins Weite . Seite 10 

Das Ideal 10 

Beichtgang 11 

Narzissen 12 

Drei Ringe 12 

Der Stieglitz 21 

Sinnige Fahrt 22 

So im Wandern 22 

Schutzengel 26 

Begegnung 27 

Unterm jungen Birnbaum 29 

Verkündigung 29 

Einst 29 

Stimme des Abends 30 

Manche Nacht 30 

Himmelfahrt 31 

Ans banger Brust 32 

HeUe Nacht 33 

Aufttieg 34 

Druckende Luft 34 

AuibUck 36 

Stiller Gang 36 

Ein Grab 37 

Klage 37 

Der gesunde Mann 38 

Befreit 38 

Kalte Frage 39 

/// // 



162 IVEIB UND WELT 

Trost Seile 40 

Winterwärme 40 

Kein Bleiben 41 

Heimweh in die Welt 41 

Über frei Feld 43 

Der Frohlingskasper 46 

Entladung 46 

Anbetung 48 

Ausblick 49 

Ideale Landschaft 50 

Auf See 50 

Gesang vor Nacht 51 

Klarer Tag 51 

Dunkle Gewalt 52 

Herr und Herrin 52 

Ein Blick 53 

Vorspiel 54 

Tanzlied 55 

Bewegte See 55 

Der Sturm 56 

Das Schloß 57 

Beschwichtigung 57 

Gruß 58 

Morgenstunde 59 

Ruf 59 

Beriickung 60 

Wirwal 61 

Nach einem Regen 61 



ÜBERSICHT 163 



Der gute Hirte Seite 62 

Stimme im Dunkeln 63 

Über den Sümpfen 63 

Erwartung 64 

Drohung 65 

Der weise König 66 

Im Reich der Liebe 67 

Nun erst ..." 68 

Mannesbangen 69 

Stilles Zeichen 69 

Ein Ring 70 

Der Ruß : 71 

Nächtliches Zwiegespräch 7% 

Rückblick 72 

Mein Wald 73 

Die Harfe 74 

Geheimnis 78 

Am Scheideweg 78 

Hoch in der Friihe 78 

Immer wieder 79 

Im Zwielicht 79 

Glückwunsch 80 

Ein Blütenblatt 81 

Störung 81 

Zukunft 82 

Enthiillung 83 

Beschwörung 84 

Aus schwerer Stunde 85 



164 WEIB UND WELT 

Zuversicht Sehe 86 

Eva und der Tod 87 

Verhör 90 

Zur Genesung 90 

Schneeflocken 92 

Orientalisches Potpourri 94 

Jesus bettelt 96 

ErfuUung 97 

Heilandswort 98 

Zwischen Ostern und Pfingsten 98 

Die Glücklichen 99 

Erhebung 100 

Mit heiligem Geist 101 

Böser Traum 102 

Leiser Besuch 103 

Der Strauß 104 

Finale 105 

Einsiedler, Schmetterling und Tempelherr 108 

Der Verbannte 111 

Unterwegs 111 

Heimatgmß 112 

Hoher Mittag 114 

Stimme im Licht 115 

Durch die Nacht 115 

Masken 116 

Nacht für Nacht 117 

Die stille Stadt 118 

Gondelliedchen 119 



ÜBERSICHT 165 



Griechische Pfingsten Seite 119 

Eine Rnndreise in Ansichtspostkarten 120 

Wiedersehn 139 

Siegerin 140 

Wunder 140 

Hans im Glück 141 

Letrte Bitte 141 

Im Geiste 142 

Am Ufer 142 

Heilige Nacht 143 

Evas Klage 145 

Eines Tages 147 

Eine Lehensmesse 151 

Am Opferherd 159 



DRUCK VON WDRUGULIN IN LEIPZIG 
Deckeheichnung und Titelmonogramme pon fPalter Tiemtmn 



\^ 




VON DIESEM WERK wird ragleich eine VORZÜGSAÜSGABE 
auf holländischem Büttenpapier, Van Gelder, aufgelegt: sechzig 
vom Verfasser signierte und numerierte Exemplare, mit der 
Hand in bestes Leder gebunden, davon funizig zum VerkauL 
Preis 12 Mark der Band, bei Subskription auf das zehnbändige 
Gesamt werk; Einzelbände nicht im Handel. Zu bestellen direkt bei 
S • FISCHER • VERLAG • BERLIN • W • BÜLOWSTR • 90 



GESAMMELTE WERKE 
VON RICHARD DEHMEL 



IN ZEHN BANDEN 




lERLÖSÜNGEN-n-ABER DIE LIEBEDIWEIB UND WELT 
IV DIE VERWAM)LÜNGEN DER TENUS-V-ZWEI MEN- 
SCHEN VI DER KINDERGARTEN Vn- LEBENS- 
BLÄTTER Vra- BETRACHTUNGEN ETC- 
DCDER MITMENSCHXLUCIFER 



GESAMMELTE WERKE 
VON RICHAM) DEHMEL 



VIERTER BAND 




SÄMTLICHE RECHTE VORBEHALTEN 

S • FISCHER VERLAG • BERLIN 

MDCCCCVn 



DIE VERWANDLUNGEN 

DER VENUS 

EROTISCHE RHAPSODIE 

VON RICHARD DEHMEL 

MIT EINER MORALISCHEN OUVERTÜRE 



Neue, völlig veränderte 
und dur chw eg erweiterte Ausgabe. 
3. & 4. Tausend. "Verlegt 1907 bei S. Fischer in Berlin 
mit Vo rbehalt sämtlicher Rechte, 
auch der Befugnis zum öffentlichen Vortrag. 



OUVERTÜRE 



OUVERTÜRE 11 



DAS ENTSCHLEIERTE SCHWESTERNPAAR 

Moralische Burleske 

Sie war geflochten aus besten Stricken, 

aus bleiverknoteten, festen, dicken, 

meine Geißel nämlich — imd der Stil 

so grad recht handlich zum PrügelspieL 

Doch nein: es sollte ja ernst zugehn: 

ich wollte das Schandweib blutig karbatschen, 

diese alte Prüde mal zappeln sehn. 

Also rasch in den Frack! in die Ecke die Latschen, 

die Lackschuh an, Glaces, Chapeau, 

damit nicht etwa, kam ich so 

als Mensch blos, ohne den AfTenschniepel, 

Verdacht entstünde: hinaus, du Rüpel! 

Ich las noch einmal die Adresse: 

Frau Geheime Komm.-Rat J. von Kohn 

etcetera — die „Kommission^^ 

yersdiwieg man, schien's, aus Delikatesse. 

Eine Krone drüber, riesengroß, 

ersetzte das „gebome" Schwänzchen. 

Da war ich geladen zum Lesekr'anzchen. 

Denn, verehrter Leser, ich träumte blos. 

Hm! dacht*ich: wie wird sie mich begrüßen? 
Wahrhaftig, sie hatte Carri^re gemacht, 



12 DAS ENTSCHLEIERTE 

hatte mich immer schon ausgelacht — 

na warte, Kröte, heut sollst du*s büßen! 

Ich übte Probe; verdammt, das zog, 

wie die Knute um "Wade und Schienbein flog! 

Ich knöpfte sie zärtlich unter die Weste, 

ich übte den Handgriff, es ging aufs beste. 

Noch ein Blick in den Spiegel! famos, famos, 

das wird ein lustiges Lesekränzchen: 

erst Faust von Goethe, und dann mein Tänzchen! 

Faust?? — Wie gesagt, ich träumte blos. 

Wo hatt ich sie eigentlich kennen gelernt? 

Seltsam! ich sann und sann und sinnte, 
meine Gedanken waren wie Stinte: 
kaum da, schon wieder weit entfernt« 
Ich lief und lief, durch Zeit und Raum, 
von Straße zu Straße, in meinem Traum: 
ich wußte genau, ich kannte sie 
seit je, die Dame Prüderie — 
und doch: wer war sie? — Das war ja rein 
zum Rasendwerden mit dieser Fratze: 
Doch immer die selbe! dies Blinzeln! Nein, 
doch nicht! bald lüstern, fast wie*n Schwein, 
bald wie*ne Schlange, nein wie*ne Katze. 
Und dennoch — Teufel, ich irr mich nicht: 
um diese yielfältigen Blicke immer 
das selbe zahme Kaninchengesicht, 
nein Affengesicht, nein Hühnchengesicht, 



SCHWESTERNPAAR 13 

das selbe süßledeme Frauenzimmer. 

Ah — ja natürlich! klar wie Butter: 

erst war sie die Tochter von unserm Paster. 

Die warnte mich stets vor dem Pfad der Laster; 

dann wurde sie heimlich Fräulein Mutter. 

Das heißt, nicht etwa von meiner Seite, 

ich wußte noch nicht, was der Vogel gepfiffen, 

ich nahm die W>rte noch für die Leute; 

ein Andrer, der hatte sie — besser begriffen. 

Und dann: weiß Gott, das war sie ja auch: 

die Frau Patin mit dem verschämten Bauch. 

Ihr seliger Gatte war sehr verderbt, 

er hatte ihr einen Apoll vererbt 

mit nichts als einem Blatt zum Elleide; 

drum band sie ihm, so geht die Fabel, 

aus himmelblauer chinesischer Seide 

ein christliches Mäntelchen vor den Nabel. 

Nein! Himmel! es war ja ihr Fräulein Base: 
das ethisch-ästhetische Fräulein Ludnde, 
die mit der Entenschnabelnase 
und dem Traktätchen „Die Kunst der Sünde". 
Sie hatte sich züchtig nach einem Mann 
in den vornehmsten Zeitungen umgetan, 
doch wollte Keiner die Tugend belohnen; 
nun schrieb sie poetische Rezensionen. 
Ganz Deutschland pries ihren edlen Stil 



14 DAS ENTSCHLEIERTE 

ob seiner fließenden Reinlichkeit; 

besonders DehmeFn besprach sie yiel 

und beklagte seine Peinlichkeit 

In Höherem Auftrag ließ sie auch, 

der Staat bewilligte die Mittel, 

ein ^S^rk erscheinen mit dem Titel: 

,,Das verbesserte "Vblkslied zum Schulgebrauch^S 

An den Anfang war als Motto gestellt: 

,,Hähnchen von Tharau ist*s, das mir gefällt". 

Und immer neue! Verdammte Hexe, 

kaum bist du Eine, so sind es sechse — 

Herrgott, nun ist sie gar ein Mann: 

der Herr Seelenforscher von nebenan, 

Privatdozent und Licentiat, 

der den wunderschönen "Vollbart hat, 

er schwingt fürs Frauenwohl die Feder. 

In Schriften spricht er und vom Katheder 

über die höhere Sinnlichkeit 

aller wahrhaft sittlich Emanzipierten 

und die sexuelle Verworfenheit 

imd perversen Affekte der Prostituierten; 

er will ein kirchliches Zuchthaus gründen 

zur Korrektur der natürlichen Sünden. 

Die termini tedmici liebt er nämlich, 

so ein Fremdwort jBnden die Damen scharmant; 

deutsch klingt gleich alles so beschämlich 

und zehnmal weniger intressant. 

Drum ist er, nur aus besagtem Grunde, 



SCHWESTERNPAAR 15 

bei einem Spezialarzt ständiger Kunde. 

Ah, da geht er ja wieder; Herr, warten Sie doch! 

was machen Sie denn so breite Beine?! 

Nein, er ist*s ja gamicht — ah: Frau von Ejioch 

mit ihrem Möpschen an der Leine, 

seine verehrte Gönnerin. 

Ach nein: Frau Konsistoriakat ELlooß, 

mit dem würdevoll wackelnden Doppelkinn, 

die „Witwen- und Waisen-Beschützerin" 

und Fünfmillionenbesitzerin, 

geborene Freiin von — Ejronensproß. 

Dir Ne£Fe, der war ein deutscher Dichter, 

so einer von dem verruchten Gelichter, 

die alles beim rechten Namen nennen 

und gar keine moralischen Rücksichten kennen; 

dem hat sie natürlich ihr Haus verschlossen. 

Und da hat der Mensch die Frechheit besessen, 

angeblich aus Mangel an ELleidung und Essen, 

und hat sich *ne Kugel durchs Herz geschossen. 

Und immer neue! Mein Schädel brannte, 
während ich so durch die Straßen rannte; 
ich lief und lief wie spukgeschreckt. 
Aus allen Mienen, aus allen Blicken, 
als hätte ein Teufel die Welt beleckt, 
schien mir dies Weibsbild entgegenzunicken. 
Seitdem ich die Nase ins Leben gesteckt, 
war sie mir über den Weg gekrochen 



16 DAS ENTSCHLEIERTE 

mit ihrem frommen ELaninchengesicbt, 
nein Katzengesicht, nein Hühnchengesicht, 
mit ihren schlangengeschmeidigen ELnocben. 

Sie hatte soVas in den Augen, 

das schien sich einem ums Herz zu stricken, 

alle Liebe drin zu ersticken 

imd jede Männlichkeit auszusaugen. 

Und wo man hinkam, war sie zu treffm, 

sie schien die reine Gesellschafbklette; 

sie Ueßen sich Alle geduldig äffen 

von dieser verzuckerten glatten Kokette 

mit ihren ahnungslosen Mienen, 

die — seltsam — ninmier zu altem schienen 

und die ich auch niemals jung gesehn; 

ihr schien die Natur aus dem Wege zu gehn. 

Zwar: sie auch ihr! <lenn sonderbar: 

kein Haus, in dem dies Rackervieh 

nicht irgendmal zu jBnden war, 

blos in den Hütten des Volkes nie. 

Und inmier, waren wir mal zu Zwein 

und ich wollte der Hexe die Wahrheit geigen, 

so ein Lächeln imd Lispeln: ,4assen Sie sein, 

geliebter Freund! wie süß dies Schweigen!** 

und ein Seufzen, ein schmachtendes Fächerwiegen: 

,4ch weiß ja, alles ist natürlich!** 

und ein lüstern lauerndes Hüftenbiegen: 

,4m Wort nur ist es ungebührlich!** 



SCHWESTERNPAAR 17 

Dann aber, wie bei Lieckerein 
die Eßbegierden rasch verfliegen, 
fing plötzlich so ein glasiger Schein 
ihre schwülen Blicke an zu lähmen; 
ich konnte den Ekel kaum bezähmen, 
ich fluchte, um nicht auszuspein. 
Das brachte sie jedesmal zum Lachen: 
„Sie wollen die ^^^lt wohl besser machen?** 

Nur manchmal, wenn sie wie in Schauem, 
als ob sich ihr Gefühl ertappte, 
die Lader über die Augen klappte, 
empfand ich was wie ein Bedauern: 
▼ieUeicht steckt doch in all dem Schleim 
ein kleiner verschimmelter Edelkeim. 
Ich spürte dann immer so ein Jucken 
in allen fiinf Fingern, ihr die Mucken 
mal mit der Karbatsche auszuplätten; 
man weiß ja, Prügel imd dann ein Kuß 
ist verrückten "W'eibem ein Hochgenuß — 
Das war das Letzte, das konnte sie retten. 

Herjee, das war's ja, das wollt'ich ja eben! 

und siehe da: schon bin ich zur Stelle. 

Sie thronte, von ihrem Stab umgeben, 

der kleine Herr Gatte stand dick daneben, 

grad gegenüber der Zimmerschwelle. 

Die persischen Polster und Teppiche strahlten 

im weißen Schimmer der Glühlichtblüten, 



IV 



18 DAS ENTSCHLEIERTE 

die Teelöffel klirrten, Brillanten sprühten, 
die Seidenroben rauschten und prahlten; 
auch sprach man schon. Ich legte die Redite 
verbindlich an mein A^^enlätzchen 
und — fiihlte nach meiner ELnutenflechte; 
sie steckte sicher; na warte, Schätzchen! 

Laut: Gnä*je Frau, ich habe das Glück. 

Sie schien mich gamicht wiederzukennen. 

Ich ntbm die Ehre, mich zu nennen. 

„Ah, der neue Herr Lektor* Ein*n Augenblick." 

Natürlich! sie hatte jetzt höhere Ziele, 
die Geheime Komm.-Rat J. von Kohn, 
als ihre plebejischen Elinderspiele; 
sie war ja bei Hofe "Vertrauensperson. 
Sonst schien sie aber nicht verändert, 
nur sozusagen zart konserviert, 
die verschleierten Augen pikant umrändert, 
und das Haar im „Jugendstil" frisiert 
Dem Herrn Geheimen schien, wie Allen, 
seine Geheime sehr zu gefallen. 

Nun fing man an von Kunst zu sprechen. 

Der Herr Geheime sprach: Verßeihn Se, 

wenn idi so frei bin aufzubrechen, 

ich habe Geschäfte beim Hofrat Heinse. 

„(Ä" — „leider" — „bitte" — bedauerndes Lächeln, 

"Verbeugen und Neigen und Wuagenfächeln. 



SCHWESTERNPAAR 19 

,yFa, leider dringende Kommission,^^ 
verschwand mit Würde Herr J. von Kohn; 
nun ging es hoffentlich bald los. 

Ich sah mich um — i, Gott soll sdiützen, 
da schienen ja lauter Bekannte zu sitzen! 
Da rechts: Frau Konsistorialrat Klooß, 
geborene Freiin von Kronensproß. 
Da: Fräulein Ludnde von Entenschnabel. 
Da die Pate mit dem verbundenen Nabel, 
und Frau von Kiioch mit ihrem Begleiter, 
und die Pastertochter — na, und so weiter: 
das ganze verehrUche Lesekränzchen, 
wie sie da saßen imd standen, die Biedern, 
auf ihren unausspredüichen GUedem, 
germanisdie wie semitische Pfil'änzchen: 
o Boccaccio, göttlicher Schmetterling, 
dies Häufchen Gemüse in Einer Schüssel, 
das war was gewesen fiir Deinen Rüssel, 
wenn nicht auch Dir der Spaß verging! 
Ja, die Frau Geheime war unbestritten 
in den weitesten Kreisen wohlgelitten. 

Gott sei getrommelt und gepfiffen: 
jetzt winkte sie. Die ganze Herde 
schien plötzlich ehrfurchtsvoll ergriffen, 
und mit entsprechender Geberde 
sprach die Geheime: „Lieben Freunde, 
ich bin entzückt und hingerissen, 



20 DAS ENTSCHLEIERTE 

daß meine treue Kunstgemeinde 

80 fest zusammenhälL Sie wissen, 

daß wir uns heute dem unendlich 

von uns verehrten wundervollen 

Genie von Weimar widmen wollen; 

das heißt mit Auswahl selbstverständlich. 

Ich darf wohl bitten — hier, mein lieber," 

das ging an meine Wenigkeit, 

sie reichte mir den Faust herüber — 

„die gestrichenen Stellen abzuachten; 

wenn*s dann gefallig, wir sind bereit** 

Ich sah in das Buch; zwei Diener brachten 
mir Lesepult und Wasserglas; 
ich sah in das Buch. Ei Teufel — Das, 
das ging wahrhaftig über den Spaß: 
da war ja Alles, schien's, gestrichen. 
Na, ich nahm Platz, die Diener schlichen 
lautlos hinaus, ich machte tief 
mein Kompliment, mein Auge lief 
die Blätter durch — aha! hier oben 
ein ganz besonders fetter Strich — 
Und salbungsvoll das Kinn gehoben, 
begann ich ernst und feierUch: 

,JEin Jeder lernt nur, was er lernen kann, 
„Vergebens daß ihr wissenschaftlich schweift; 
„Doch wer den Augenblick ergreift" — 
man horchte auf — „das ist der redite Mann. 



SCHWESTERNPAAR 21 

,JDir seid noch ziemlich wohlgebaut^', 

Fräulein Ludnde nickte zart; 

,,An Kühnheit wird's euch auch nicht fehlen. 

,,Und wenn ihr euch nur selbst vertraut", 

ich grifif mir schmachtend in den Bart, 

Fräulein Ludnde saß erstarrt, 

„'Vertraun euch auch die andern Seelen. 

„Besonders lernt die Weiber führen", 

der Pastertochter wurde schwach. 

,JEs ist ihr ewig Weh und Ach" — 

die Pate schien der Schlag zu rühren, 

„So tausendfach" — 

Frau Klooß erkannte mit Gewimmer: 

Herr Gott, das wird ja immer schlimmer • — 

„aus Einem Punkte zu kurieren. 

„Und wenn ihr halbweg ehrbar tut", 

jetzt ging ein Ächzen durch das Zimmer, 

„Versteht das Pülslein wohl zu drücken", 

die Frau Geheime schien zu sticken, 

„Habt ihr sie alle unterm HuL 

„Und faßt ihr sie mit feurig schlauen Blicken", 

schrie ich — „verdanunte Heuchlerbrut, 

„Wohl tmi die schlanke Hüfte frei, 

„Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei" 

da platzte die Bombe: ein Jammergeschrei: 
die Frau Geheime lag auf dem Rücken. 

Und krach! auf die Diele das Wasserglas 
und den Lesetisch, und heraus die Knute: 



22 DAS ENTSCHLEIERTE 

,^u hoppla, hopp, Frau Zimperschnate! 

Karline, jetzt kommt der Kontrabaß! 

jetzt will ich dir zeigen, wie man streicht!^^ 

wid knautsch, da hatt ich sie beim WickeL 

Ei, alle Wetter: dies dicke Karnickel, 

das war ja wie'ne Puppe leicht! 

Und plötzlich: Himmel, was war denn Das: 

Fräulein Ludnde sank fassungslos 

dem Herrn vom Frauenwohl in den Schooß, 

die Pate schnappte leichenblaß 

nach Luft: in meinen Fingern saß 

— die Frau Geheime bibberte nur — 
ihre ganze Jugendstilfrisur. 

Und auf der grau strupphaarigen Platte 

— mir schauderte — ein Schürf und Schinn, 
ein Schund imd Schmiericht, als klebte drin 
die ganze abgekratzte Pomade 

von zehn Jahrhunderten festgefilzt, 
so eingeschimmelt und verpüzL 

Die ganze Bande lag in Krämpfen; 
na wartet, Kanaljen, es kommt noch besser, 
ich will euch schon die Ohnmacht dämpfen! 
Und schnipp schnapp flitz: mein Taschenmesser: 
herrjee, wie wurden sie plötzlich munter! 
Frau Klooß, geborene Freün, schrie: 
„Allmächtiger Vater, er mordet sie" — 
imd holterdipolter, stuhlüber stuhlunter, 
als ob ein Satan zwischen sie fiihre, 



SCHWESTERNPAAR 23 

das ganze yerehrliche Lesekränzchen, 
germaniflche wie semitische Pfi'anzchen, 
klabotter klabatter hinaus zur Türe. 

,,So, Schatz !^^ ich nahm sie sacht beim Ränzchen, 

zum Glück hatt ich noch Handschuh an — 

,)jetzt wollen wir mal, wie zwischen Mann 

imd Weib das manchmal soll passieren, 

uns etwas näher inspizieren!^^ 

Und rietsch raatsch runter die Brüsseler Spitzen 

und Seidenfranjen und Sammethtzen, 

und schlitz — an knöpfen war nicht zu denken, 

so war die Ejracke verschnürt und yerschnallt — : 

das Taschenmesser! und — : brrr, Schnittes kalt 

und heiß mir selber in allen Gelenken, 

wie da aus Flunker und Flitter und Flatter, 

aus Fetzengeknitter und Fadengeknatter, 

aus ^Watte imd Wolle und Fischbdnzacken 

und Gummi-Busen und -Hinterbacken 

mit Winseln und Betteln imd Strampeln und Schelten 

sich diese vermickerten Eaückknochen pellten. 

Ich stand — na, wie klein Hans beim Drecke. 
Zum Henker! um diese yerschrumpelte Schrippe, 
dies Bastardklümpchen von Spinne und Schnecke, 
dies dürre, lahme Altjungfemgerippe, 
da hatte ich Narr mich so geplagt? 
Zwar: Jungfer — Das zu imtersuchen 
bei diesem yerbrutzelten Hutzelkuchen, 



24 DAS ENTSCHLEIERTE 

das hätte wohl kaum ein Arzt gewagt* 
Ich konnte mich inmier noch nicht fassen; 
blos heimhch wünscht*ich^ hätt ich ihr doch 
das Hemde wenigstens angelassen! 
Pfui Teufel, wie sie da vor mir kroch 
mit ihren FaltenschUtzen und Runzeln, 
mit ihren Zottelzitzen und Zunzeln, 
mit ihren ausgetrockneten Waden 
und eingetrockneten Hinterfladen — 
fast entsank die Geißel meinen Armen, 
mein Ekel stieg bis zum Erbarmen. 

Lern aber einer die Weiber kennen! 

Noch eben mitten in Zappeln und Flennen: 

kaum merkte sie meine Männerschwäche, 

idb merkt*es selber erst durch sie, 

es war die reine Telepathie: 

da grinst und äugelt mich die fi:«die 

Vettel mit ihrer geschminkten Fratze 

so von unten über die Achsel an, 

daß mir*s durch beide Nieren rann. 

Ich weiß nicht, ob die alte Katze 

mich etwa zu — beglücken dachte, 

ob sie sich über mich lustig machte, 

ob diese abgetakelte Ratze 

in ihrer kahlen Scheußlichkeit 

meinte, sie sei dadurch gefeit: 

ich fiihlte nur plötzUch eine Wiit, 

mir schien das ganze erbärmliche Blut 



SCHWESTERNPAAR 25 

unsrer yerjammerlappten Zeit 

in dieser Hexe zasammengebreit, 

und — „So! nu zappel, verwünschte Pute^ 

jetzt bin ich mit meiner Geduld zu Rand^\ 

hoHch zum Hieb aus mit der Knute, 

da legt sich sanft um meine Hand 

und rührt mich bis ins weheste Mark 
wie junge Liebe so still und stark 
und warm, um meinen Hals gebogen, 
ein Arm. Und mild, voll Stolz und Huld, 
tönt eines Atems leises Wogen: 
„Laß ab! sie büßt mit ihrer Schuld.^^ 

Und wie sich nun mein Nacken wendet, 

von Schauem mächtig überwallt, 

da steh ich scheu und fast geblendet 

vor einer schimmernden Gestalt. 

Im bleichen Kreis der Glühlichtglocken 

ist ihre Nacktheit heller Tag, 

es spielt ein Schein um Stirn und Locken 

wie Blütenschmelz im Frühlingshag. 

Zur Hüfte nieder um die Brüste 

fließt mantelschwer ihr offiies Haar 

und wogt und flimmert dämmerklar, 

als ob ein Morgenwind es küßte. 

Weiß leuchtet aus der sdilanken Rechten, 

Zinn Gruß geneigt und zum Gebot, 

ein Lolienstab, den dunkelrot 

zwei volle Rosen hoch umflechten; 



86 DAS ENTSCHLEIERTE 

so steht sie wehrend, wundersam 
beglänzL Und ich — mich überkam 
ein Ahnen wie Erinnerung, 
ein Sehnen, neu und kinderjung: 
ich hatte sie nie noch nirgendwo 
gesehn, und wie mir dennoch so 
ihr £reudig Auge, seelenweit, 
und ihres Mundes Zärtlichkeit 
jedwedes Faserdhen tief innen 
zu lauter Andacht ließ gerinnen: 
ach, war*s denn nidht, als sähe wieder 
meine liebe Mutter zu mir nieder? 

Und wie nun fix>mm und ganz befangen 
mein Blick an ihr zu Boden wollte 
und dodh in bangem Hinverlangen, 
da doch ihr Haar an Ohr und W^mg^i 
und Brüsten schmeichelnd sie umroUte, 
mein Herz nach ihrer Schönheit schrie, 
als müßtest Du mir. Du, mit weiten 
Armen aus ihr entgegenschreiten, 
du Eine, Einzige, die mir nie 
ein Wort noch "Winkdhen yorenthalten, 
nicht Seel noch Leibs geheimste Falten, 
seit endlich dein an mein Herz schlug — 
Und wie*s so inuner inniger drängte 
und wie mich süß und süßer träikte 
der dunklen Rosen Wbhigeruch: 
es riß mich nieder ihr zu Füßen 



SCHWESTERNPAAR 27 

und machte meine Arme breit: 
,,wer bist du, Weib, in deiner süßen, 
in deiner milden, herben, süßen, 
unsagbar süßen Herrlichkeit?^^ 

Und aus der Rechten sacht zur Linken 

läßt sie das Blumenszepter sinken, 

dann spricht sie, über mich geneigt, 

ninunt mir die Geißel aus der Hand nun, 

ninunt eines Teppichs bimten Rand nun, 

indem sie ihn der Andern reicht, 

und winkt ihr mit der Lilie: „Geh! 

bedecke dich! es tut mir weh, 

in deiner Blöße dich zu sehn.^^ 

Und wieder über mich geneigt nun, 

indeß die Andre scheu entweicht nun, 

tönt ihres Atems leises Wehn: 

„Was war's doch, was in liebsten Lüsten, 

wenn Lippen sidh und Seelen küßten, 

den trunknen Blick dir ganz benahm, 

was dich im reinsten Rausch der Wonnen, 

tief in ein Andres einyersponnen, 

wie willige Blindheit überkam? 

Dann warst du Mein! ich bin die Scham. 

„Mußt dich aber nicht gleich, mein Bester,^^ 

senkte sie lächelnd die Lilienblüten, 

„so um alles in Eifer wüten. 

Die da, meine mißratene Schwester,^^ 



28 DAS ENTSCHLEIERTE 

nickte sie neckisch nach der Tür hin, 
während sie mir den Scheitel zauste 
und ihre zierlichen Nüstern krauste, 
,,Die da ist schon über Gebühr hin 
durch die eigene Ohnmacht gestraft: 
fehlt ihr zur rechten Freude die Elraft« 
Hat ja viele Seelen zu Sklaven, 
alle die Biedern, alle die Braven 
vom werten Orden der Gleißnerschaft, 
alle die zahmen, ewig alten, 
sinnelahmen Halben und Kalten, 
scheint ein gar gewaltiger Bund, 
ist aber doch nur — nun eben Schund. 
Haben die Welt nie aufgehalten; 
und alles, was sie zu Stande brachten, 
und ihrer Weisheit letzter Grund 
ist — ihr gegenseitig Verachten. 
Können sich nicht gesund betrachten, 
weil ihrem armen dünnen Blut 
jedes freie Lüftchen wehe tut, 
und machen drum aus ihrer Not 
ein Gebot. 

„Und, Lieber,'* streicht sie zart mein Haar, 
„der Heuchler meint die Lüge wahr, 
der Wahre muß ihn nur verstehn! 
Wenn Kraft und Schönheit nackend gehn, 
man würde sich nicht sehr beklagen; 
doch etwas schwerer zu vertragen 



SCHWESTERNPAAR 29 

ist Häßliches, bei Licht besehn.^^ 

Und während silbern noch im Ohr mir 
ihr fröhlich stolz Gelächter klingt, 
winkt mit den Rosen sie empor mir 
und spricht: ,,Ein schlechter Boden bringt 
aus edhter Wurzel schlechte Blüte. 
Und wer mit schwächlichem Gemüte 
sich schämt, der ist zur Scham verdorben; 
doch ist sie drum nit ausgestorben. 
Wer Löwe ist, der gönnt der Katze 
den Mäusefang in seiner Welt; 
sie will auch leben. Jede Fratze 
zeugt für den Gott, den sie entstellt." 

So beugt sie sich mit gnädigem Kusse 
in heller Anmut zu mir hin, 
und ich, ich fühle ihrem Gruße 
mein ganz Gefühl entgegenglühn — 
und nur noch, wie*s nüch übermannte, 
ich wieder an ihr niedersank, 
mein Mund auf ihren Brüsten brannte, 
ich ihre Lenden dann umspannte, 
ihr Haar mir um die Finger schlang, 
die Stirn geschmiegt in ihren Schooß — 
Sie aber, hold und mütterlich, 
zupft mich am Ohr: „Ich bitte dich, 
mein lieber Mensch! was willst? laß los! 
ermuntre dich: du — träumst ja blos." 



RHAPSODIE 



RHAPSODIE 33 



DIE VERWANDLUNGEN DER VENUS 

Nachtwache eines Sehers der Liebe 



Niemals sah ich die Nacht beglänzter! 
Diamantisch reizen die Femen. 
Durch mein staubiges Kellerfenster 
schielt der Schein der Gaslatemen, 

schielt auf meine frierenden Hände, 
und mich quälen Wollustbilder. 
Grau sind diese nackten Wände; 
doch sie flinunem* Und mein wilder 

irrender Wille kann sich nicht mehr täuschen: 
unsre Lüste wollen fruchtbar sein. 
Mit den Schatten meiner keuschen 
Kammer spielt ein schwüler Schein: 

an den hohen Häusern drüben glühen 
aus der Finsternis die Fenster, 
wo die Freudenmädchen blühen — 
niemals sah ich die Nacht beglänzter! 



IV 



^ 



34 DIE VERWANDLUNGEN 

Und die Sterne sind wie brennende Blicke; 
^Welten sehnen sidb nach mir! 
Ich verschmachte. Ich ersticke. 
Ja: ich frevelte an ihr — 

ihr, der ich entrinnen wollte 
und mich wie ein Mönch verkroch, 
der dem Licht der Sinne grollte, 
aber es entzückt ihn doch! 

Selbst in meiner kalten Zelle 
fohle ich das Leben toben, 
der ich wagte, dieses schnelle 
Herz zu dämpfen. Aber oben 

über meinem dunklen Tale, 
Venus, seh ich angebrannt 
Deine flammenden Fanale. 
Und den Blick hinaufgewandt 

ruf ich aus dem tiefen Turme 
meiner Ängste zu dir hoch: 
Göttin, wandle dich zum Wurme, 
sei im Wurme Göttin noch! 

Sausend schaukelt eine Not mein Herz 
wie in erster süßer Knabenfrühe; 



DER VENUS 36 



ich yerschmachte! ich yerglühe! 
jeder Stern ist mir ein Schmerz! 

Ihre Strahlen sind wie stechende Ruten 
marternd, wenn du mich nicht kühlst, 
wenn nicht Du mit deinem gnädigen Blute 
meine dürstende Inbrunst stillst! 

Sieh, da lichtet sich ein neues Fenster, 
zuckt ein steiler Kerzenstreifen — 
niemals sah ich die Nacht beglänzter! 
Ja, entzünde dich dem Reifen, 

Ewige, lächle! Deine Kerzen bleiben; 
alle andern sind verblichen. 
Hinter jenen schwarzen Scheiben 
schlafen alle Ordentlidben — 

schlafen, wie sie immer schliefen, 
wenn die Gottheit Ordnung schuf, 
während mir aus magischen Tiefen 
auftaucht mit melodischem Ruf 

Venus Anadyomene. 

Das ist die alte Stimme wieder, 
aus langen Träumen jung erwacht« 
Sie sang die allerersten Lieder, 



5* 



36 DIE VERWANDLUNGEN 

trunken und schüchtern. Sie singt und lacht: 

Über dem grünen Roggenmeere 
wiegte die Glut zwei Pfauenaugen. 
Blühend roch die brütende Leere. 
Tief im grünen Roggenmeere 
lag ein Knabe mit blauen Augen. 

Das war, als du noch Fehle hattest, 
noch alte Furcht imd fremde Scham, 
als du noch keine Seele hattest, 
die nur aus Deinem Blut dir kam. 

Aber du sahst die Falter leuchten, 
mit flackernden Flügeln bunt sich greifen; 
träumte dir von zwei dunkelfeuchten 
Augen, und die sahst du leuchten 
imter bunten, flatternden Schleifen. 

Das war die Zeit des Schaums der Säfte, 
die Ähren stäubten gelben Seim; 
yieltausendjährige Sehnsuchtskräfle 
erregten schwellend einen Keim. 

Ahntest unterm andern Kleide 
andre nackte Glieder klopfen. 
Deine Hände flackerten beide. 
In die einsam heiße Haide 



DER VENUS 37 



quoll ein erster Samentropfen. 

Das tat die Sehnsucht dieser Erde, 

die opfernd um die Sonne schweift. 

Sie sprach das allererste "Werde* 

Auf! Die Sprache der Mannheit reift. 



Habe Dank, du dunkle Geisterstimme! 
Ja, du hilfst mir meine Not begreifen. 
Auf! ich fuhl's, wie trüb ich glimme; 
laß uns nach Erleuchtung schweifen! 

Mühsam yon Enttäuschung zu Enttäuschung 

hab ich mich hierher gewunden, 

um in eisiger Verkeuschung 

starr zum Gleichmut zu gesunden. 

O! noch Einmal war mir aufgegangen 
zweier Augen lockende Hofihungsmacht: 



38 DIE VERWANDLUNGEN 

eines Sommerglückes Prangen 
mitten in der Wintemacht« 

Als mein Herz am allerinnigsten bebte 
— Wundertäterin, hofiFst du noch? — 
schloß ich*s ein in dies yerspinnewebte 
kahle Vorstadtkellerloch. 

Wie's mich anhöhnt! Hinter mir, ihr Geister, 
schnarcht die Mitwelt meiner Zelle: 
mein schwerhöriger Schustermeister, 
und sein närrischer Altgeselle. 

Wochendurch hat dieser ledige 
Fleischfeind christlich mich zerrauft, 
Schmachtriemsweisheit mir gepredigt; 
Tolstoi hab ich ihn getauft. 

Nacht für Nacht versucht von Träumen 
dehn*ich mich auf meinem harten Lager, 
inuner zuchtloser midb bäumend, 
immer gieriger, inuner magrer. 

"Wie mich hungert! Wie die roten 
Freudenfenster drüben blinken: 
Blut, von dem die scheinbar toten 
Geister meines Innern trinken. 



DER VENUS 39 



Trinkt! Beleuchtet mir die Pfade, 
die wir trunken einst geirrt, 
daß nur endlich, endlich doch die Gnade 
glutgieläuterter Erkenntnis wird! 

Steig empor, du übersehr verschönte 
Jünglingslust mit deiner tippigen Zierde! 
Ja, ich hör mich, wie ich nach dir stöhnte, 
ferne Göttin meiner ersten Begierde, 

Venus Primitiva! 



O daß der Kuß doch ewig dauern möchte 
— starr stand, wie Binsen starr, der Schwärm der Gäste - 
der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte, 
tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte! 

Nein, länger duld*ich nicht dies blöde Sehnen, 

ich will nicht länger in yerzticktem Harme 

die liebekranken Glieder Nächtens dehnen; 

o komm, du Weib! — Weib! betteln meine Arme. 

O konmi! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn, 
vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide; 
noch wogt um mich, du Flammenkönigin, 
und glüht im Aschenflor die Kupferseide. 



40 DIE VERWANDLUNGEN 

Gieß aas in mich die Schale deiner Glut! 

Befrei mich von der Sünde: yon dem Grauen 

vor dieses Feuerregens wilder Brut, 

von diesen "Wehn, die wühlend in mir brauen! ^ 

Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß, 

die lange schmachtend lag in spröder Hülle; 

ich will mich lauter blühn, lauter und los \ 

aus dieser Brünstigkeit zu Frucht und Fülle! i< 

Oh komm! satt bin ich meiner E^abenlust. \ 

Komm, komm, du Weib! Nimm auf in Deine Schale { 

die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust! , 

Noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale. j 

Auf Nelkendüflen kommt die Nacht gezogen; ^ 

o kämst auch Du so süß und so verstohlen, 
so mondesweiß! O sieh: auf Sammetwogen, 
auf Purpurflaum, auf schwärzeste Violen 

will ich dich betten — oh — dich an mich betten, 
daß alle meine Mächte an des Weibes 
blendenden Göttlichkeiten sich entketten, 
hinschwellend in den Teppich deines Leibes. 



DER VENUS 41 



Wunderlich, wie dies Erinnern 
plötzlich mein Erschauem kühlt 
Ach! der Glutpokal war zinnern 
und zerschmolz mir, kaum gefiillt 

Dämpfe, die den Himmel schänden, 
seh ich aus den Schlacken kriechen, 
widerlich wie diese Wände, 
die nach Pech und Moder riechen. 

Aus den hohen Häusern drüben dringen 
durch die Schattenmassen Gespenster, 
die den Glanz der Nacht verschlingen; • 
schon verdunkelt sich ein Fenster. 

Kommt! ich will die Stirn euch bieten. 
Schatten meiner verpraßten Stunden, 
der ich Tausenden gleich an dir gelitten, 
Weib mit deinen Lasterwunden, 

bis ich aufluhr voll Entsetzen 

vor dem Gift, das ich genossen, 

aus dem Duilbann deiner seidnen Fetzen, 

Weib der Gassen und der Gossen, 

Venus Pandemos. 

Das war das letzte MaL Im Nachtcafö 



42 DIE VERWANDLUNGEN 

der Vorstadt saß ich, müde yom Gerach 
der schwülen Sofapolster und des Punsches, 
der vor mir glühte, und vom Frauendunst 
der feuchten Wmterkleider; müde, lüstern. 

Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter 
und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen 
und Derer, die drum warben. Das Gerassel 
der Alfenidelöffel am Büffet 
ermunterte den Lärm des Liebesmarktes, 
ununterbrochen, wie ein Tamburin« 

Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend, 

und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters, 

der drüber hing, sich mühsam mit den Farben 

auf den Gesichtern um die Marmortische 

in seiner gelben Sprache unterhielt; 

wozu der schwarze Marmor blank auflachte. 

Ich war schon bei der Wahl — da teilte sich 

die rote Türgardine neben mir: 

ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug 

schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte; 

die Beiden schritten ruhig durch den Schwärm. 

Mir grade gegenüber, quer am Ende 

des Ganges, als beherrschten sie den Saal, 

nahmen sie Platz. Der bronzene Elronleuchter 

hing über ihnen wie ein schwerer alter 



DER VENUS 43 



ThronhimmeL Keiner schien das Paar zu kennen« 
Doch hört*ich rechts von mir ein heisres Stimmchen: 
,^ejejent muß ik die woll schon wo sein.^^ 

Er saß ganz stilL Das laute Grau der Luft 
schrak fast zurück vor seiner krassen Stime, 
die wachsbleich an die schwachen Haare stieß. 
Die großen blassen Augenlider waren 
tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag 
ihr Schatten um die eingeknickte Nase; 
der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen. 
Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin 
ihm kichernd einen Satz zuzischelte, 
sah man sein eines schwarzes Auge halb 
und drehte sich sein langer dünner Hals, 
langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch, 
wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt. 

Es wurde inmier stiller durch den Raum; 

sie blickten Alle auf den stummen Mann 

und auf das sonderbar geduckte Weib. 

„Sie ist ganz jung** — war um mich her ein Flüstern; 

auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind. 

Doch schien sie nur fast alt, so oft die Zunge 

durch eine Lücke ihrer trüben Zähne 

spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während 

ihr grauer Blick den Saal belauerte; 

das Gaslicht gleißte drin wie giftiges Grün. 



44 DIE VERWANDLUNGEN 

Jetset stand sie auf. Sein Glas war unberührt; 

ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor. 

Sie ging; er folgte automatisch nach. 

Die rote Türgardine tat sich zu, 

der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze, 

doch fluchte Keiner; und mir schauderte. 

Ich blieb fiir mich — ich kannte sie auf einmal: 
es war die Wollustseuche und der Tod. 



Weicht, ihr Schatten! — Wie sie zucken, 
wie die Fensterhöhlen dröhn! 
Ja, ihr mögt manch Opfer schlucken; 
aber ich, ich sprech euch Hohn! 

Die Laternen flackern greller, 
jäh erlosch das letzte Fenster; 
jeder Stern erscheint noch heller — 
niemals sah ich die Nacht beglänzter! 



DER VENUS 45 



Ich! Denn ach — : ich kannte Einen, 
der sah nie zu gleicher Zeit 
Sterne, Fenster und Laternen scheinen — 
dieser Ärmste tut mir leid. 

Beim Geschmetter einer Blechkapelle 
kann er keine Nachtigall hören, 
ohne daß sich auf der Stelle 
seine zarten Ohren empören. 

Ich indessen — o Mirakel — 
höre das Lied der Nachtigallen 
durch den ärgsten Höllenspektakel 
nur noch himmlischer erschallen. 

Ich Barbar! ich brauch mir meine 
Nerven nicht zu vergesundem; 
ich kann beim Latemenscheine 
manchen Stern erst recht bewundem. 

Mir wehrt keine Kunstscheuklappe 
meinen freien Blick durchs Fenster, 
weder Holz noch Blech noch Pappe — 
niemals sah ich die Nacht begl'anzter! 

Leucht auch Du mit deinem reinsten 
Licht, du Spürkraft meiner Seele, 



46 DIE VERWANDLUNGEN 

die mitfühlend im gemeinsten 
Wicht noch scheut die eignen Fehle! 

Denn ich weiß, wie Du mich Einsamen 
einst zum edelsten Trotz anschürtest, 
als ich dich, du Allgemeinsame, 
selbst im schmutzigsten Elend spürte, 

Venus Socia. 

Da gab*s Branntwein und Bier, 

im Spelunkenrevier, 

und ein Lied scholl rührend durch die Tür; 

und das sangen und spielten die traurigen Vier, 

ein "Vater mit seinen drei Töchtern, 

Er stand am Ofen, die Geige am Kinn, 

schief neben ihm hockte die Harfherin, 

und die Jüngste knlxte und schloß ihr Lied, 

die Geige machte ti-fiieti-fiiet: 

„War Eine, die nur Einen lieben kunnt" 

Die Dritte ging stumm 

mit dem Teller herum, 

ums polternde Biljard, blaß und krumm; 

und nun drehte der Alte die Fidel um 

und klappte darauf mit dem Bogen. 

Und auf einmal schwieg der Keller ganz. 



DER VENUS 47 



die Jüngste hob die Röcke zum Tanz; 
die Harfe machte ti-plinki-plunk, 
und die Jüngste war so kinderjung 
und sang zum Tanz ein wüstes Hurenlied. 

Sie sang*s mit Glut, 

das zarte Blut; 

und der schwarze zerknitterte Roßhaarhut 

stand zu der plumpen Harfe gut, 

mit den weißen papiemen Rosen. 

Laut schrillten die Saiten tiflieti-plunk, 

und Alle beklatschten den letzten Sprung, 

und vor mir stand die Tellermarie. 

„Spielt mir noch einmal^S ^t ich sie, 

„War Eine, die nur Einen lieben kunnt"! — 



All mein dumpfes Glückyerlangen 
schien dies eine Wort zu klären; 
meine guten Geister sprangen 
auf, als sei^s Musik der Sphären. 



48 DIE VERWANDLUNGEN 

Am Altar der Seele traten 

sie zusammen^ flugbereit: 

Zartflinn^ Ehrfiircht, Großmut, Lust zu Taten, 

Sehnsucht nach Unsterblichkeit. 

Aber während sie die Herrin feiern, 
übermannt mein sterbliches Herz ein Schaudern: 
wird sich je mein Glück entschleiern? 
Und ich seh mich vor dir zaudern, 

Venus Excelsior: 

Ich träume oft von einer bleichen Rose. 
Hell ragt ein Berg; sie blüht in seinem Schatten, 
zum fernen Lacht aufschmachtend mit dem matten 
Traumblumenblick aus ihrem dunklen Loose. 

Dann bangt sie mich; tief stockt mein Schritt im Moose. 
Doch weiter muß ich, muß das Ziel erreichen, 
den Gipfel mit den immergrünen Eichen; 
so steh ich schwankend zwischen Berg und Rose. 

Denn wie sich auch mein Fuß bemüht zu kämpfen, 
ich kann die süße Sehnsucht nicht mehr dämpfen, 
aus ihrem Kelch den edlen Duft zu schlürfen. 

Da — : Flügel — : frei! — und an der Brust die Blume! 
Schon naht der Hain mit seinem Heihgtume, 



DER VENUS 49 



wo auch die Rosen immergrünen dürfen. 



Aller Wimder wundersamstes, 
wie ergründ*ich dich, du Macht, 
die du uns den Lichtweg bahntest, 
Seelenwelt, gehüllt in Nacht! 

Du, o Du, weldi Flehn, welch Stammeln 
doppelter Bewältigung: 
Seel in Seele stürzt zusammen, 
Dämmerung in Dämmerung. 

Seele, Seele, wie entbrannten 
angstvoll dein und mein Gesicht, 
bis wir ahnten und erkannten: 
aus der Dämmerwelt wird Licht! 

Fremde Seele, mir erzitternde, 
mir aus all der Seelen Schaar, 
Welt, die meine Welt erschütterte, 
mich verwandelnd ganz und gar. 



IV 



50 DIE VERWANDLUNGEN 

bis aus unserm bangen Bunde 
auch das letzte Staunen wich — 
ja, noch lebst du mir im Grunde, 
lauschend, wie dein Blutgeist mich 

aus dem Körperbann der Erde 
los und in ein Lichtreich rang, 
wo wir stammelten: es werde! 
wo auch mein Blut in dich drang, 

Venus Creatrix. 

O meine bleiche Braut! du blasse Wolke 

im Arm des Sturms! du bebend Haupt, 

an meine Brust geneigt aus deinen Schleiern: 

erbleichst, erbebst du mir? 

O nun erglühst du, heimhch Willige du, 

nun öffiiest du die herzverklärten Augen, 

nun ringt sich von den Lippen dir mein Name, 

und inniger küss ich dich — wir sind allein. 

Allein. O konun, das Licht der Ampel 

wirft Schatten; komm! heut soll kein Schatten sein, 

heut sollen alle, alle Lichter leuchten, 

in einer See von Licht sollst du mir schwimmen, 

du weiße Möwe meine! Flüchte nicht: 

sieh, selbst dem keuschen Himmel noch verwehr ich 

zu lauschen — horch: der Vorhang rauscht, o komm! 

und jeden Spalt verschließ ich faltenschwer. 



DER VENUS 51 



daß nicht die Nacht, die silbem blauende, 
erröte, muß sie deine Schönheit dulden, 
daß nicht der Sterne reine Glut 
sich neidisch trübe, sehn sie Deine Reinheit. 

Tu ab die Myrtenkrone, den Gürtel, komm, 
du bist allein! Die jungen Rosen nur, 
schlaftrunken über unser Bett gebeugt, 
spinnen duftbange Träume 
Ton purpurner Entfaltung scheuer Knospen; 
die Rosen nur — und ich. 

Und wie in Träumen, wie auf Düften leicht, 

von Licht zu Licht mit leuchtenden Händen gleit'ich 

und winke — und du kommst 

Da sinken und schwinden 

hell von uns weg die irdischen Hüllen alle: 

aus seidnen Wogen steigst du her zu mir, 

und Brust an Brust gedrängt Ton blendenden Schauern, 

von goldnen Dunkelheiten weit umwölkt, 

wiegen uns femhintastende Schwingen 

Schooß an Schooß hinüber 

in die Gärten der Ewigkeit 

Flammen der Sehnsucht wachsen da, 
glühende Bäche voller Erfüllung treiben 
da in Eins die einsam pulsenden Seelen, 
Puls in Puls in Glanz ergossen verbluten 
heimwehwild die zuckenden Wunsche, 



52 DIE VERWANDLUNGEN 

hoch auf strudelt todesselig der Wille, 

dürstend umsaust ihn der Odem der Allmacht, 

und den weltdurchfurchenden Fittig senkt die Inbrunst, 

auszuruhn Tom Fluge am Herzen Gottes: 

still in matter Hand 

beut sie die funkelnden Tropfen 

seinem befruchtenden Anhauch dar: ich fühle 

— fühlst du? Geliebte — die Quellen des Lebens rinnen! 

Mund an Mund Ihm: trinke! Trunken 

stamml*ich nach 

das Schöpferwort 



O Geheimnis der Empfängnis: 

einen Schleier wollt ich lüflen, 

und Verhängnis hangend um Verhängnis 

schwillt aus Auferstehungsgrüflen. 

Wie erfass ich euch, Gewalten: 
Welt, die schicksalvoUe Nebel ballt, 
bis sich Hirngespinste draus entfalten, 
Mummenschanz der Allgewalt! 

Helft mir, Sterne! Hüter ihr des Zwanges, 



DER VENUS 53 



den ich einst als Freiheit pries, 
feurige Führer meines Überschwanges, 
ja, ihr schürt das Paradies 

himmelstürmenden Schöpferwahns mir wieder, 
und mein Haupt wie damals reckend 
— Blitze stürzten um mich nieder — 
fühl ich, wie ich mich am Schrecken 

meiner glutgeblendeten Braut berauschte 
und mich selbst als Gott besang, 
der mit keinem andern tauschte, 
weil ihn Deine Glut bezwang, 

Venus Ueiania. 

Psalm an den alten Gott. 

Der du in Gewittern hausest, 

konmast du. Grollender? 

Tief von imten, 

über Berge und Wolken her: 

suchst du Mich, im dunkeln Mantel Du, 

schwarzgekrönter Wetterherr, 

mit der bleiernen Süme? 

Höher doch! näher! herauf zu mir, 

mir und meiner Sonne, 

die ich aus Abgrundnacht an meinen 



64 DIE VERWANDLUNGEN 

Himmel setzte mit kettendem Blick» 
die mich erleuchtet, von mir durchglüht, 
aufgegangen in Eine große 
einige einzige Strahlenwelt! 

Ja, du suchst uns, 
willst uns segnen, 

Du mit deiner Donnerglockenstimme, 
willst empor zu uns er m 
Strahlenherd, Strahlender du! 
Sehnst dich, hell in unser helles 
lichtfrohlockendes Glück zu bUcken, 
du auch ein Lichtsproß, 
Ludfer, Lichtschleudrer, 
weltbelebender Erschüttrer — konmi! 

Denn wir kennen dich: 

du bist mein Bruder! 

Komm und sieh: hell 

schaun auch Wir dir 

durch die nachtgraue Maske 

in dein glühend blutendes Herz, das gute: 

Du wirfst Kraft, 

Liebe aufs schmachtende Feld herab, 

wenn du mit wuchtender Faust 

krachend zersprengst 

die dumpf drückende Dunstlast. 

Tobe nur, Kommender! nimm. 



DER VENUS 65 



hebe die splitternde Axt! 

Hebe die düstem, schönen, 

schattenumhangenen Lider! 

Grüßt mich, sprüht, ihr jähen, 

Ewigkeit aufschließenden Blicke: 

ja! ich will mich satt sehn, satt 

an dieser ftmkelnden Unendlichkeit. 

Auf, ihr stürmischen Lippen auch: 

aus eurem rollenden Lobgesang dröhnt mir 

das machtvolle Wort vom Samen der Sehnsucht, 

vom Keim der Kampfe, der Atem der Lust! 

Sonne, meine Sonne, 

sieh: er hört uns! 

Weh: Er: stählerne 

Ströme sein Blick! 

Über dir — rette dich — 

Sonne, wo bist du — 

hilf — o Sonne — 

lieg*ich umklanunert, 

liege von blendenden, 

wilden, sausenden Wonnen durchbohrt. 

Sonne, mein zitterndes Licht: 
lache! — nur den Baum, 
sieh, den Felsen nur 
traf sein zischendes Beil. 
Hörst du ihn jauchzen? 
über der klaffenden Buche, 



56 DIE VERWANDLUNGEN 

über den talab polternden Trümmern, 

ün flatternden Bart ihn 

jauchzen sem schmetterndes Lied: 

Wecke den Tod, 

Echo! es loht 

von Stamm zu Stamm der Strahl der Kraft; 

Einer stürzt, der tausend drückte. 

Stürzt der Ragende, wachsen die Ringenden; 

tausend wachsen, Einer ragt. 

Tod zeugt Leben — stammelt die Menschheit unten; 

hochher schweigt dazu die Ewigkeit 

Auf, mein knieendes Glück! 

Grolle nur, Donner! Blitz, 

greUer noch! triflF, zerbrich, 

was furchtsam zitternde Kronen trägt! 

Uns segnest du, 

uns prüftest du, 

Blut von Deinem Blut, mit heißen 

Fingern in deiner Flammentaufe. 

Wir, mein Zitterndes, auf! 

wir sind fromm und heilig: 

mit gefeitem Diademe krönte 

uns die Liebe, 

imsre lichtfrohlockende Liebe, 

zitternd von Andacht und Inbrunst! Und — 

ja — und triflft auch Uns er, 

will ein Bruderopfer Seine Liebe: 



DER VENUS 57 



nimm mis, Ludfer! herrlich 
stürzen wir hin ins Licht auf, 
yermählt verglühend in deiner reinen, 
in unsrer eignen reinen Glut, 

Nein, wir furchten dich nicht, 

rasend liebender Bruder! 

Wir sind Welt wie Du, 

Ludfer, Lichtbringer: 

Ich und meine Sonne, 

die wir Eins mit allem Licht der Welt sind, 

wir lieben Alles, 

alle Welt muß Uns lieben! 



Aber dann ward trunkne Stille; 
war*s die Stille der Ermattung? 
Taumelnd stand mein junger Wille 
vor dem Zwiespalt der Begattung. 

Sollte nicht ein Sturm von Wonne 
aufsprühn, der zwei Welten einigte? 
Warum zagte meine Sonne 



58 DIE VERWANDLUNGEN 

vor dem Glutwind, der mich reinigte? 

Stmnm yenmnmt das längst entwichene 
Himmelreich mein wehes Fragen. 
O verzeih mir, du Verblichene! 
heut versteh ich dein Verzagen. 

Griechin soUtest du mir werden, 
Jüdin bliebst du allerwärts; 
ach, mit Übermenschgeberden 
griff ich in dein menschlich Herz, 

Venus Religio. 

Karfireitagsruhe. FüMst du*s auch: 
dies bange Grün, und diesen Hauch, 
der drüber träumt? 

Und fühlst du's, wie der Fliederstrauch 
von Knospen perlt und überschäumt? 

Und sehnen deine Brüste sich 
dem Auferstehungsmorgen zu, 
wie*s Magdalenen innerlich 
nicht ließ in Ruh, 
bis sie zum offiien Grabe schlich? 

Denn übermorgen graut der Tag 

ins Frühlingsfeld, 

da unterwarf sich Der die Welt, 



DER VENUS 69 



den einst dein Volk dafür gequält, 
daß eine Sehnsucht in ihm lag. 

Viel Glocken läuten zu mir her, 

wie Grufthauch schwer, wie Luflhauch leer; 

wem läuten sie? 

Das waren Deine Glocken nie 

und sind nicht Meine Glocken mehr. 

Im Flieder hängt ein altes Laub; 

du willst mm mein sein ganz und gar. 

Noch liegt der Hain voll Moderstaub; 

ist dir auch klar, 

daß mir dein Gott nie heilig war?! 

An seinem Grabe dürstet mich 
nach einer neuen Menschheit, Du! 
Fühlst du*s wie ich? 
Sag: sehnen deine Brüste sich 
dieser Auferstehung zu? — 



Ja, so spielt'ich schier Gottvater, 



60 DIE VERWANDLUNGEN 

schwebend ob der Flucht der Zeiten. 
Barg mein Allgeist nicht das Riesentheater 
künftiger Menschenmöglichkeiten? 

Mit aufbrausendem Gefieder 
packt mich wie ein flammenbekränzter 
Phönix dieser Glaube wieder — 
niemals sah ich die Nacht beglänzter! 

Barg des 'Weibes Schooß nicht Schicksalsspiele, 
mehr als alle Himmelsräume? 
Herrisch rief ich sie zum Schöpferziele, 
die ErfuUerin meiner Träume, 

Venus Madonna. 

Aus Mannesadel wächst des Weibes Tugend: 
Götter vermag sein Geist ihr zu gebären. 
Des Griechen Schönheitswille sah die Sphären 
beherrscht von Aphroditens Reiz und Jugend; 

dem Christen aber ward die Reinheit Wesen, 
selbst noch die Mutter will er sich verklären 
und beugt sich vor Marias Hochaltären, 
die keusch des Sohns, des keuscheren, genesen. 

Nun kommt die Zeit, daß Männer freier denken 
und ihren eignen Stamm von Gottessöhnen 
hell mit dem HuldbUd ihrer Freiheit krönen, 



DER VENUS 61 



bis Alle Allen die Erleuchtung schenken, 
die Wir uns schenkten, Sonne meiner \\^nne, 
du keusche Venus, reizende Madonne! 



Doch da saß mit seligem Händefalten, 
saß mit einem Lächeln stillen Wehi;pns, 
wie beficemdet yon den Traumgestalten 
meines übersinnlichen Begehrens, 

saß als Eine, die Gott siegen sieht, 
wie er siegte schon zu Eyas Zeit, 
saß und sang ein fronmies Wiegenlied, 
ganz erfüUt vom Glück der Wirklichkeit, 

Venus Mater: 

Träume, träume, du mein süßes Lieben, 
von dem Himmel, der die Blumen bringt; 
Blüten schinunem da, die beben 
von dem Lied, das deine Mutter singt 

Träume, träume, Knospe meiner Sorgen, 
von dem Tage, da die Blume sproß; 



62 DIE VERWANDLUNGEN 

von dem hellen Blütenmorgen, 

da dein Seelchen sich der Welt erschloß. 

Träume, trämne, Blüte meiner Liebe, 
von der stillen, von der heiligen Nacht, 
da die Blmne Seiner Liebe 
diese Welt zum Himmel mir gemacht 



Und gleich ihr in Demut hingegeben 
soUt ich stolz mich Vater nennen. 
Vor mir lag dies Klümpchen Leben, 
kaum als Menschlein zu erkennen: 

eine Laune meiner Lenden — 
Daran sollt ich Gottgeist mich ergetzen? 
Damit sollt ich Weltumwälzender enden? 
Ich erkannte mit Entsetzen 

Venus Mamma. 

Aber nicht wieder! Nein, nie wieder! 
Ja, du wolltest mich beglücken: 



DER VENUS 63 



wie sie an dein Fleisch sich drücken, 
diese hilflos kleinen Glieder. 
Aber mir diese Lust beschauen, 
ist mir ein Grauen. 

Zu tief sah ich unsrer zahmen Katze 
in die mütterlichen Augen, 
sah die täppischen Jungen saugen 
unter der steifgezückten Tatze; 
und der zarten blinden Brut 
schmeckte das alte Raubtier gut. 

Decke die Brust zu, wenn die Lippen 

deines Sohnes dich berühren! 

laß ihn andere Wonnen spüren 

als den Blick der Ahnen und der Sippen! 

Nein, ich wollte dich nicht betrüben; 

nur — nur anders laß uns lieben! 

Bebt*ich doch selber, als ich ihn küßte, 

und ich will die Wonnen der Ammen 

nicht yerdammen; 

dunkel ist der Zweck der Lüste. 

Aber die Mütter — nein, schweigen wir! 

wehe, der Mensch ist ein Säugetier. 



64 DIE VERWANDLUNGEN 

Einsamer als je begann ich 
meine Seele zu belauern. 
Wozu sehnte, wozu sann ich? 
Nur um unsem A^Uustschauem 

heilige Masken vorzustecken? 
War dann nicht im Hochzeitskleide 
das Getier der Frühlingshecken 
gottbegnadeter als wir beide? 

Welch ein Jubel der Erhörung, 
dies Geschwirr, Gegirr, Geraune! 
Mit Bestürzung, mit Empörung 
lernt ich Deine Macht anstaunen, 

Venus Natura. 

Durch einen menschenleeren Garten irrend 
geriet ich an ein Pfauenpaar; der Pfau 
stand mit gespreiztem Rad yor seiner Frau, 
die Flügel tief gesträubt, von Lichtem flirrend. 

So stand er kreisend, sich die Henne kirrend, 
und bannte sie zu feierlicher Schau; 
starr federte das goldne Grün und Blau 
des steilen Schweifes, yor Erregung klirrend. 

Jetzt überfällt er sie, und seine Zier 

peitscht wild die Luft, die heiße; funkelnd spaltet 



DER VENUS 65 



der Radsaum seine Speichen, daß sich mir 
der Grartenkreis zum Paradies gestaltet — 

O Mensch, wie herrlich ist das Tier, 
wenn es sich ganz als Tier entfaltet! — 



Denn der Mensch: der eignen Notdurft Spötter, 
ja, so war seit je ein Halbgott er. 
Schob er seinen Ursprung drum auf Götter: 
Mensch noch nicht, und Tier nicht mehr?! 

Wo idb hinsah, äfiEten sich Begierden, 
die sich ihrer nackten Herkunft sch'amten, 
Brünste, die mit schlangenhäutigen Zierden 
ihre tückische Unyemunft yerbrämten. 

Eine ungeheure Tollsuchtwildnis 
dünkte mir der ganze Schöpfungsplan, 
mittendrin der Menschheit tönern Bildnis 
mit dem Stempel: reif zum Größenwahn. 

O vermöchte jene Zeit der Schrecken 
IV 



66 DIE VERWANDLUNGEN 

meinen Dünkel immerfort zu dämpfen! 
Wieviel Ekel mußt idb schmecken, 
wie verbissen mit dir kämpfen, 

Venus Bestia! 

Ich und ein Freund, wir saßen einmal 
in einem menschenheißen W^einlokal; 
zwei Tisch weit neben uns saßen 
ein Herr und eine Dame, offenbar 
— den Ringen nach — ein jün^res Ehepaar, 
deren Blicke sidb manchmal vergaßen. 
Mein Freund sah weg, wir lächelten eigen, 
wir schwiegen unser bestes Schweigen. 

Der Gatte nahm grad die Speis^arte, 

den kleinen Finger gespreizt — dran saß 

ein Nagel langgefeilt und leichenblaß, 

der spitz wie eine Kralle starrte; 

der Zeigefinger war stumpf beschnitten. 

Die Frau saß weich zurückgesunken; 

aus ihren Augenhöhlenschatten glühten 

wie zwei Kohlenfunken 

Blicke hinüber auf seine Finger, 

dunkle, gleißende Blicke hin. 

Ich weiß nicht, mir kam der Raubtierzwinger, 

der Zoologische Garten in Sinn; 

ja — die Tigerin! 



DER VENUS 67 



So lag sie neulich hinter dem Gitter, 

glimmende Gier im schwarzen Blick, 

im gelben Fell ein weich Gezitter, 

imd wartete brütend auf das braune Stück 

Fleisch, das draußen der Warter brachte, 

das tote Fleisch — es roch so matt, 

nicht warm nach Blut — sie lag so satt 

Jetzt kam er; ihr purpurnes Auge lachte, 

es war doch Fleisdi! Hoch griff sie zu, 

die triefenden Kiefer kniff sie zu; 

nun lag sie drüber mit brünstigen Pranken, 

die Zunge gekrünunt, die Zähne süer, 

sie konnte nicht fressen vor röchelnder Gier, 

flackernd leckte der Schweif die Flanken, 

im Blick ein Grün yon hohlem Hasse. 

Wie dieser Tigerin klaffender Rachenschlund 

war mir das Auge der Frau da — und 

da sagte mein Freund: Du, das Weib hat Rasse! 

Jetzt hob der Gatte das Genick; 

dem saß der gelbe Wolf im BlicL 

Zittrig über sein hart glatt Kinn 

strich sein Elrallennagel hin; 

ein goldnes Münzenarmband hing 

ihm ums Handgelenk und machte kling. 

Seine breitroten Lippen glühten 

durch den magern Schnurrbart wie Domstrauchblüten, 

die Backen sdbmeckten ein Gericht; 

dann senkte sich wieder sein Gesicht 



68 DIE VERWANDLUNGEN 

Idb sah eine' lautlos stürzende Meute, 

mit keuchenden Zungen, durdi bleiche Nacht, 

steif die Ruten gesträubt, fem Schlittengeläute, 

die witternden Nüstern steil ins V^ite, 

in wütender Jagd — 

und jeder aus der schäumenden Masse 

würde, den heißen Hunger zu kühlen, 

blind auch im Fleisch des eignen Geschlechtes wühlen — 

da bemerkte mein Freund: Du, auch der Kerl hat Rasae! 

Jetzt wurden sich die Beiden schlüssig, 

sie trafen sich mit ihren Augen; 

die schienen sich ineinander zu saugen, 

fast durstig und fast überdrüssig, 

ganz langsam. Und plötzlich stand mir klar 

das große nackte Schneckenpaar 

in dem nassen Fliegenpilz vor Augen, 

das ich gestern traf im feuchten Park; 

ich sah die beiden schwarzen Schleime 

in dem weißen Reische, dem giftigen Marie 

des roten Pilzes schmausen und saugen 

wie in einem Honigseime — 

und sah dort drüben den GattenblicL 

Ich mußte: ich schob den Stuhl zurück: 

Komm! stieß ich mit dem Freunde an. 

Er wunderte sidb: Warum denn, Mann? 

Komm, sagt*]ch; bitte, tu mir die Liebe! — 

Wir gingen. Wir traten auf die Straße, 

ins Wagengerassel, ins Menschengeschiebe, 



^ER VENUS 69 



und inunerfort hörfich: Rasse! Rasse! Rasse! — 



Immer fort — selbst sie bespähend, 
die Genossin meiner A^^ahl, 
o wie lieblos ihre Huld yerschmähend 
unter meines Argwohns Qual: 

Bettle nicht yor mir mit deinen Brüsten, 

deinen Brüsten bin ich kalt! 

Tausend Jahre alt 

ist dein Blick mit seinen Lüsten. 

Sieh mich an, wie du als Braut getan: 

mit dem Blick des Grauens yor der Schlange! 

Viel zu lange 

war ich, Weib, dein Mann* 

Willst du Gift aus meinem Fruchtkern saugen? 

Unerreichbar ist er deinem Biß! 

Kaum erst keimt mein Paradies; 

such es! öffne deine Menschenaugen! — 

Und wir suchten. Aber auf dem Wege 



70 DIE VERWANDLUNGEN 

fanden wir uns seitsam aufgehalten, 
kam uns ein yerirrter Geist entgegen, 
altbekannt, doch nicht der alte: 

Amor Modernus Dobiesticüs. 

Er ritt ein dunkelgraues Eselchen, 

zwei bunte Tiere liefen vor ihm her, 

wir konnten sie yon ferne nicht erkennen. 

Wir gingen still durch eine stille Flur, 

ich und die Frau, die mir aus Liebe treu blieb, 

wir gingen langsam eine lange Straße. 

Die Pappeln zeigten sdion vergilbte Blätter, 

ein Dombusch setzte neue Blüten an, 

der Hinmiel schien auf abgemähte Wiesen 

und streute Schatten auf die bunten Tiere; 

Dorf kinder trabten um das Wunder mit 

Als nun aus ihrem Schwärm das Ohrensdiütteln 

des Eselchens allmählich mehr hervortrat, 

erkannten wir: die Tiere hatten Hörner 

und ihre Farben waren nicht Natur: 

vor einem blaugetünchten Ziegenbock 

lief eine schwarz und rot gefleckte Ziege. 

Der Reiter aber auf dem Eselchen 

war ein entzückend wilder schwarzer Krauskopf, 

und lächelte mit jungen roten Lippen, 

und seine blauen Augen rührten mich. 



DER VENUS 71 



Vor ihm und hinter ihm auf seinem Grauchen 

hing allerlei unnützer Tändelkram, 

wie Liebesleute sich zu schenken pflegen; 

und jedes Stüd^ war grell in Rot imd Blau 

und Schwarz mit einem Heiligenbild bemalt, 

ich dacht an Hölle, Hinunel und den Tod 

Der schöne Junge aber nickte hold 

und rief uns beiden zu: ,4^uA:, liebe Leute I^^ 

und hob glückselig seine Waare hodu 

Auf einmal kam das bunte Ziegenpaar 

mit kläglichem Gemecker angesprungen, 

daß sich der Kinderschwarm bei Seite druckte, 

und ich erschrak bis in die Eingeweide: 

ich sah, der schöne Junge war verkrüppelt. 

Die Beine hörten mit den Eiüeen auf, 

die linke Hand war nur ein spitzer Stumpf, 

der rechten mangelte der Zeigefinger. 

So saß er zügellos auf seinem Grauchen 

und sdiüttelte den schwarzen wilden Krauskopf 

und hob glückselig seinen Kram noch höher 

und sah uns rührend und entzückend an. 

Und während ich noch stand und schauderte, 
durch welch ein Unheil so entstellt sein mochte 
die Lieblichkeit und Leiblichkeit des Lebens, 
sagte die Frau, die mir aus Liebe treu blieb: 
„Der arme Bursche! wie er sich verstellt!'' 



72 DIE VERWANDLUNGEN 

Der schöne Krüppel aber lächelte 

und sprach: ^So wenig wie mein Eselchen! 

nur meine beiden Ziegen tun mir leid/^ 

Sie fragte: ,, Warum dann bemalst du sie? 

das muß dir doch sehr große Mühe machen; 

durch welch ein Unheil bist du so entstellt?^^ 

Da wurden seine roten Lippen traurig, 

er blickte sdieu auf seine Heiligenbilder 

und sagte leise vor sich hin: „Geschäftspflicht'' — 

die blauen Augen winkten uns Lebwohl. 

Noch lange sahn wir in der langen Straße 
zwischen den Pappeln die Dorfkinder traben, 
und sahn sein dunkelgraues Eselchen 
und ab und zu sein buntes Ziegenpaar; 
der Hinunel schien auf abgemähte Wiesen. 



,,Pflicht" — o Schreckwort jeden Übermuts — 
spukhaft ftihr mir*s durch die Knochen. 
Stockte nicht vor lauter Pflicht mein Blut? 
Sollt ich selbst mich unterjochen? 

Treue — ah! du Deckwort jeder Knechtschaft - 



DER VENUS 73 



wütend schlag ich's in den Wind. 

Gab mir meine Qual nicht Rechenschaft, 

was für Übel alle Tugenden sind?! 

Noch auf meinem stillen Lager heute 
mahnt mich all mein reuiges Ringen 
an die Wiistheit jener Rittersleute, 
die vor Gottgier meist zum Teufel gingen. 

Wie entraflF ich mich dem heiligen Greuel? 
Infernalisch wie ein blitzegeschwänzter 
Drache lockt mich meiner Zweifel Knäuel — 
niemals sah ich die Nacht beglänzter! 

Gleißner ich! mit was für Reizen 
hab ich stets mein Bestienpack bedacht, 
vor mir selber mich als Priester spreizend, 
der gewaltige Sündenböd^e schlachtet! 

Wie empfand ich mich als Sittenrächer, 
der den Dämon seines Bluts befriedigte, 
während ich, ein simpler Ehebrecher, 
mich zu dir erniedrigte, 

Venus Adültera. 

Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern! 
Nein, das darf dich nicht bekümmern. 



74 DIE VERWANDLUNGEN 

daß ich nicht „treu^ bin; rück nur her! 
Komm, ich hab ein Dutzend Seelen; 
wer kann all die ELammem zählen, 
sechse stehn mir grade leer. 

Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger! 

Höh, mein Kind, ich bin viel jünger 

als mein narbigtes Gesicht 

\\^ißt du, die Runzeln und die Hiebe 

tun erst die Würze zu Ehre und Liebe! 

Ja, das nannt ich als Student schon Pflicht: 

Viel geliebt! noch mehr getrunken! 
kuscht euch, Unken und Hallunken! 
heida, wie der Schläger pfiff! 
Soll das Leben dir was nützen, 
lerne bray dein Blut yersprützen: 
nicht gezud^t! los! blick und triffl — 

Hast doch auch schon ,31ut^^ verspritzt, 

oft hui, wie dein Auge blitzt: 

zürnst wohl gar dem frechen Buben? 
Was denn: Tränen?? o nicht doch! oh! 
Herzchen, soVas lernt man so 
in der Luft der Ehestuben! 

Komm: sei gut, Kind! gib mir die Hand! 
Hast ja Mut, Kind — und hast Verstand: 



DER VENUS 75 



nein, ich will dich nicht yerfiihren. 
Aber gelt, du wärst gern Braut? 
Hier das Venushalsband deiner Haut 
läßt verhaltene Wunsche spüren. 

Sieh mich doch an, du: ich bin kein Dieb! 

habe das Halsband nur so lieb 

und deine dunkeln Augenringe. 

Sieh doch, mein Blick ist ein zündender Pfeil, 

sprühenden Fluges ein sausendes Seil: 

komm, durch Höllen und Himmel 8oll*s uns sdiwingen! 



Ja — so wird aus Sehnsucht Sünde; 
Hölle, die den Himmel stürmt. 
Seele öffiiet alle Schlünde, 
die der Geist iings mühsam übertürmte. 

Denn Natur schürt wieder alle Gluten, 
die der Mensch beherrschte in Gedanken; 
lüstern lecken ihre Layafluten 



76 DIE VERWANDLUNGEN 

an dem Erzgertist der heiligen Schranken* 

Wie es hinsdunilzt! 'Wer kann*s kalt beschauen? 
Nur der Mond in seiner Licidienpracht 
Und die Seele badet sich im Grauen, 
und der Geist buhlt mit der Nacht. 

Bis er Freyel heckt wie Don Juan, 

der nur lüstern war aus Qualengier, 

ein vom Teufelswahn verlockter Gottesmann, 

fireudeloser als ein Tier. 

Nein, nicht Lust war*s, du Jungfräuliche, 
als ich deine Opferfreude schmeckte; 
ich genoß nur das Abscheuliche, 
zu entweihn dich Unbefleckte, 

VENUS MaCÜLATA. 

Drum komm, o komm, noch einmal schweigt 

so yoU ins Feld, so voll bereit 

der Mond ins Feld; noch einmal zeigt 

die weite Nacht, 

die zweite Nacht, 

mir deine nackte Seligkeit 

O komm, o komm, ich will dich sehn! 
rings rauscht der alte Eichenhain; 



DER VENUS 77 



die langen Wiesenhalme stehn 

so still, so weich 

am kleinen Teich, 

und schimmernd tauchen wir hinein. 

Und schimmernd, schimmernd heb*ich dich 

heraus ins dunkelgrüne Kraut; 

dein schwarzes Haar umrieselt mich, 

der Tau wird warm, 

und Arm um Arm 

erkennt den Bräutigam die Braut* 

Und dann— -o dann — o flieh! — denn dann: 

wir hatten Schooß in Schooß geruht: 

yon einer weißen Blüte rann, 

du sahst es nicht, 

im bleichen Licht 

ein Tropfen Blut — Dein Tropfen Blut — 



Eitle Rührung, frech Bedauern, 
Räubermitleid nach dem Raube. 



78 DIE VERWANDLUNGEN 

Oder war*s ein echt Ersdianem? 
Narr, was £ragst du — glaube! glaube! 

Selbst der Reinste muß erleben, 
von Verführungen umtobt, 
daß der Geist sein wahres Streben 
an Verirrungen erprobt. 

Und da lass ich mich von sdialen 
Skrupeln bis aufs Blut zerquälen? 
hier, wo hochher Sterne strahlen, 
die zu frischem Mut mich stählen! 

Nein, ich will mir*s kühn bekennen: 
auch die Lüste, die wir sdiuldbewußt 
Unnatur und Unzucht nennen, 
sind Natur und neue Züchtungslust — 

ich, der selber einst tiefinnen 

nur empor nach fr^erer Menschheit ächzte, 

während meine tierischen Sinne 

doch nach Dir tyrannisch lechzten, 

VENUS PERVERSA. 

Dort sitz nieder! sieben Elreuze 

zwischen uns! und gönn mir*s: sei nicht Tier! 

Sondern ich suche andere Reize: 



DER VENUS 79 



Dich: komm, liebe dich yor mir! 

Dich nur, Dich! nur deine yerschmachtenden Blicke 
und deine zuckende Scham und deine sdieuen 
Seufzer gönn mir — ja, entzücke 
mich mit Deinen Rasereien! 

Oh du, wenn die Knospen deiner welken 
Brüste unter deinen tastenden Fingern 
wieder sdiwellen wie in jungem 
Nächten — oh, dies Schwelgen — 

gönn mir*s, gönn mir*s! Meine eigenen Freuden 
sind mir Schaum, der bitter ist — 
aber Du, wenn Du so stöhnst und glühst, 
will ich mich an Deiner Wildheit weiden: 

wie du gleich enttäuschten Bräuten 
deine einsame Sehnsucht stilltest, 
deine heimlichen Seh'gkeiten 
mit berauschten Händen fühltest — 

fühlst — stillst Seele, bricht dein Blick? 

Oh du, laß mich diesen Blick genießen! 
dies Verröcheln von Lippen bis zu Füßen! 
recke dich nicht so starr zurück — 

Ekelt dich? — Ah — : witterst du nun den reifen 



80 DIE VERWANDLUNGEN 

Menschen? bist du satt der Kohnatnr?! • 
Und wir schaudern: wir b^;reifen 
den Triumph der Unnatur. 



\^hin fliehn nach solchen W>nnen? 
Damals lemt*ich die Ekstasen 
der entbehrungssüchtigen Nonnen 
würdigen, und das geistige Rasen 

derer, die yor lauter Brünsten 
nach der reinen Inbrunst schreien, 
während sie mit Marterkünsten 
bis zum Rausch ihr Fleisch kasteien. 

A^^lich, wenn der Heiligen Einer 
jetzt yor meinem Bett ersduene, 
brünstiger als ich rang keiner! 
Und mit eingeweihter Miene 

dürft ich ihm die Hände reichen: 
Komm, hier kannst du ruhig beten. 



DER VENUS 81 



Mußte doch selbst sie mir weichen, 
die Versucherin der Asketen, 

Venus Mystica. 

,,Ich möchte die Flamme umarmen !^^ 

Aus schwerem Schlaf 

in stiller Nacht 

weckte mich dies Wort; 

ich weiß nicht, wer es sprach; 

Stimme, wer Inst du? 

Nackt, mit bettelnden Fingern, 

weiten Armen, 

mit '^^besbrüsten, 

ein irrer Mund, 

flehst du aus der Nacht 

die große strahlende Flamme an? 

"W^g! sie brennt! 

Trunken naht ein grauer Blick, 

schwelt; 

um die klare Glut 

mit beiden Enieen 

schlingt sich heiß ein hitziger Schooß. 

\Veib: so nicht! 

ELalt, aufrecht seh ich 

in dein rauchschwarz flackerndes Haar 



IV 



82 DIE VERWANDLUNGEN 

die lidite Lobe fassen, 

dich yerzehreiKL 

Rein und ruhig 

steigt die feurige Säule 

aus der kurzen Beschattung 

mit dir an£ 

Stimme, so, nun darfst du 

— jauchze! — die Flamme umarmen* 



Wohl: so hat mein Herz in Züchten 
mein unzüditig Blut bekämpft, 
hat in Angst vor seinen Süchten 
seine Sehnsuchtsglut gedämpft, 

hat mir Sieg auf Sieg errungen, 
aber Frieden, Frieden — nein! 
In gespenstischen Peinigungen 
lebt*ich schreckhaft, bis selbst Dein 

reines Lichtgelüst mich reute, 
tief in einer trüben Nacht, 
die ich schlaflos so wie heute 



DER VENUS 83 



unter Geistern zugebracht, 

Venus Idealis. 

Ich lag in Zweifebi schon die halbe Nacht: 
Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm, 
doch darf ich folgen? ist's ein Geist der Wahrheit? 
ist*s Eitelkeit? so rang ich mit der Nacht. 
Und furchtsam dacht ich an das unverstandne 
Gebet der Kindheit: nicht wie Ich will, \ater, 
in Deine Hand befehl ich meinen Geist! 
Und heftiger rang ich, wie einst Jesus rang. 

Da bannte mich der Geist in Traum. Ich stand 
an eines A^^ltmeers aufgewühlter Fläche. 
Sehr finster war*s. Doch finstrer ragte noch, 
zackig ins Himmelsdunkel hochgetürmt, 
ein starr Gebilde wie ein Felseneiland. 
Dumpf um es schnob und brodelte die Flut, 
und ich erkannte, eine Sintflut war's, 
die ein verwittertes Stück Welt zerfraß. 

Auf einmal wurde Licht; grell quoll der Mond 
durchs wechselnde Gewölk, die Brandung glänzte, 
und hoch im Gischt in grauenhafter Ohnmacht 
rangen zwei letzte Menschen, Mann und Wdh. 
Ich sah sie sinken. Doch noch Einmal tauchte 
das Weib krampfhaft aus Sturz und Strudel auf: 
der nackte Körper bäiunte sich im Schaum, 



84 DIE VERWANDLUNGEN 

und schimmernd, während ihn der Schwall rersdilang, 
entwand sich ihrem zackenden Schooß ein Kind. 

Da war\ als kam ein Staunen in den Aufruhr; 

der Mond besänftigte die wüste Flut, 

die "Wellen hüpften um das kleine Leben 

und wuschen es und wiegten es und trugen 

es langsam durch die Khppen an das Eiland* 

Und nun gewahrtlch auf dem schroffen Gipfel 

ein andres Weib. Schwarz, ganz und gar rerhüllt, 

in riesenhafter Starrheit saß sie da; 

es war, als ob ihr Ebupt die Wolken streifi;e, 

einäugig starrte sie aufs Meer hinab, 

und bis ins Mark verwirrte mich der Blick. 

Doch furchtlos langte nach ihr auf das Kind* 

Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe, 

und nahm es mit gelassner Hand ans Herz, 

und öffnete die Tücher ihrer Brust, 

und tränkte es, und küßte es, und schaute 

ihm traumhaft in die Augen; liebreich glomm 

ihr Blick hinüber in des Kindes Blick, 

als zündete sie drin das Seelchen an. 

Und in dem Arm der Riesin wudis das Kind, 
und wuchs, und spradi das erste Wort, und wuchs. 
Da nahm es ron der Brust die Rätselhaftje 
und setzte mit gelassner Hand es wieder 
hinab ans Ufer, wo ein neues Land 



DER VENUS 85 



sich aus den Fluten hob, und hieß es gehen; 
ihr stummer Blick wies in die blasse Feme, 
dann saß sie starr und dunkel wieder da. 
Auf stand der Knabe, Furcht befiel auch ihn, 
der erste Schmerz verstörte seine Stime; 
und scheu gehorchte er, und ging, und wudis, 
und immer wachsend ging er immer weiter, 
bis ich im Morgendunst des Horizonts 
ihn einem Schatten gleich verschwinden sah. 

Nicht achtete das "Weib des Wandrers mehr; 

weitäugig starrte sie hinaus aufs Wasser, 

als müßten immer neue Menschlein kommen, 

sich Leben holen hoch an ihrer BrusL 

Da könnt ich ihren Blick nicht länger dulden: 

nur Einmal wollt ich in dies Auge sehn, 

dies Geisterauge, das dort oben über 

der grauen Flut aus seiner schroffen Höhe 

so groß und bleich im Mondlicht flimmerte. 

Und bittend, bettelnd hob ich meine Hände: 

O komm! komm her zu mir imd sieh mich an, 

wie du den Säugling ansahst! Einmal nur 

tu mir das Wunder deines Wesens auf! 

Gib mir Erkenntnis! gib mir Ruhe, Ruhe — 

Da stieg sie dröhnend von dem Felsgrat nieder. 
Vor ihren Schritten teüte sich die See. 
Und näher, immer näher kam sie dröhnend. 
"Vor Schreck und Jubel sank ich in die ELniee. 



86 DIE VERWANDLUNGEN 

Selige Träien übermannten mich* 
In strudelnden Farben floß ein liditmeer um rnkfa. 
Da stand sie ror mir, beugte sich herab. 
Mit bleierner Faust umspannte sie mein Kinn 
und bog es hoch« Aus meinen Trimen mußt idi 
sie ansehn: Aug in Auge — oh Erkenntnis: 
Stein war es! Stein! ein glotzender Opal! — 
Laut schrie ich in die Nacht, und wachte auf; 
da sah ich weinend in den grellen Mond. 



Ohnmacht, Scham, Verzweiflung, Selbstgefiihi 
schrien mir zu: Spei deiner Qual ins Antlitz! 
Lachhaft, lachhaft ist dein Kampfgewühl, 
Gottnatur ist Menschenwahnwitz! 

Menschheit ist ein sehnsuditstrübes Rühricht, 
überspannt ron einem Regenbogen. 
Darauf steht die schillernde Inschrift: 
hier wird grenzenlos gelogen! 

Brauchst du Rausch, den hat dir echt und klar 



DER VENUS 87 



Noah nach der Sündflut schon ersdilossen! 

Und idi brauchte ihn fürwahr. 

Wißt ihr*s noch, ihr alten Zechg^iossen? 

Strindberg, herrlichster der Hasser, 
Scheerbart, heiliges Riesenkänguruh, 
und Tor Allen Du, mein blasser, 
yampyrblasser Stachu du, 

der mit mir durch manche Hölle 

bis Tor manchen Himmel kroch, 

Cancan tanzend auf der schwindelnden Schwelle • 

Przybyszewski, weißt du noch: 

wie wir, spielend mit der blöden 
Sudit nach unserm Seelenheile, 
aufgestadielt von der öden 
Wüstenlufl der Langenweile 

und der Glut der Toddydünste, 
unser Meisterstück begingen 
in der schwierigsten der Künste: 
über unsem Schatten zu springen?! 

Wie wir jedes Weib verpönten, 
das nicht männlich mit uns tollte; 
wie wir selbst auf Nietzsche höhnten, 
der noch „"Werte'* predigen wollte! 



88 DIE VERWANDLUNGEN 

Denn auch wir, wir waren Jeder 
mehr als weiland Faust rerschrien. 
Darum schrieb ich auf mein Dichterkatbeder: 
Doctor sämtlicher Philosophieen! 

Und da sah ich endlich sie erscheinen, 
die noch niemals jemand sah, 
sie, die Schöpferin des All-Einen, 
sie, des Satans Großmama: 

Venus Metaphysica. 

Plötzlich sah ich draußen das Feld 
ganz Ton magischem Licht erhellt. 
Durch die äußersten Straßen von Berlin 
schien dies Licht mich ins Freie zu ziehn, 
ich mußte nur immer gehn und gehn, 
schließlich blieb ich im Sande stehn; 
halbhoch in der Unendlichkeit 
stand der Vollmond, meilenweit 
Ich wischte mir den Schweiß von der Stime, 
mir war so anders im Gehirne; 
ich fühlte, mir wollte was passieren, 
mir war so weltweit. Die Gaslatemen 
schienen sich förmlich zu entfernen. 
Hinter den schwarzen V)rstadtquartieren 
drüben am dunkleren Himmelsrand 
wurde ein Feuerwerk abgebrannt; 
der letzte Böller war kaum verkracht, 



DER VENUS 89 



da schlug's Tom Rathaus Mittemacht. 

Mir lief schon wieder der Schweiß yom Hute, 

der Juli lag mir wohl im Blute; 

ich sah mich um. Kein Laut von Leben; 

bis hoch ins höchste Äthermeer 

kein Bein! Die Landschaft dito leer, 

ganz leer — Berliner Landschaft eben, 

wo nur symbolisch hin und wieder 

ein borstiger Büschel Gras aufsprießt, 

als hätte der Sand ihn ausgeniesL 

Seltsam: was hat der Mensch ftir Glieder! 

Mich zwang ein geisterhaftes Regen, 

in diesen Sand mich hinzulegen, 

platt auf den Rücken. Der Mond stand grade 

senkrecht über dem Schomsteinschlund 

einer düstergrauen Fabrikfassade; 

da stand er blank imd kugelrund 

wie aus der SLanone hochgeschossen. 

Ich wünschte, er möchte runterfallen 

und diesen unheimlichen Schornstein zerknallen, 

und machte noch sonstige mystische Glossen, 

zum Beispiel über die Jakobsleiter, 

mir wurde immer weltenweiter. 

Auf einmal — ich rieb mir die Augenlider, 
aber wahrhaftig: jetzt schon wieder: 
der Mond, kein Zweifel, er rührte sich. 



90 DIE VERWANDLUNGEN 

Die Kugel rerschob ihre Flecken und Falten, 

sie schien mir beinah zwiegespalten; 

und was ich bisher fiir den Mond gehalten, 

die Greister überföhrten mich, 

das war ein bloßer Gewohnheitsgedanke. 

Denn £rei der blöden Sinnenschranke 

erkanntlch: es war die hintre blanke 

Lendenpartie und noch was Schlimmers 

eines überirdischen Frauenzimmers. 

Ihr Kopf war TöUig unsichtbar, 

auch Arme und Beine und ZehensjMtzen; 

sie mußte stark in Kniebeuge sitsen. 

Doch aus allem Übrigen sah ich klar: 

soVas, das gibt*s blos in höheren Zonen, 

sie hat, weiß Gott, Tier Dimensionen. 

So lag ich und entzückte mich 

an ihrer wunderbar schwierigen Stellung, 

mein Herz kam immer mehr in Schwellung, 

und nur das Eine bedrückte mich: 

ob die Geister wohl Unheil sinnten 

mit dieser Offenbarung ron Hinten. 

Und kaum geahnt, da seh ich schon, 

daß diese maßlose Weibsperson 

nicht still sitzt Himmel! sie kommt, mir graust, 

unaufhaltsam auf mich losgesaust, 

kommt immer näher, wird immer blanker, 

hinten ihr Bannkreis wird immer schwanker, 

mir schwindelt, mir rergeht das Lacht, 



DER VENUS 91 



mir will das Herz durch Haut und Hemd, 
zitternd erwart ich das Donnergewicht, 
und die Hände unter den Kopf geklemmt 
— jetzt: ich oder sie: jetzt kommt der Stoß, 
bumms! Schon will ich mich tot erklären, 
aber da sitzt sie mir, wupp, im Schooß, 
wupp: wie etwa die Hemisphären 
eines Tragischen Heroinen-Fopos* 

Also Mut! und als Kenner der weiblichen Form 

seh ich ihn mir nun näher an: 

hm, ganz entwickelt, doch nicht abnorm — 

wie einen das Jenseits doch täuschen kann! 

Sonst sah ich nichts als um den Kopf 

einen dicken, grauen, gepuderten Zopf, 

und da sie keine Anstalt machte 

sich umzudrehn, so schwieg ich und dachte: 

sie wird als Dame wohl Gründe haben, 

dich nicht mit ihrem Anblick zu laben* 

Die Beine hielt sie steif in der Mitte 

zwischen den meinen in den Sand; 

sie war wohl Yon dem luftigen Ritte 

noch echauffiert. So lag ich galant 

stille und fühlte durch die Hosen 

ihre unsterblichen Fulse tosen. 

Wupp! machte sie plötzlich wieder — und 

ich muß gestehn, mir tat das wohl, 

ich schloß die Augen — und wuppwup, hohl 



92 DIE VERWANDLUNGEN 

erscholl jetzt durch die Nacht ihr Mund: 

^ein Name ist Meta", wupp — genauer 

Frau Meta Physika" wupp. ^ch hin 

Astralweih" wupp — „und Yon ewiger Dauer." 

Mir wurde immer wohler zu Sinn, 

wie sie so jedes Komma und Zeichen 

nachdrücklich angab in meinen Weichen. 

Wiipp: ,,Wem nämlich die krause Welt 

nicht mehr genug yon Vorne gefällt, 

dem enthüll ich sie, wupp, von Hinten, 

in den unaussprechlichsten Tönen und Tinten* 

Und so hab ich mich, wupp, in Gnaden 

auch bei Dir zu Gaste geladen, 

wupp!" Das war mir nun sehr erbaulidi, 

aber sie wuppte mir fast zu gut; 

mir wurde immer dunkler zu Mut, 

immer beklommner, mir wurde graulig. 

Ich wollte die Augen ö&en — vergebens: 

ich lag im Starrkrampf rein geistigen Lebens. 

Wupp, ging^s unten in meinem Schooß 
mit Himmelskräften ron frischem los, 
während sie oben grollte: „Du kleines 
Menschlein willst dich gegen mich steifen? 
Was, ich bin dir zu dunkel gewesen? 
Ich? Na warte du: wupp! Ich, eines 
der allgemeinsten weiblichen Wesen, 
wupp, die nächtlich im Freien schweifen: 
warte, du sollst es schon begreifen. 



DER VENUS 93 



wupp, mein Ding-an-sich! wupp! zwar 

es ist haarsträubend, aber wahr!^^ 

Und wupp — ich hörte noch was wie ^^chleifen**, 

mir rauchte der Kopf, mir schwand der Wille, 

alle Gefühle standen mir stille; 

denn immer eifriger wurde, oh, 

dieser fürchterliche Astralpopo. 

Endlidi könnt ich mich wieder ermannen 
und wage zu blinzeln: herrgott, da schwellen 
ihre unbewußten Körperstellen 
mir entgegen wie zwei Riesenpfannen. 
Der Rücken ist — in beiden Axen — 
um mindestens drei Systeme gewachsen, 
ich kann ihn gamicht zu Ende sehn; 
Ton Kopf nicht mehr die geringste Spur, 
ein dürftiger Zipfel rom Zopfe nur, 
und nicht ein Wort mehr zu yerstehn. 
Doch, gottseidank, pausierte sie leise 
mit ihrer sitzenden Arbeitsweise. 

Idi überlege schon, ob ich sie bitte 

sich zu entfernen; da — wupp, wup wupp — 

stampft^s wieder los in meiner Mitte, 

jetzt fast schon wie*ne Kanone ron Elrupp* 

\^n oben hör ich wie Unkenstimmen 

dunkle Offenbarungen stöhnen, 

die immer übersinnlicher tönen 

und schon ins Transzendentale verschwimmen. 



94 DIE VERWANDLUNGEN 

Ich stöhne selber: wie komm idi los! 
Demi wapp, entsetzbch: mit jedem Stoß 
^nichst ihre physische Proportioii 
zurück in die yierte Dimension, 
und immer fetter schwoll und fetter 
ihr unermüdlicher ELatterletter/) 

Zwar ihr 'Vergnügen, das gönntlch ihr herzlich; 

aber mir wurde die Sitzung schmerzlich* 

Mein spiritistisches Fluidum 

spritzte schon literweise herum; 

ich hörte kaum noch ihr Gebrummsei, 

ich armes menschliches MedibumseL 

Sie wuppte, wupp, immer wuppiger, 

mir wurde immer matt^ und matter, 

sozusagen immer schaluppiger. 

Ich merkte mit Schrecken, daß ich platter 

und platter wurde, und mit den l^zten 

Kräften schrie ich ins Athermeer: 

„Madam! Sie werden mir zu schwer !^^ 

Aber ihre Bewegungen setzten 

sich mit unveränderter Miene 

nur noch kategorischer fort 

Sie trieb mir*s gradezu wie zum Tort, 



*) Anm. d. Setzers: 

Quatre lettres mmWet Buchiuben 

icheint der Herr Doctor gememt zu haboi. 



DER VENUS 95 



diese grenzenlose Buttermaschine; 

sie wollte mich yoUends, sdhien^s, vergeistigen* 

Jetzt wurde ich wikL Ich schrie: ,,Madam! 

Heda! Wie könnet Sie sich erdreistigen, 

mich so zu quetschen! ich bin kein Schwanun! 

So hören Sie doch! Sie altes Kalb, 

Sie Mondkalb Sie!^^ Da: hui, ein Kneifen, 

ich höre die Engel im Himmel pfeifen — 

„Herr, mit "Verlaub, ich bin ein Alb", 

brüllt sie, daß mir der Schädel gellt, 

„und bleibe auf eurer unglaublichen "Welt 

gefälligst so lange, wie Mir*s gefäUt, 

verstanden?!" Und hui, wupp, seh ich — o Grausen, 

Erbarmen, Rettung — ihren Zopf 

sich blähen und auf mich niedersausen: 

der ganze Himmel erscheint Ein Schopf, 

eine Wolke von dunstig wirbelnden Haaren, 

die immer spiraliger niederfahren: 

sie wickeln sich mir um alle Gelenke, 

um Hals und Arme imd Brust und Weichen — 

Gnade! ich kann kein Glied mehr rühren, 

vor meinen Augen tanzen verrenke 

riesige Paragraphenzeichen, 

die mir alle Sinne zuschnüren — 

Gnade, ich sticke! Luft! Vergebens: 

sie umwickelt mich immer wilder, 

vor meinem Geiste erscheinen die Bilder 

meines aprioristischen Lebens, 



96 DIE VERWANDLUNGEN 

während sie meinen sterblichen Rest 

immer platter a posteriori preßt — 

und wupp, ein Wühlen, und hui, ein Stieben: 

ich ftihle, wie sich die Seelenspitzen 

ihrer Behaarung in alle Ritzen 

und Poren meines Leibes schieben — 

ich möchte ächzen, ich kann nicht: ach, 

es kriecht mir kribbelnd in Ohren und Mund, 

in Gaumen, Kehle, Nase, und 

hapschih, pschih! nies^ich — und bin wach* 
Und liege im Sande mit der Nase, 
dicht bei einem borstigen Büschel Grase. 
Halbhoch in der Unendlichkeit 
stand der Vollmond, meilenweit. 



Und so hab ich mit Geläditer 
manchen Geisterrausch bestanden, 
trank als Raum- und Zeit -Verächter 
meinen Gottgeist fast zuschanden, 

trank midi frei von Menschheit, Welt und Weib, 



DER VENUS 97 



aber war das, war das Freiheit? Nein! 
Mitten in den knechtischen Zeitvertreib 
herzerkältender Spöttereien 

tratest Du, Du, die gleich mir gelitten 
unter Irrtum, Schuld imd Sehnsuchtsleid 
und sich dennoch Lebenslust erstritten, 
herrlich in Liebseligkeit — 

Und ich sah die Wärme deiner Wangen, 
deiner Augen strahlende Hoffnungsmacht: 
eines Sommerglückes Prangen 
mitten in der Wintemacht! 

Und ich zeigte dir mein scheues Wehe; 

und du nahmst es schmeichelnd in den Schooß. 

Aber wild erschrak^s Yor neuer Ehe. 

Und ich rang mit dir — und rang mich los — 

los — und ließ mich vollends von der Schwere 
meiner Einsamkeit, ich Narr, bezwingen; 
iiber Länder, iiber Meere 
trug ich ihre Last mit lahmen Schwingen. 

Auf den blumigsten Inseln Griechenlands, 
an Italiens blauesten Uferborden 
saß ich echter deutscher Duselhans 
ToUer Heimweh nach dem Norden. 



IV 



98 DIE VERWANDLUNGEN 

Und jetzt lieg ich hier auf meinem harten 
Pfiihl in dieser fremden kalten Kammer 
und yerwühl mich mit erstarrten 
Gliedern wieder in den alten Jammer. 

Wie auch Du wohL Und ich seh und höre 
mich als Geist in brütenden Nebeln schwimmen 
und dein ruhlos Herz beschwören, 
prüfend, mit gedämpfter Stimme, 

Venus Occülta. 

Ist das noch die große Stadt, 

dies Geraune rings im Grauen? 

diese Männer, diese Frauen, 

kaum erschienen, schon verschwunden; 

und die Sonne steht so matt 

wie ein kleiner, rotgewordner Mond da. 

Drück dich dichter an mich an, 

wie der Nebel an die Mauern! 

Keiner stört den stillen Bann, 

wenn wir Blick in Blick erschauem. 

Sieh, wir schreiten wie vermummt in 'Weihrauch; 

jeder wilde Laut wird stumm. 

Hebe deinen dunkeln Schleier, 
daß dein Atem mich erquickt! 
Keiner stört die stille Feier, 



DER VENUS 99 



wenn sich lins in diesem Dunste 
fester Hand in Hand verstrickt 
Diese Straße mündet in den Himmel. 

Oder weißt du, wo wir sind? 
Küsse mir die Augenbrauen, 
küsse mir die Seele blind! 
Diese tote Stadt ist Babel, 
und ihr blasser Dampf umspinnt 
eine tausendjährig trübe Fabel. 

Alle Farben sind ertrunken. 

Nur auf deinem schwar25en Haare 

flimmern noch die Purpurfunken 

deines Hutes aus Paris, 

rot wie unsre Lippenpaare; 

und mein blauer Wettermantel raschelt. 

Du, was träumst du? Deine Augen 
waren eben wie zwei Kohlen, 
die sich von der Glut erholen; 
ja, du bist Semiramis! 
Und in seinem dunkelblauen Mantel 
fuhrt dein Odhin dich ins Paradies. 

Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen, 
bis der Gott zu seiner Göttin kam, 
und du hast manch braven Mann, 
ich manch gutes Weib verlassen; 



100 DIE VERWANDLUNGEN 

aber dies ist ansre leiste Irrfahrt, 
drück dich dichter an midi an! 

Sag mir — Nein: horch! was für Töne? 

warum stehn wir so erschrocken? 

Dies verhaltene Crestöhne 

aus den Wolken, dies Gedröhne, 

kannst du diesen Lärm begreifen? — 

Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken. 

Vor yerschiednen hundert Jahren 
herrschte hier ein Gott der Leiden 
über traurige Barbaren. 
Komm, wir woUn die Götter trösten, 
daß sie sich in Dunst auflösten, 
wir zwei seligen, verirrten Heiden. 



Aber sind wir denn noch Heiden heut? 

will ich denn ins alte Paradies? 

Hat nicht Er so Mann wie Wfeib erneut, 



DER VENUS 101 



der die Kindlein zu sich kommen ließ? — 

Helft mir, Sterne! Hoch ob meiner Pein, 
hoch ob jener Häuser finsterm Graus, 
wie auf Bethlehem so mild imd rein 
strahlt ihr fernhin auf mein Vaterhaus. 

Sprach er wahr, der klagende Lebenstraum, 
den mein Wille gestern Nacht durchschritt? — 
Lautlos starrt der dunkle Weltenraum; 
und im stillen wanderst du wohl mit, 

Venus Vita. 

Und nun ein Feldweg, und um Morgengrauen; 
die kahlen Bäume stehen da wie tot, 
ich aber wandre, ohne aufzusdiauen. 

Ich fiihle eine Furcht; und Regen droht. 
Ich höre den gedüngten Acker schweigen; 
und heute wird kein Morgenrot 

Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen 
sagt keine Tafel mir die rechte Spur: 
soll ich hinunter, soll ich steigen? 

Da deucht mir, in der tiefen Flur 

rief mich mein Name, aus ersticktem Munde. 

Ich horche; Nichts. Im Osten nur 



402 DIE VERWANDLUNGEN 

enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde. 
Es ist kein Slem, es schimmert wai^m und traut^ 
mir dämmert eine längst vergangne Stunde, 

und wieder hör ich fem und laut 

die bange Stimme meinen Namey^rufen; 

und mir grauL 

Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen 

bekannt; ich bin so wandermatt. 

Und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen? 

Hinab! — Schon wird der Abhang glatt; 
auf einmal, wie von einem Eanderwagen, 
springt mir ein Rad 

unter den Füßen auf. Ich seh es jagen, 

es springt und rollt den Kiesweg vor mir her, 

seh's Funken schlagen; 

mein Schreck, mein Zittern wird Begehr, 
ich muß ihm nach, es haben! Bis zur Kehle 
hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr, 

und immer ruft mich klagend jene Seele 

und winkt das Licht, 

das Rad — halt! — Jetzt — : ich greife — fehle — : 

es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh's zerbricht! 



DER VENUS 103 



Ich fass'es, stürze — wach'ich? — meine matten 
Finger umklammern es Nein — nicht: 

in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten. 



'Werd'ich also stets ins Leere fassen? 
lebt nichts ewig vor mir her? 
Nein! ich will mir nicht vom Leben mehr 
meinen BUck verblenden lassen. 

Dir selbst, ihr verführerischen Sterne, 
wozu schürt ihr meine Seelennot? 
Eisig haucht die gleißnerische Ferne: 
ewig lebt allein der Tod. 

Sei's denn! Umso unfaßbarer, freier, 
umso weiter, unbegi'enzter 
strahlt des Daseins Auferstehungsfeier — 
niemals sah ich die Nacht beglänzter! 

Stirb, du Sehnsucht meiner Jünglingsnächte: 
eine reifere Inbrunst lebt mir nun: 



104 DIE VERWANDLUNGEN 

Einst wird all dies tiefe Trachten ruhn, 
aber ihm entsteigt in höhere Prächte 

Venus Mors. 

Eine rote Feuerlilie schreitet 

riesig durch die Weltennacht 

Von der Sonne bis zum Sirius breitet 

sich ihr Scharlachkelch. Der Schacht 

des gezähnten Schlundes kocht yon Gluten, 

düster flammt des Randes Zackenfime; 

um die wirbelnden Gestirne 

schlingt sie hungrig ihre Samenruten. 

Grell aufzüngelnd schlürft sie die getrennten 
Welten gierig in den brünstigen Schooß; 
aus den schwarzen Firmamenten 
ringen Sonne, ärius sich los. 
Lodernd sehn sie die Unendlichkeiten 
ihrer alten Sehnsucht überbrückt; 
aus den Angeln wanken sie verzückt, 
zu einander stürzen die befreiten. 

Taumelnd folgen, brodeln, glühen 
ringsum die Trabantenlüfte; 
aus der brennenden Lilie sprühen 
Layastürme durch die EKmmelsgrüfte. 
Auf der Erde rast ihr Licht als Mord; 
sengend frißt es Wälder, Ströme, Quellen, 



DER VENUS 105 



Asche trieft aus blendenden Wolkenhöüen, 
alle Kreatur verdorrt. 

Nur ein Brautpaar will noch fiihlend enden, 

keuchend, schon erblindet beide; 

mit den heißen Liebeshänden 

tastet er an ihrem Kleide. 

Aber in der Nacht der Seele 

wird der wilde Durst zur Wut: 

tastend wittert er ihr Blut, 

beißt er, schlürft er sich in ihre Kehle. 

Alles saugt der große Flammenschlund. 

Elreisend will er überschäumen. 

Rissig klaSl der zuckende Muttermund, 

Dämpfe bersten, Feuerpollen säumen 

den zerfetzten Riesenbltitenrand: 

eine neue Welt entrollt der toten — 

Strahlend quillt sie aus dem morgenroten 

furchtbar*n Siriusliebestodesbrand. 



Dahin also sehnt sich alles fort, 



106 DIE VERWANDLUNGEN 

was auf Erden glimmt und flammt und loht; 
selbst die flackernden Straßenlichter dort 
Und ich denk zurück an Dein Gebot, 

als ich heut aus erstem Schlummer fuhr, 
aufgescheucht von deinem Traumgesicht, 
daß der Menschenwille von Natur 
Bastard bleibt aus Finsternis und Licht, 

Venus Homo. 

Nun weißt du, Herz, was immer so 
in deinen Wünschen bangt und glüht, 
wie nach dem ersten Sonnenschimmer 
die graue Nacht verlangt und glüht; 
und was in deinen Lüsten 
nach Seele dürstet wie nach Blut, 
und was dich jagt von Herz zu Herz 
aus dumpfer Sucht zu lichter Glut. 

In früher Morgenstunde 

hielt heut ein Alb mich schwer umstrickt: 

Aus meinem Herzen wuchs ein Baum, 

o wie er drückt! und schwankt! und nickt! 

Sein seltsam Laubwerk tut sich auf, 

und aus den düstem Zweigen rauscht 

mit großen heißen Augen 

ein junges Vampyrweib — und lauscht 



DER VENUS 107 



Da kam genaht und ist schon da 

Apoll im Sonnenwagen. 

Es ilanmit sein Blick den Baum hinan; 

die \^amp3rrbraut genießt den Bann 

mit dürstendem Behagen. 

Es sehnt sein Arm sich wild empor, 

vier Augen leuchten trunken; 

das Nachtweib und der Sonnenfiirst, 

sie liegen hingesunken. 

Es preßt mein Herz die schwere Last 

der üppigen Sekunden. 

Es stampft auf mir der Rosse Hast; 

er hat sich ihr entwunden. 

Schon schwillt ihr Bauch von seiner Frucht, 

hohl fleht ihr Auge: bleibe! 

Er stößt sie sich vom Leibe, 

von Ekel zuckt des Fußes Wucht, 

hin rast des Wagens goldne Flucht. 

Es windet sich im Elrampfe 

und stöhnt das graue Mutterweib. 

Mit ihren Vampyrfingem gräbt 

sie sich den Lichtsohn aus dem Leib. 

Er ächzt — ein Schrei — Erbarmen — : Ich, 

mich hält der dunkle Arm umkrallt! 

Da bin ich wach doch hör ich, 

wie noch ihr Fluch und Segen hallt: 



108 DIE VERWANDLUNGEN 

Drum sollst du dulden, Mensch, dein Herz, 

das so von Wünschen bangt und glüht, 

wie nach dem ersten Sonnenschimmer 

die graue Nacht verlangt imd glüht; 

und sollst in deinen Lüsten 

nach Seele dürsten wie nach Blut, 

und sollst dich mühn von Herz zu Hers 

aus dumpfer Sucht zu lichter Glut! 



Seltsam: plötzlich ist mein Keller, 
ist mein ganzes Bett yerdunkelt, 
während jeder Stern noch heller 
über jenen Häusern funkelt 

An der Straße stehn wie Schemen, 
stehn erloschen die Laternen. 
Soll ich*s mir als Zeichen nehmen? 
Ja! als Zeichen von den Sternen! 

Wie nach wilder Flucht ein Höhlentier, 



DER VENUS 109 



wie einst DaTid Nachts vor Saul verborgen, 
so voü Hinunelshofihung wart ich hier, 
so voll Bangen auf den Morgen. 

Denn ich fiihl's, ich muß sie wiedersehn — 
doch ein Zaudern, das ich kaum begreife, 
raunt in mir: dann muß sie vor dir stehn 
als die Wissende, die reife 

VENUS Sapiens. 

Nun, du Eine, tritt heran, 
höre meine wahrsten Laute; 
höre zu wie Jonathan, 
als sich David ihm vertraute. 
Schwer vom Hohn und Übermute 
Goliaths herabgemächtigt, 
hat bis heut in meinem Blute 
noch der greise Saul genächtigt 

Zwielicht Sterbend hängt die scharfe 
Zunge aus dem Lästermaul. 
Sieh, mm weint dein König Saul, 
denn dein David singt zur Harfe. 
Alle Kleider sind zerrissen, 
die den alten König schmückten; 
brütend hört er den Entzückten 
nahen aus den Finsternissen. 



ilO DIE VERWANDLUNGEN 

Goliath tot! den König schauert; 
seine Sdiwermut ahnt das Ende« 
Und dein Sänger steht und trauert: 
blutbefleckt sind seine Hände. 
Aber weiter muß er schreiten, 
seine Töne sind ein Bann, 
selig greift er in die Saiten: 
Komm, o komm, mein Jonathan! 

Traure nicht um den gebeugten 
\äter, dem vor morgen graut; 
denn die Trübsal ist die Braut 
aller nicht vom Geist Gezeugten. 
Jonathan, du sahst ihn sitzen, 
den Berater deiner Reife, 
nackt und schamlos, und das steife 
Haupt umstarrt von Lanzenspitzen. 

Und du sahst vor seinem Zelt 
sterben den Philisterfiirsten; 
aber Leben braucht die Welt, 
laß uns nach dem Geiste dürsten! 
Denn es weht von allen Hügeln 
immer neu sein ewiger Segen; 
lerne nur dein Herz beflügeln, 
und er wird auch Dich bewegen! 

Jonathan, zu jeder Frist 

sei nun meiner Liebe sicher; 



DER VENUS Ui 



und sie ist viel sonderlicher, 
als mir Frauenliebe ist. 
Glutwind droht den jungen Saaten; 
nimm den Bogen in die Hände, 
daß dein Pfeil mir Warnung sende, 
sinnt der Vater Wahnsinnstaten. 

Jonathan, hier steh ich nackt; 
du mein Bruder, Freund, Berater, 
hilf mir, wenn die Glut mich packt! 
Jona! Weib! noch giert der Vater! 
Jona, Schwester! unsre Kinder — 

Gattin! weinen meine Saiten 

„David, konun! du Überwinder 
unsrer Unwillkürlichkeiten" . . . 



Wird sie so mir Antwort blicken? — 
Ja! kein Argwohn soll mir mehr 
meine Glaubenslust ersticken — 
ihre Seele atmet zu mir her. 



il2 DIE VERWANDLUNGEN 

Und in alle meine Finsternisse 
dringt auf einmal lichter Sinn: 
sclmnmemd wie durch \\^lkenrisse 
schwebt ein Wesen ob mir hin: 

das beginnt mich anzulachen, 
jungyertraulich, altvertraut — 
O, komm her aus deinem BKmmelsnachen, 
ja, seit ewig warst du meine Braut, 

VENUS FANTASIA! 

Leih mir noch Einmal die leichte Sandale; 
sage, wer bist du, holde Gestalt? 
Reich' mir die volle, die funkebde Schale, 
die du mir fülltest so viele Male! 
Bist du die Jugend? Werde ich alt? 

O! dann fülle die funkelnde Schale; 
warum entweichst du mit aller Gewalt? 
Leihe, o leih mir deine Sandale! 
Willst du verschwinden mit einem Male, 
weil ich Tor dich einst Törin schalt? 

Jetzt, jetzt preislich die leichte Sandale; 
horch, o horch, wie mein Loblied schallt! 
Reich' mir noch Einmal die volle Schale! 
Laß sie mich schlürfen zum letzten Male, 



DER VENUS 113 



eh du verschwindest — o halt! halt! halt — 



Ach — muß jeder Traum so enden? 

Nüchtern hchtet bald der Tag 

meine dämmergrauen Wände. 

Und Ton Stern zu Stern hin sinnlich nach, 

wie doch jüngst dein flüchtiger Trost mich fireute, 
hoch in einer hellen Nacht, 
die ich ruhelos wie heute 
unter Geistern zugebracht, 

Venus Regina. 

Ich träumte, und ich wußte, daß ich träume; 
ich träumte, eine Fürstin sei gestorben. 
Barhäuptig, nur ein spärliches Gefolge 
Ton Trauernden, so stehn wir auserw'ählt 
in einem grauen Räume, dumpf beengt 



IV 



114 DIE VERWASDLVNGEN 

Yom düfltem Elreis der alten SandBteinMuIen» 

Yom Balsamdufte, den die Tote atmeL 

Am Sari^ophage, der von Eisen ist, 

steht der gebeugte Fürst; von oben stiebt 

ein fahles Licht in die Rotunde, streift 

sein jugendliches Haar, den Sarg, und flinunert 

zu seinen Füßen in der offiien Gruft:« 

Der Fürst weint. Seine Tränen, einzehi, l^ngaftin^ 

zerblitzen an dem Eisenrand der Truhe; 

der Stein des Bodens saugt die Tropfen ein. 

Und auf der Truhe les*ich wie im Traum, 

nein nicht, ich träume nicht, ich lese deutlidi 

in großen, grauen, eisernen Buchstaben: 

REGINA SEMPITERNA MORTUA _ 

seltsam: die Herrscherin, die ewig lebt, 

die hegt hier tot. Ich habe ein Geftihl: 

der Fürst hat seine Gattin sehr geliebt! 

Ich höre staunend, wie wir alle singen, 

ich selbst mitsingend: 

Selig trauern 

Edle um ein edles Leben. 

Nie verliert sich, was gewesen; 

wenn du deines Grams genesen, 

wird in Sehnsucht, wird in Schauem 

dir dein Wesen 

das Verlorne wiedergeben* 

Jetzt hat der junge Fürst sich aufgerichtet; 



DER VENUS 116 



er wendet sidi« Es ist ein Elaiser. Ja: 

ich träume nicht: es ist ein Deutscher Kaiser, 

im Exönungskleide steht er. Nein: es ist: 

ich träume doch wohl? ja, du bist mein Freund, 

mein einst in Lumpen umgekommener Freund, 

in Sdiuld und Sdiande, jetzt ein Elaiser -^ nein: 

ich träume nicht: ich selbst, Ich bin der Fürst. 

Ich winke. Meine Edehi nahn und heben 

und senken mir mein Liebstes in die Gruft. 

Ich höre die gestrafften Seile gleiten, 

ich stehe abgewandt, ich weine nicht; 

nur selbst mit Hand anlegen könnt ich nicht, 

nur nicht es sehn, nur diesen Balsamduft 

nicht riechen mehr — o singt! singt mir das Lied, 

ich mag dies marternde Geräusch nicht hören, 

ich will nicht schluchzen! Und im Chore schluchz*ich, 

schluchzt das Gewölbe: 

Selig preisen 

Freie ein befreites Wesen. 

'Was lebendig ist, will leben; 

lerne mit den Geistern schweben! 

'Wenn sie dich aus deinen Kreisen 

mit sich heben, 

bist du deines Grams genesen. 

Und ich beherrsche mich. Mein Herz verlangt 
nach Licht. Und während hinter mir gedämpft 



116 DIE VERWANDLUNGEN 

die dunkle Holle tönt, tret'ich ins Freie — 
taumle — : der blaue Mittagshimmel drückt mir 
blendend die Augen zu, betäubend stürmt ein 
vieltausendstimmiger Jubel in mein Ohr, 
der Atem stockt mir, ich erinnre midi, 
ich kann jetzt sehn, es ist mein jubelnd 'Volk, 
ich habe gestern ein Edikt erlassen 
„Mein Volk soll fröhlich seine Toten ehren" 
so wollte sie*s — und wieder stürmt der Jubel. 
Sie feiern Frühling. In Terrassen leuchtet, 
vom Glitzergrün der Wipfel überbrämt, 
ein weiter Park von Linden unter mir. 
Ich steige nieder. Durch das schwärzliche 
Gewirr der Aste glänzt das Festgewühl, 
flimmern die Wiesen her. "Von weißen Tauben 
scheint alles Laub durchschwirrt; ein Maigeruch 
bewegt die warme Luft imd macht sie köstlich. 
Doch Tauben fliegen nicht so wellenlinig — 
nein, Blütenquirle! Blüten weißen FUeders, 
ein Meer von weißen Fliederblüten quirlt 
zwischen dem MenschenjubeL Ich erkenne: 
sie fassen, sie verlassen sich im Reigen, 
im Reigen reichen sie die Blütenzweige 
sich dar, und dem Geruch zuschreitend seh ich: 
sie sind ganz nackt. Nein, ihre Glieder atmen 
ein Licht aus, das sie einhüllt wie ein Schleier 
durchsichtig dicht Um Hals und Handgelenke 
schimmern Geschmeide. Ihre Schultern schmücken 
zartzarte Flügel wie von märchengroßen 



DER VENUS 117 



Tagschmetterlingen oder Blumenbrattem; 

und wer in Blondhaar geht, hat blauen Schmelz, 

wer braun ist, feuerroten — nirgends Schwarz. 

So tanzt mein Volk imd schwingt die Fliederzweige 

und ehrt den Willen Meiner Lieben Frau 

und sieht mich schreiten, wie im Traume schreit*ich, 

und Jeder jubelt Und auf einem Rasen 

sprudelt ein Brunnen, den ein Schwärm von Mädchen 

singend umwandelt: 

Tröstliche Lüste 

halten im Tode Leben verborgen. 

Wissen macht Sorgen. 

Wenn er sich drückte an meine Brüste, 

wenn er mich küßte, 

wußten wir nichts von gestern und morgen. 

Mein Krönungskleid beengt mich; eine Wärme 

strahlt wärmer als der Hinmiel aus dem nackten 

Geleucht der Jünglinge und Mädchen. Seltsam: 

von Schaar zu Schaar beschau ich mir mein Volk: 

es sind nur jugendliche Menschen da. 

Von Plan zu Plan sucht mein besorgtes Herz: 

auch für die Alten ist doch Frühling! Aber 

die Alten, seh ich, sind zu Haus geblieben; 

sie murren wohl im Zwielicht ihrer Stuben, 

sie kennen nicht mein kaiserliches Herz. 

O, meine Jünglinge, singt lauter! ihr, 

ihr ehrt den Willen ünsrer Lieben Frau — 



118 DIE VERWANDLUNGEN 

o lauter! Und das Laub der Linden bebt 
vom Chor der Männer: 

Lust ist "Verschwenden, 

leben heißt lachen mit blutenden 'Wunden, 

Jahre sind Stunden! 

Wenn sie an deinen beseligten Lenden 

schien zu verenden, 

hieltet ihr Höllen mit Himmeln verbunden! 

Und immer wärmender wird ihr Geleucht, 

und immer drückender mein Exönimgskleid, 

es brennt mich schon, ich werde rasten müssen; 

ich will das Fest verlassen! Schon zerfließt 

das Spiel der bunten Flügel fem im Grünen; 

die Sdiultem schmerzen mir, der Park scheint endlos. 

Die Bäume werden dichter, werden Wald; 

ich komme in ein Tal voll alter Bilden, 

ich atme auf. Hier dringt der helle Jubel 

nur noch wie heiliges Wipfelbrausen her, 

kaum lauter als der Quell, der meinen Fußpfad 

murmelnd begleitet Tiefer sinkt das Tal 

und biegt um einen Vorsprung, und der Quell 

zerrieselt im Geröll zu Silberfäden, 

die wie ein Lied — nein: eine Stimme klingt — 

das Tal wird Schlucht, ein Strudel blinkert unten, 

die Birken streim bewegte Schatten drauf, 

ein Brückensteg — und am Geländer lehnen 

von Sonnenlichtem überd'ämmert zwei 



DER VENUS 119 



der nackten Mädchen. Singend läßt die Blonde 
ihr Haar vom Wasserstaub besprühn, ich horche, 
ich bebe — träum'ich denn? — sie sieht mich, Beide 
sehn mich imd singen: 

Warum beben? 

Nur im Herzen ist es dunkel. 

Was die Tiefen uns gegeben, 

auszuleben, 

mahnt des Baches Quellgefunkel* 

Nein, nicht Traum! nein: mein süßer Schreck ist Leben! 

und ihre Stimmen leben; Beide lebt ihr! 

Du aber, Du da mit den Himmelsfarben, 

du hast die Stinmoie Meiner Lieben Frau, 

du sollst mein Trost sein, wie sie mir verhieß! — 

Ja, sie erwartet mich: sie winkt, sie kommt 

Ich sehe, wie der Sdmnmer ihrer Brüste 

zwischen den Birken auftaucht und verschwindet. 

Schon hebt sich deutlich von den weißen Stämmen 

ihr Hals ab, ihr Türkisenschmuck und Arm, 

ihr Gang, und der Rubinenschmuck der Andern. 

Wie Atemzüge höht und senkt sich sacht 

der Flügel Himmelsblau und HöUenrot 

Schon kann ich ihre Augenlichter sehn; 

und seh sie, sehe sie, und wieder schießt mir 

der süße Schreck vom Herzen in die Schläfen, 

denn Du da, Du da mit den braunen Augen, 

du hast die Augen Unsrer Lieben Frau, 



120 DIE VERWANDLUNGEN 

du sollst der Trost sein, den sie mir ▼erhieß! — 
Jetzt haben sie sich Hand in Hand gefaßt; 
sie bleiben stehn, sie winken midi heran; 
hinab! hin! ich! Sie fliehn; ich keuche schon. 
Sie schwimmen durdi den Bach ans andre Ufer. 
In meinem Krönungskleide breit*ich ihnen 
die Arme nach; ihr helles Lachen klingt. 
Sie stehn und singen: 

Kannst du schweben? 

Aus dem Tal der Einsamkeiten, 

wo die Elräfte sich eriieben, 

ruft das Leben 

heim zum Wettspiel die befreiten. 

Sie wenden sich, sie wollen mich verlassen, 

wieder hinauf die Schlucht, zurück zum Fest. 

Sie brechen Zweige vom Gebüsch, sie kränzen 

im Gehn ihr Haar damit — o bleibt doch! wartet! 

ich kann nicht nach so schnell! der Wassersturz! 

die Brücke liegt zu weit! mein Krönungskleid, 

mein schweres Krönungskleid, o wartet doch, 

ich werf es ab! da liegt es! O wie leicht 

atmet der nackte Mensch! — Das Wasser schäumt mir 

um Brust und Schultern. Ich bin drüben; ich 

erreiche euch! Sie flüchten. Ich bin schneller. 

Ich höre hinter mir ein Schwirren: ich 

bin auch beflügelt Sausend, doppelfarbig, 

aus Hinunelsblau und HöUenrot geflanunt. 



DER VENUS 121 



treibt mich mein Schwingenpaar der Blonden zu: 

ich halte sie. Ich — Beide muß ich haben: 

dich mit den braunen Augen will ich noch! 

Jetzt! — Nein. Die Blonde ist entschlüpft. Sie jauchzen. 

Sie reichen sich die Hände. Jubelrufe 

begrüßen unsre Jagd; Gesang; ein Reigen 

tanzt blütenschwingend uns vom Fest entgegen. 

Jetzt: zwischen meinen Fingerspitzen — ja: 

hier braun, hier blond, ihr fliegendes Haar — und jetzt: 

ich halte Beide . • • ach ... ich bin erwacht 



Wie verschüchtert stehn die Sterne; 
manche sind schon fast verschwunden. 
In der zwielichtfahlen Feme 
mahnen sie an schwache Stunden. 

Aus den hohen Häusern drüben gähnen 
alle Fenster dicht verhangen. 
Wieviel Lust mag da sidi schämen 



122 DIE VERWANDLUNGEN 

nnter den geschminkten Wangen. 

Wieviel Freiheit hodct da mißgestalt 
Freude, Freude, laß mich nicht verzagen! 
Über jenes Dach wird bald, 
bald der Morgenstern sich wagen. 

Dunkle Allmacht, die ihn sendet, 
hilf mein suchendes Herz behüten, 
daß nicht neuer Trug es blendet! 
Nein, hilf nicht! ich will*s nicht hüten! 

Trotz dem Notschrei des Propheten, 
trotz der tausendjährigen Fleischverfluchung, 
will ich wieder und wieder beten: 
ftihre, föhre uns in Versuchung! 

Sei gepriesen, ewige Leidenschaft! 
Wer Gefahr scheut, kann nicht siegen. 
Laß uns mit geprüfter Kraft 
aufstehn, wenn wir unterliegen! 

Herz, vertraue deinem Triebe! 
Seele, deine Weltbetrachtung 
wird nur durch den Mut der Liebe 
frei von Ekel, Reue und Verachtung. 

O, schon spürst du'^s! Sieh, da steht sie wieder 
trostreich vor dir, wie sie damals stand. 



DER VENUS 123 



als sie innerst aus dem Äther nieder 
ihren Pfad in deine Kammer fand: 

VENUS CONSOLATRDC 

Da kam Stern Lucifer; und meine Nacht 
erblaßte scheu vor seiner milden Pracht 
Er schien auf meine dunkle Zimmerwand, 
und wie aus imerschöpf licher Phiole 
durchflössen Silberadem die Console, 
die schwarz, seit lange leer, im Winkel stand. 

Auf einmal fing die Säule an zu leben, 

und eine Frau erhob sich aus dem Glanz; 

die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz 

von hellen Rosen zwischen grünen Reben. 

Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte 

so sanft wie meine Heimatflur im Schnee, 

die Rüsche aber, die den Hals begrenzte, 

so blutrot wie die Blüte Aloe; 

und ihre Augen träumten braun ins Tiefe, 

als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe. 

Sie breitete mir beide Arme zu, 
ich sah erstaunt an ihren Handgelenken 
die starken Pulse springen und sich senken, 
da nickte sie imd sagte zu mir: Du — 
du bist mühselig und beladen, komm: 



124 DIE VERWANDLUNGEN 

wer viel geliebt, dem wird auch viel vemehen. 
Du brauchst das große Leben nicht zu fliehen, 
durch das dein kleines lebt. O komm, sei fromm! 



(Der MitteUatz dieser Phantasie, der die 
eagenhaften Tugenden der Magdalenl' 
ecken und der Nazareniechen Maria in dem 
hier dargeeteUten weiblichen Wesen iwr- 
einigt zeigt, ist durch Urteil des Berliner 
Jjondgerichtes pom So. August i8gy 
für unsittlich erklärt worden und darf 
daher öffentlich nicht mitgeteilt werden.) 



Da sprach sie wieder und trat her zu mir: 



DER VENUS 126 



Willst du mir nicht auch in die Augen sehn?! 
Und meine Blicke badeten in ihr. 

Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn, 
ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben, 
mich selig tiefer, immer tiefer streben, 
ich glaube auf den Grund der 'Welt zu sehn — 
weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben, 
und ihren Kranz von Rosen und von Reben 
umklammernd, während wir verbebeo, 
stamml'ich: o auf — auf — auferstehn! — 



Auf! In solcher Tiefe kann 
ruhig nur die Urkraft strudeln. 
Furchtsam fühl ich reifer Mann 
wieder Kindheit in mir sprudeln* 

Aber diese Furcht ist herrlich kühn, 

ist die Ehrfurcht vor dem Übermächtigen. 



186 DIE VERWANDLUNGEN 

Mit Entzücken seh ich euch verblühn, 

bleiche Sterne! Sanft rerdrängt die näditlichen 

Einzellichter ein noch kaum Geleuchte, 
aber leuchtend wird es kühner: 
yVo mir nichts als Grauen deuchte, 
fängt ein Häuflein silbergrüner 

Morgenwölkchen an zu gaukeln, 
Hoffiiungsinseln, goldgeränderte — 
an den weißen Ufern schaukeln 
Freiheitsgondeln, buntbebänderte — 

Wohl, sie werden bald zerfließen, 
aber ihre Farbenwellen 
wirbeln weiter und ergießen 
Trost in tausend Kerkerzellen. 

Dankbar staun*ich in das Lichtgetriebe: 

all der Glanz ist mir durch Dich entglommen. 

Dich, du eine, einende Liebe, 

der die Lüste alle fronmien, 

Venus üniversa. 

Du sahst durch meine Seele in die Welt, 

es war auch Deine Seele: still versanken 

im Strom des Schauens zwischen uns die Schranken, 

es ruhten Welt und Du in Mir gesellt 



DER VENUS 127 



Dein Auge sah ich grenzenlos erhellt: 
Erleuchtung fluteten, Erleuchtung tranken 
zusammenströmend unsre Zwiegedanken, 
in Deiner Seele ruhte Meine Welt 

Und ganz im Weltgrund, wo sonst blindgeballt 
entzweite Lüste hausen voller Fehle, 
enthüllten sich auf einmal unsre Hehle 
vereint als lauter Liebeslustgewalt 

Denn Liebe ist die Freiheit der Gestalt 

vom Bann der Welt, vom "Wahn der eignen Seele. 



Das ist Liebe. Und mit leichtem Sinn 
gäb*ich all mein ernstes Selbstbeschauen 
spielbereit für Dein Empfinden hin, 
du liebseligste der Frauen! 

Ja, solch Spiel das ganze Leben, 
Lieberes könnt ich nicht erwerben; 
Frohsinn hast du mir gegeben! 



128 DIE VERWANDLUNGEN 

Doch auch Du, auch Du wirst sterben. 

Wild und wehe und zum letzten Mal 

wird mein Herz an deinen Leichnam schlagen; 

still in unserm Freudensaal 

wird dein steinern Bildnis ragen. 

Einsam werd*ich wieder dann erschauem 
vor den wirren Weltgewalten; 
oh Vernunft, sie überdauern 
unser menschliches Gestalten. 

Blaß im Leeren steht der Morgenstern, 
nur noch wie ein überflüssiges Pünktchen; 
und doch hängt sich immer wieder gern 
jede Seele an dies Fünkchen. 

Bis aufs Meer hin sieht mein Geist es stehn 
über tausend angstbefahrenen Gleisen, 
sieht's in teilnahmloser Bahn sich drehn 
bis ans Ende aller Erdenreisen — 

sieht die Schaaren der vom Sturm Umbrandeten, 
die Myriaden der nach Rettung Wfaikenden, 
der Gescheiterten, Gestrandeten, 
der Verschmachtenden, Ertrinkenden — 

sieht sich mitgequält von all der Qual: 
Seele, Seele, stirbst du nicht vor Grausen?! 



DER VENUS 129 



Aber da vertreibt den trüben Sdiwall 
eine Stimme, stemhin ein Erbrausen: 

VENUS HEROICA: 

Psalm an den Geist 

Bleibe dir heilig, Geist: 

Herr deiner Seele! 

Ein fremder Sdiein beirrt dich noch: 

was spähst du nadi Schiffen im Nebel, 

▼on Andern gelenkt?! 

Aus deinem Leuditturm blickst du hinab, 

imd Ströme, auf denen der Erdball durchs Weltdunkel rast, 

reißen an dir und reizen zum Sturz 

hinimter ans lauernde Ufer. 

Dort standest du schon als Jüngling; 
und während Woge auf Woge kam, 
schriebst du, den Krückstock tief einbohrend, 
Namen auf Namen in den feuchten Triebsand, 
geliebte Namen — und keiner blieb. 

Manche taten schon so 
und wurden stolze Verzweif 1er. 
Aber mächtig macht nur der Glaube; 
imd Niemand lebt, den sein Tiefstes 
nidit noch über die Sonne hinaufweist, 



rv 



130 DIE VERWANDLUNGEN 

über die Sterne, und weiter. 

Sahst da nidit gestern die 2iinmierleute, 

wie sie die Lieiche auf der Lieiter trogen, 

Tom Neubau weg: 

machte nicht jeden ihrer schweren Schritte 

die Elrafl des Abgestürzten 

sichrer als je ihn selber?! 

Warlich, Keiner von Diesen 

wird sich zu Tode stürzen; 

und wenn sie einst den Geist aufgeben, 

wird jede dieser sechs Handwerkerseelen 

— wir Alle sind Erben — 

hell triumphierend an den Schauder denken, 

als sie den Andern auf seinem ^N^^rkzeug trugen^ 

Bleibe dir heilig, Geist: 

Herr deiner Seele! 



Auf denn, Seele! reck die Glieder! 
fast beschämt mich mein Geträume; 



DER VENUS 131 



draußen hör ich meinen biedern 
Schuster schon am \^rktisch riäumen« 

Und sein närrischer Altgeselle 
wird nun gleich nach Frühstück brüllen 
und midi dann mit Bibelstellen 
ganz wie Tolstoi mürbe knüllen. 

\Varte nur, verehrter Schutzpatron: 
heut kommt*s änderst! Mit den Mucken 
deiner christlidien Passion 
kannst du dann den Pedidraht jucken. 

Ja, ihr würdigen deutschen Volks-Betbasen, 
faltet nur entsetzt die Hände! 
Ehre genug für eure jüdisdien Phrasen, 
daß ich meinen Groll euch spende. 

Wie mein gallischer Freund Charles Simon grollt, 
dem ich mich verbrüdert fiihle 
mehr als jedem Teutobold: 
,Ja nation c'est la crapüle.** 

Himmel! kaum begreif ich noch die Sorgen 
meiner düstem Selbstbetrachtung; 
fröstelnd wie der junge Moi^^en 
reiß ich mich aus der Umnachtung. 

Nur noch Einmal will ich rückwärts sdiaun 



132 DIE VERWANDLUNGEN 

auf die grimmigen Wochen meiner Haft; 
nein — sie wehrt es mir mit letztem Grau^i, 
sie, die Stimme unsrer Schaffenskraft, 

VENUS MEA. 

Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden, 

idi habe nun genug geschaut nadi Osten; 

die Seele will in ihren Abendlanden 

Vollendung kosten. 

An dem Tor des neuen Eyagartens 

steht ein knöchernes Gerippe, 

mit dem Ausdruck des Erwartens, 

aber nicht mehr in der Faust die Hippe. 

Sein Scheitel schimmert; eine Phönixfeder 

ragt aus der Redhiten steil zum Sonnenrand, 

die spiegelt flammenfarbig, was je Jeder 

war tmd empfand. 

In der Stunde einer Liebesfrucht 

sprüht ein Strahl aus diesem Spiegel; 

dann erlischt die Wonnesudit, 

keusch empfängt der dunkle Keim sein SiegeL 

Schon dämmert Glanz; kristallne Ketten hängen 
klar her zu dir aus väterlidien Sphären. 
So sollst auch Du didi aus der Dämmrung drängen 
und dich yerkl'ären. 



DER VENUS i33 



Seele, bis dein grau Gehirn sich lichtet, 

wie die Sonne sdieint durch Eis, 

und dir deine Brunst beschwichtet 

und im Traum selbst deinen Willen weiß. 

Noch flinunert*s erst; tief lockt die alte Nacht 

mit ihrer Schaar verwormer Muttergluten. 

Doch du wirst weiterstrahlen! du bist Macht! 

sieh, rings sind Fluten: 

wenn zwei Liebende zusammensinken, 

durch dein Glanzbild einst begeistert, 

und im Rausch dann blind ertrinken, 

wird ihr Keim von Deinem Geist gemeistert 

So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters 
sollst du dem alten Garten kalt entschreiten; 
dir weist die Phönixfeder unsres Wächters 
Unsterblichkeiten . . • 



Nun verblich der Stern der Frühe; 



134 DIE VERWANDLUNGEN 

meine Augenlider brennen. 
Und die Sonne kann mit Mühe 
die gefiromen Nebel trennen. 

Mich yerdrießt mein näditüch Brüten. 
Drüben an den H'äoaerwänden 
sprießen diamantne Blüten. 
Meine Prüfung kann nun enden. 

Dieser Keller: dumpfer Zwinger! 
Auf die dunstbelau&en Sdieiben 
will ich breit mit steifem Finger 
Venus Rediviva schreiben! 

Denn ich weiß, du bist Astarte, 
deren wir in Ketten spotten. 
Du Ton Anbeginn, du harte 
Göttin, die nicht auszurotten. 

Idi jedoch war weidi wie glühend Eisen; 
darum sollst du mich in Wasser taudien, 
bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen 
und der Stahl wird, den wir brauchen. 

Nicht mehr will ich meine Brunst kasteien, 



DER VENUS 135 



bis sie mit berauschter Durstgeberde 
wünscht, daß unsre Lüste fruchtbar seien 
und ein ^Wiirm zur Göttin werde. 

Nach der Nacht der blinden Süchte 
seh ich nun mit klaren bloßen 
Augen meine Willensfiüchte; 
denn ich bin wie jene großen 

Tagraubyögel, die zum Fliegen 
sich nur schwer vom Boden heben, 
aber, wenn sie aufgestiegen, 
frei und leicht und sicher schweben. 

Glitzernd harrt mein Horst Du Eine, 
die ich liebe: Ja und Amen: 
heute komm ich! heut soll meine 
Klarheit deinen Schooß besamen! 

Schon errötet dort ein Giebel; 
Sonne, madi ein bißchen schneller! — 
Tolstoi, bring mir meine Stiebel, 
heut yerlass ich deinen Keller! — 



138 DIE VERWANDLUNGEN 



ÜBERSICHT 

Das entschleierte Schwesternpaar Seite 11 

Die Verwandlungen der Venus 33 

Venus Anadjomene 35 

„ „ Primitiya 39 

,, „ Pandemos 41 

„ ,, Soda 46 

,, yy Excelsior 48 

„ „ Creatrix 50 

yy yy Urattia 53 

„ „ Religio 58 

yy yj Madouua 60 

„ „ Mater 61 

99 yj Manuna •••.•• 62 

,, 9, Natura 64 

„ „ Bestia 66 

Amor Modemus Domesticus 70 

Venus Adultera 73 

,9 „ Maculata 76 

„ „ Perversa 78 

„ 9, Mystica 81 

„ ,9 Idealis 83 

yy „ Metaphysica 88 

„ „ Occulto 98 

„ „Vita 101 

,, ,, Mors 104 



DER VENUS 139 



Venös Homo Seite 106 

„ Sapiens 109 

„ Fantasia 112 

„ Regina 113 

y, Consolatrix 123 

„ Universa 126 

„ Heroica 129 

„ Mea 132 

Schluß der Verwandlungen 135 



DRUCK VON WDRUGULIN Di LEIPZIG 
Deckeheichnung und Tttelmonogramme iwn ff^ttr Tiemann 



'9. 



y on tjj© Jant data str 



ocfit» ^ daviai 



THE BORROWER WILL BE CHARGED 
AN OVERDUE FEE IFTHIS BOOK IS NOT 
RETURN ED TG THE LIBRARY ON CR 
BEFORE THE LAST DATE STAMPED 
BELOW. NON-RECEIPT OF OVERDUE 
NÖTIGES DOES NOT EXEMPT THE 
BORROWER FROM OVERDUE FE 








Xk%\ 



• L«- 



^-= 



^■> 




4*'/ 



^;^& 



*^ : * 



l / 



'>.-:-■